Spezial zur Europawahl

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Lange Zeit wurde zu skeptisch auf die Entstehung einer europaweiten Öffentlichkeit geschaut. Doch neue Technologien überwinden Grenzen – bald lesen wir die FAZ auf Französisch.

Gibt es eine europäische Öffentlichkeit? Und wenn ja, inwieweit ist diese wirklich schon verankert? In den Köpfen der Europäer als auch in der Praxis der Medien? Sie steckt sicher noch in den Anfängen, doch sie entwickelt sich gerade stark. Oft überwiegt allerdings noch eine skeptische Betrachtung und eine europäische Öffentlichkeit wird als utopisch abgetan. Aber hat nicht die Realität diese skeptische Betrachtung schon überholt?

Eine gewisse europäische Öffentlichkeit gibt es bereits. Es gibt sie in den Netzwerken von Kultur, Kunst, Sport, Film, Pop Musik, Mode und natürlich Wirtschaft – hier schon oft als Teil einer globalen Öffentlichkeit. Man denke nur an die Champions League, den Eurovision Song Contest, die Venedig Biennale, die Berlinale, die Milan Fashion Show und natürlich all die tagtäglichen Wirtschafts- und Handelsverbindungen, europäischen Firmenzusammenschlüsse als auch die zivilgesellschaftlichen Netzwerke.

Nicht nur Propaganda

Aktuell durchleben wir eine Blütezeit der Entwicklung einer europäischen Öffentlichkeit. Anlass dazu ist vor allem die schwere Wirtschafts- und Währungskrise, begleitet immerzu auch von grundsätzlichen Zweifeln am europäischen Gedanken. Europa steckt in einer schweren Identitätskrise. Doch egal wie schwierig die Krisenbewältigung bisher auch immer war (und sie ist sicher noch nicht bewältigt), hatte sie auch einen positiven Nebeneffekt.

Die Krise war ein Katalysator für die Entwicklung einer europäischen Öffentlichkeit im Habermas’schen Sinne. Öffentlichkeit, in der Kommunikationsflüsse so gefiltert und synthetisiert werden, dass sie sich zu themenspezifisch gebündelten öffentlichen Meinungen verdichten. Die Krise hat fast ganz Europa gleichzeitig erfasst und durch die europäische Währungsunion sind die Mitgliedstaaten gezwungen, gemeinsame Lösungen zu finden.

Das führt dazu, dass dieselben Themen zeitgleich in Europa diskutiert werden, dass sich Kommunikationsflüsse bilden, synthetisiert werden und sich themenspezifisch gebündelte öffentliche Meinungen bilden zu Themen wie beispielsweise Sparpolitik, Jugendarbeitslosigkeit, Steueroasen, Bankenrettung und Datensicherheit. Das ist nicht gemütlich, aber es sind echte Debatten mit kontroversen und starken Meinungen von echten Menschen, nicht nur Propaganda für oder gegen Europa.

Katalysator für die europäische Öffentlichkeit

Zugegeben, noch werden diese Themen großenteils in nationalen Medien und Sprachen diskutiert, aber die Themensetzung und Argumentation laufen parallel und je nach politischer Ausrichtung auch ähnlich und koordiniert. Wir sollten diese nationalen Debatten über europäische Politik als Zwischenschritt zu einer sich entwickelnden supranationalen europäischen Öffentlichkeit begrüßen. Neben der Krise gibt es noch zwei weitere Katalysatoren, die eine europäische Öffentlichkeit fördern: der Umbruch der Medienbranche sowie neue Technologien.

Die Medienbranche befindet sich in einem revolutionären wirtschaftlichen und technologischen Umbruch. Alte und neue Medienhäuser suchen und testen neue Geschäftsmodelle, um im Internetzeitalter mit journalistischen Inhalten Geld zu verdienen. Neben Paywalls, effektiver Online- und Mobilwerbung, Data Harvesting und Kuratierung von nutzergenerierten Inhalten ist die Erschließung neuer geografischer Märkte eine ernst zu nehmende wirtschaftliche Option für die Medienbranche, nicht zuletzt weil die Druck- und Vertriebskosten im Internet fast wegfallen.

Dies wird potenziert durch soziale Medien wie Twitter, Facebook, Pinterest und Reddit, die ja schon jetzt als übernationale Plattformen funktionieren und damit ein natürlicher Nährboden einer europäischen und sogar globalen Öffentlichkeit sind. Die Suche nach der Erschließung des europäischen Medienmarktes kann so zu einem Katalysator für die europäische Öffentlichkeit werden.

Bisher haben Versuche, europäische Medien zu etablieren, auch deshalb nicht funktioniert, weil es Sprachbarrieren gibt. Englisch funktioniert als Mediensprache nur für eine kleine Gruppe von Medienkonsumenten. Das Sprachproblem könnte allerdings in den nächsten Jahren irrelevant werden, wenn neue Technologien eine sofortige Qualitätsübersetzung von Medieninhalten möglich machen.

Neue europäische Medien

Schon jetzt kann man mit „Google Translate“ Web-Inhalte in andere Sprachen übersetzen und konsumieren. Wenn sich die Übersetzungstechnologien weiter verbessern, könnte es bald möglich sein, dass man die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ in Französisch oder den „Guardian“ in Spanisch direkt lesen kann. Oder aber neue europäische Medien könnten sich etablieren, die sofort paneuropäisch konzipiert, kuratiert und online sowie in der jeweiligen Sprache des Lesers vertrieben werden. Der Umbruch in der Medienlandschaft sowie die neuen Technologien könnten so europäische Medienformate hervorbringen, die themenspezifisch gebündelte öffentliche europäische Meinungen verdichten.

Bei Medien und Technologie kann man optimistisch sein, dass sich hoffentlich der Markt und die technologische Kreativität durchsetzen werden. Vor allem aber brauchen wir echte europäische Politik, die eine europäische Öffentlichkeit braucht als auch erzeugt. Auch wenn Europa als Krisenthema hoffentlich von den Titelseiten verschwinden wird.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Barbara Pfetsch, Jo Leinen, Anke Offerhaus.

Leserbriefe

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Aus der Debatte

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Mehr zum Thema: Europaeische-union, Europaeische-identitaet, öffentlichkeit

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