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„Sotschi ist ein bizarres Projekt“

„The Sochi Project“ dokumentierte die Vorbereitungen zur Winterolympiade in Russland. Projektgründer Arnold van Bruggen erklärt, was die Spiele so seltsam macht – und warum Wladimir Putin sich nicht einmal an Naturgesetze halten muss.

The European: Sie haben ein Buch und eine Webseite mit dem Namen „The Sochi Project“ veröffentlicht und stellen dort den Austragungsort der diesjährigen Winterolympiade vor. Auf mehr als 400 Seiten entblößen Sie den Wahnsinn von Sotschi – was können wir so über das heutige Russland lernen?
van Bruggen: Es zeigt vor allem, dass sich Russland nicht scheut, zynische Entscheidungen zu treffen. Denn der Nordkaukasus ist die ärmste und gefährlichste Region des Landes, mit seinen Grenzen zu Abchasien und Georgien – 50 Milliarden US-Dollar lässt sich Putin seine PR-Show kosten.

The European: Eventuell wird es sogar noch teurer.
van Bruggen: Die aktuellen Zahlen kennt niemand wirklich. Manche behaupten, die Kosten lägen bereits bei mehr als 60 Milliarden US-Dollar – und da diese Gerüchte niemand aus der Regierung dementiert, vermute ich, dass sie der Wahrheit recht nahe kommen. Es ist einfach ein bizarres Projekt.

The European: Vor allem, weil sich ganz Sotschi den Spielen anzupassen scheint. Sie verlinken auf Ihrer Webseite auf ein grandioses Video, das einen Hotel-Manager zeigt, der bereit ist, alles und jeden zu feuern, der weiterhin „der sowjetischen Mentalität“ nachhängt. Wieso hat die Olympiade so großen Einfluss?
van Bruggen: Sie sind nach wie vor das prestigeträchtigste Event der Welt. Die Marke und Ideale der Olympiade sind sogar stärker als die Realität. Denken Sie an Peking, wo 1,5 Millionen Menschen umgesiedelt wurden. Oder an London, und die fast schon militärischen Sicherheitsvorkehrungen. Die Olympiade ist etwas sehr Seltsames geworden und gleichzeitig ist ihre Anziehungskraft unwiderstehlich.

„Die Anziehungskraft der Spiele ist unwiderstehlich“

The European: Sie zitieren Wladimir Putin, der „echten Schnee“ garantiert hat.
van Bruggen: In Russland gibt es ein hierarchisches System, das den Männern an der Spitze erlaubt, zu sagen: „Wir werden die Olympiade ins Land holen, sie in einer subtropischen Küstenstadt abhalten und dafür sorgen, dass innerhalb von sieben Jahren alles Nötige aus dem Boden gestampft wird – selbst die passende Einstellung der Bewohner.“ Und dann wird das genau so umgesetzt. Die gesamte Infrastruktur musste von Grund auf gebaut werden: Buchstäblich alles, was die Menschen während der Spiele benutzen werden, ist brandneu. Die Hotels, Spielstätten, Straßen, Tunnel und Flughäfen. Dabei hat sich ganz real nur wenig verändert. Das alte Sotschi hat es einfach nicht gepackt. Es hat sich als unmöglich erwiesen, die Einstellung der Menschen dort umzukrempeln. Deshalb wirken die neuen olympischen Stätten wie UFOs.

The European: In Ihrem Buch gibt es ein Foto, das eine kleine Hütte inmitten eines Felds zeigt. Laut Bildunterschrift sollte dort das olympische Gelände entstehen. Wie haben sie das geschafft?
van Bruggen: Das autoritäre Regime muss die Dinge nur anstoßen und dann kann es selbst Natur und Berge umformen und Platz für die Winterspiele schaffen. Möglich macht es der Verkauf von Öl und Gas – und die Ernennung einiger Oligarchen, die dann pflichtbewusst, aber entgegen ihrer eigentlichen wirtschaftlichen Überzeugung in Sotschi investieren.

The European: Dennoch bleibt es ein enormer Aufwand.
van Bruggen: Natürlich. Aber ich glaube, dass es am Ende gelingen wird, auch wenn die Spiele zwar vom enormen Sicherheitsaufwand überschattet werden. Es wird also eine kriegsähnliche Olympiade. Es könnte sogar Terroranschläge geben – wenn nicht in Sotschi selbst, dann um Umland der Stadt. Da bin ich mir recht sicher. Ich wünschte, es wäre anders, aber das halte ich für unvermeidlich. Und dennoch werden sie die Spiele über die Bühne bringen, dafür wurde einfach zu viel Geld und politisches Kapital investiert.

The European: Waren es diese Absurditäten, die Ihr Interesse geweckt haben?
van Bruggen: Ja, aber auch die Kontraste der Region. Wir kannten die Gegend bereits ein wenig und wussten etwas über den Nordkaukasus. Wir wussten also, dass es eine gute kontrastreiche Geschichte abgeben würde: Hier das subtropische Klima, dort die Winterspiele. Hier der Konflikt, dort das Event. Hier die Armut, dort die teuerste Olympiade aller Zeiten. So viel war bereits 2007 klar, als sie versprachen, neun Milliarden US-Dollar zu investieren. Als Journalist musste ich mich dann auch an eine fixe Deadline gewöhnen.


© Rob Hornstra / Flatland Gallery. From: An Atlas of War and Tourism in the Caucasus (Aperture, 2013).

The European: Wie meinen Sie das?
van Bruggen: In den letzten fünf Jahren konnten wir viele Geschichten über Südossetien verkaufen, wenn darin nur ein Satz über die Olympiade in Russland auftauchte. Wir konnten jede Menge Geschichten produzieren und verkaufen, die wir ansonsten nie losgeworden wären. Das gab uns die Chance, die gesamte Region gründlich zu dokumentieren – für uns war das sehr wichtig.

The European: Sie haben einen interessanten Ansatz gewählt, um aus dem Leben der einfachen Bevölkerung zu erzählen. Sie setzten sich auf eine Flasche Wodka mit ihnen zusammen, gingen in die Mensa einer Nervenheilanstalt oder sprachen mit den Bürgermeistern kleiner Städte in den Konfliktgebieten. Warum haben Sie es auf diese Weise versucht?
van Bruggen: Wir machen keine Nachrichten, sondern Reportagen. Manche Leute nennen das entschleunigten Journalismus. Wir haben einen anthropologischen Zugang zu den Geschichten. Ich bin kein Meinungsmacher – wenn ich etwas schreibe, dann möchte ich, dass es auf den Erfahrungen vieler Menschen basiert. Nur wenn ich mit Hunderten Menschen im Nordkaukasus rede, kann ich ein Buch über die Region schreiben. So etwas geht nicht, nachdem sie bloß einen Politiker oder Polizisten gesprochen haben. Außerdem ist es die logische Folge dessen, dass ich mit einem Fotografen unterwegs bin. Wenn ich nur drei Leute treffe, kann daraus keine Fotostrecke entstehen. Auf diese Weise bin ich zu Orten gelangt, die ich nie gesehen hätte, hätte ich alleine gearbeitet.


© Rob Hornstra / Flatland Gallery. From: An Atlas of War and Tourism in the Caucasus (Aperture, 2013).

The European: Wie lange haben Sie insgesamt vor Ort verbracht?
van Bruggen: Insgesamt wohl zwölf Monate, verteilt über fünf Jahre.

The European: Was hat Sie am meisten überrascht in all der Zeit?
van Bruggen: Alles war am Ende viel seltsamer, als wir vorher glaubten – und viel stärker miteinander verflochten. Bis vor einem Monat haben uns die Leute immer gefragt, was den Nordkaukasus mit Sotschi verbindet. Seit den Attacken von Wolgograd ist diese Verbindung offensichtlich. Aber so ging das jahrelang. Auch wenn dort Menschenrechte eingeschränkt und Aktivisten und Anwälte eingeschüchtert wurden, war die Story für viele Menschen einfach nicht interessant.

„Wir wurden immer wieder verhaftet“

The European: Teilen Sie die Auffassung, dass viele Menschen einfach keinen Schimmer vom Kontext der Olympiade in Russland haben? Dass die Spiele in einer subtropischen Region ausgetragen werden, scheint kein Gesprächsthema zu sein.
van Bruggen: Das ist einer der Gründe, warum wir das Projekt gestartet haben. Hätten Sie bislang nichts gelesen und würden einfach den Fernseher anschalten, würden Sie vom Hintergrund der Spiele nichts ahnen. Sie wüssten nicht, was Sotschi für eine Stadt ist, wie nahe sie an der Grenze zu Abchasien liegt und warum diese für einen Monat vor und nach den Spielen geschlossen wird. Deshalb haben wir so zeitig angefangen, zu berichten.

The European: Gab es Schwierigkeiten während Ihres Aufenthalts in der Region?
van Bruggen: Fünf oder sogar zwei Jahre vor den Spielen war es vollkommen unproblematisch. Das änderte sich erst im vergangenen Jahr. Jetzt dürfen wir nicht mehr nach Russland einreisen – sie geben uns einfach kein Visum mehr. Die russischen Behörden wollen nicht, dass jemand die Situation im Nordkaukasus mit den Spielen in Verbindung bringt. Wir wurden also immer wieder verhaftet.

The European: Mit welcher Begründung?
van Bruggen: Irgendwas haben sie immer gefunden. Oft wurde uns gesagt, es würde eine Anti-Terror-Übung stattfinden und Fremde dürften deshalb nicht in die Region reisen. Aber natürlich wurden solche Operationen immer geheim gehalten und man wusste nie, was einen erwartete, bevor man vor Ort war.

The European: Welche Steine wurden Ihnen noch in den Weg gelegt?
van Bruggen: Nordossetien, die friedlichste Republik, erlaubt Fremden nur das Reisen entlang der Hauptstraßen und zu den vier größten Städten. Natürlich wussten wir von diesem Gesetz nichts – ebenso wenig das Außenministerium in Moskau. Dennoch wurden wir verhaftet und konnten unsere Arbeit nicht fortsetzen.

„Ich kann mir kein positives Erbe vorstellen“

The European: Wie fühlen Sie sich nach diesen Aufenthalten? Sollte die Europäische Union entschiedener gegen die Bedingungen im Umfeld der Olympiade vorgehen, insbesondere mit Blick auf das Vorgehen gegen Homosexuelle?
van Bruggen: Damit sollte sich der Europäische Gerichtshof oder der Europäische Rat beschäftigen. In gewissem Sinn ähneln die Spiele in Sotschi der Fußball-WM in Katar. In beiden Fällen geht es um eine seltsame Entscheidung, die bereits vor einiger Zeit getroffen wurde. Proteste hätte es also bereits 2007 geben müssen, die Fakten lagen schon damals auf dem Tisch. Natürlich ist es technisch möglich, eine Winterolympiade in subtropischem Klima zu organisieren, aber die internationale Gemeinschaft muss sich fragen, ob sie es wirklich will. Im internationalen Spitzensport geht es oft um das Erbe einer solchen Veranstaltung. Werden die Spiele der Region ein positives Erbe hinterlassen? Das kann ich mir nicht vorstellen.

The European: Warum?
van Bruggen: Wohlhabende Russen werden nicht nach Sotschi kommen. Die ziehen Österreich, die Schweiz oder Frankreich vor. Und arme Menschen werden sich die Wohnungen dort nicht leisten können, weil sie teuerer sind als jene in Österreich, der Schweiz oder Frankreich.

Übersetzung aus dem Englischen. Das Interview führte Lars Mensel.

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