Spezial zur Europawahl

Aus der Geschichte lernen

Als der innere Zusammenhalt dahin war, versank das Römische Reich. Wollen wir die Fehler der Römer wirklich wiederholen?

Aus der Geschichte lernen. Ein schöner Spruch, der leider zu einer Floskel verkommen ist. Und das, obwohl es sich um weise Worte handelt, die eine sinnvolle Herangehensweise suggerieren. Warum sie also nicht in die Tat umsetzen, anstatt ein und dieselben Fehler zum zigsten Mal zu begehen?

Aktuell ließe sich dieser Leitspruch beispielsweise ausgezeichnet auf jenes Staatengebilde, welches wir Europäische Union nennen, anwenden. Aber aus welchem Teil der europäischen Geschichte sollte man Schlüsse ziehen, die sich auf dieses einmalige Konstrukt anwenden ließen? Noch nie stand Europa so sehr für Frieden, Einigkeit und Demokratie wie heute. Doch die Probleme und Herausforderungen, vor denen die EU steht, lassen sich weder leugnen, noch kann oder darf man sie ignorieren.

Parallelen zum Römischen Reich

Auch wenn nicht wirklich alle Wege nach Rom führen, bietet sich das Römische Reich als historischer Lehrmeister an. Zugegebenermaßen gibt es zahlreiche Differenzen zwischen dem Reich und der Union. Es gibt aber auch Parallelen, aus denen sich lernen ließe.

Während Rom vor der Entstehung des Römischen Reiches nicht mehr als ein malariaverseuchtes Sumpfgebiet war, war Europa vor der Entstehung der EU ein Trümmerhaufen. Das Römische Reich mauserte sich zu einem der größten Imperien der Weltgeschichte, die Europäische Union zu der größten Handelsmacht der Welt. Beide zeichnen sich durch ein komplexes Rechtssystem sowie ein einheitliches Währungssystem aus. Beide sind, beziehungsweise waren, ein Konglomerat aus verschiedensten Kulturen und Sprachen.

Die EU hat aber allein deshalb ein viel größeres Potenzial, die sich daraus ergebenden Schwierigkeiten zu überwinden, weil es sich eben nicht um eroberte Gebiete, sondern um einen freiwilligen Zusammenschluss von Staaten handelt. Während im Römischen Reich die Herkunft und die damit verbundene Kultur, derer man entsprang, großen Einfluss auf Rang, Stellung und Aufstiegschancen eines jeden hatten, spielen diese Aspekte heute zunehmend weniger eine Rolle. Kulturtransfer war vielleicht einmal eine Einbahnstraße, muss es aber nicht mehr sein.

Die kurz gefasste Geschichtsschreibung lehrt uns, dass das Römische Reich, wobei damit meist nur der weströmische Teil gemeint ist, durch die Völkerwanderung unterging. Vandalen, Franken und Westgoten wollten nicht mehr länger vor den Grenzen des Reiches verharren. Dem militärisch geschwächten Reich gelang es zunehmend weniger, den plündernden und mordenden Invasoren standzuhalten und verlor schließlich immer mehr Gebiete, bis es seine Existenz einbüßte.

Abschotten und nicht teilen

Heute sind es nicht mehr Vandalen oder Goten und auch keine Armeen, die ein Stück vom Wohlstandskuchen der EU abhaben wollen, sondern Flüchtlinge aus aller Welt, die in ihren Heimatländern – aus welchen Gründen auch immer – keine Zukunft sehen. Hier liegt ein essenzielles Problem der EU begründet. Anstatt das Flüchtlingsproblem auf einige wenige Länder der EU zu schieben, in denen Asylsuchende bevorzugt ankommen, sollte man sich möglichst schnell eine gemeinsame Strategie überlegen. Dabei sollten eine hermetische Abriegelung der Grenzen und das kostenlose Rückflugticket für Flüchtlinge nicht Hauptbestandteile sein. Denn was passiert, wenn man bestimmten Gruppen den Zugang langfristig verwehrt – wie es bei eben jenen Völkern der Fall war –, lehrt uns die Geschichte.

Die größte Herausforderung aber, vor der die Staaten der EU heute stehen, scheint die ungleichmäßig verteilte finanzielle Stärke beziehungsweise Schwäche der einzelnen Staaten zu sein. Ähnlichen Problemen sah sich auch das Römische Reich unmittelbar vor seinem Zerfall ausgesetzt. Ein Fakt, der viel zu selten Erwähnung findet: Mangelnde Steuereinnahmen und Plünderungen führten zu leeren Staatskassen im Westreich. Der Ostteil des Reiches hingegen verfügte zu dieser Zeit noch über ausreichend finanzielle Mittel. Teilen wollte man diese ab einem gewissen Zeitpunkt jedoch nicht mehr. Innenpolitische Querelen führten also zu einem Versiegen der Geldquelle für den Westen.

Geografisch hat sich die Lage zwar verschoben. Tatsache ist aber, dass heute wie damals manche Gebiete finanziell besser dastehen als andere. Ähnlich verhält es sich mit der Bereitschaft, diese finanziellen Mittel zu teilen. Anfänglich unterstützte das Ost-Reich, wenn auch mit Vorbehalt, seinen Counterpart im Westen noch. Der Leitsatz des Reiches, divide et impera, war aber bald vergessen. Den jeweiligen Herrschern der Gebiete gelang es nicht, ihre Differenzen beizulegen. Das Resultat ist allseits bekannt.

Aus der Geschichte lernen

Die Art und Weise, wie innerhalb der EU über finanzielle Hilfen für Krisenländer wie Griechenland oder Italien diskutiert wurde, erinnert in gewissem Maße an das Verhalten der Römer. Auch wenn es den Staatsoberhäuptern der EU letzten Endes gelang, sich zu einigen und es zu der Einrichtung des Rettungsschirmes und anderer Instrumente kam, wurden immer auch Stimmen laut, die sich entweder gegen diese Maßnahmen aussprachen, oder aber ihre Einmaligkeit unterstrichen.

Wir sollten es tunlichst vermeiden, den Fehler der Römer zu wiederholen und bei erneuten Krisen die monetären Hilfen einzustellen, denn das Resultat wäre das Ende der EU. Sprich: Wir sollten schlicht und einfach einmal aus der Geschichte lernen.

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