Spezial zur Europawahl

Jammertal Europa

Wenn wir Europa als Wissenschafts- und Digitalgesellschaft gestalten wollen, müssen wir die bestehende Fragmentierung und Kleinstaaterei überwinden. Plädoyer für einen Ausbruch.

Europa – im Sinne der europäischen Gemeinschaft, das ist eine weiterhin großartige Idee. Ein politisches, aber auch ein wirtschaftliches Projekt. Europa, das ist gerade wenige Tage nach der durchaus als kritisch zu sehenden Wahl eine immens wichtige Diskussion über die Zukunft eines Kontinents. In diesen Tagen wird viel über die globale Wettbewerbsposition Europas geschrieben und oft geklagt: Dass ein französisches Wahrzeichen wie Alstom wohl von einem US-Konzern geschluckt werden dürfte, lässt Politik und Wirtschaft in Europa aufhorchen. Hat Europa den Anschluss bereits verpasst? Die brutale Antwort ist: Ja. Wir haben eine großartige Idee aus den Augen verloren: Einen gemeinsamen Kultur- und Wirtschaftsraum visionär zu gestalten!

In wichtigen Zukunftsindustrien wie Halbleiter-Chips, Internetdiensten und Endgeräten kommen die Champions aus den USA oder Asien. Weniger als zehn Prozent des weltweiten Umsatzes der Informations- und Telekommunikationsindustrie werden von europäischen Unternehmen generiert. Europäische Technologieunternehmen wie Nokia sind von US-Unternehmen übernommen worden. Alleine die großen fünf Technologie- und Internetunternehmen aus den USA, Apple, Google, Amazon, Microsoft und Facebook haben zusammen eine Börsenbewertung, die so hoch ist wie die aller Dax-30-Unternehmen zusammen. Die Gründe dafür sind, wie so oftm vielschichtig – und es gibt nicht eine Ursache!

Europäischer Anachronismus

Wir haben in Europa die Idee der Europäischen Union wesentlich auf den Abbau von Handelshindernissen und die Freizügigkeit der Waren und Bürger reduziert: Autos, Konsumgüter und anderes können heute in Paris, Madrid oder Zagreb produziert werden und in Berlin, Warschau oder Prag ohne umständliche Anpassungen verkauft werden. Eine halbe Milliarde Menschen leben in diesem Binnenmarkt, der gemessen am Bruttoinlandsprodukt der Mitgliedstaaten der größte gemeinsame Markt der Welt ist. Ein kraftstrotzender Riese – und doch in vielen Bereichen ein Jammertal, weil uns in Politik und auch in den Unternehmen der Mut fehlt, eine echte europäische Vision zu verfolgen.

Als Managerin aus der Telekommunikationsbranche steht es mir nicht zu, vor anderen Türen zu kehren: Die europäische Telekommunikationsindustrie schläft. Die Netzplanung der Telekommunikation endet heute immer noch an Landesgrenzen. Warum? Unsere Branche durchlebt eine fundamentale Veränderung – die Erneuerung der Netze auf IP bedeutet, dass in den kommenden fünf Jahren völlig neue Netztechnik ausgerollt wird. Wir können und müssen Netzarchitektur ohne Grenzen denken. Ein Beispiel: Warum sollte es in zwölf Landesgesellschaften eines Konzerns wie der Telekom nicht ein Netz geben, dass von fünf Punkten gesteuert wird und nicht mehr von zwölf einzelnen Netzmanagementzentren? Warum sollte es zwölf verschiedene IT-Landschaften geben, die jede Produkteinführung zu einer Einzelproduktion machen?

Kein Anbieter in den USA würde in New York eine andere Technik oder Steuerung verwenden als in Kalifornien oder Florida. Diesen Anachronismus wollen wir mit einem pan-europäischen Netzwerk überwinden. Nur so schaffen wir einen einheitlichen Binnenmarkt. Das Konzept wird im Moment von unseren Experten heiß diskutiert – aber es ist der einzige Weg, wie wir als europäischer Telekommunikationsanbieter die Skaleneffekte Europas nutzen und so im globalen Wettbewerb überleben können. Innovationen könnten über Nacht im Netz in einem Großteil Europas ausgerollt werden.

Übliches Kompetenzgerangel

Aber auch die Politik muss sich fragen, ob sie noch zu sehr in Landesgrenzen denkt. In der Wettbewerbspolitik herrscht immer noch eine stark national geprägte Sichtweise vor, die lediglich das kurzfristige Ziel verfolgt, niedrige Preise auf Basis einer möglichst großen Anzahl von Anbietern sicherzustellen. Die Folge: Der durchschnittliche Umsatz je Kunde in Europa ist rund ein Drittel geringer als in den USA, verglichen mit einigen asiatischen Märkten liegt er bei der Hälfte. Eine dynamische Wettbewerbspolitik sollte möglich sein, die stärker die Investitions- und Innovationschancen berücksichtigt, die europäische Unternehmen im globalen Wettbewerb benötigen.

Wer traut sich, diese Wettbewerbspolitik neu zu ordnen? Auch hier ist eine europäische Vision gefragt!

Wenn wir Europa als Wissenschafts- und Digitalgesellschaft gestalten wollen, brauchen wir starke Infrastrukturen, die hohe Investitionen erfordern. LTE und Glasfaser sind die Grundlage für die Industrien der Zukunft – die EU liegt bei der Penetration mit neuen Technologien wie LTE und Glasfaser bereits heute deutlich hinter den USA und Asien, weil den europäischen Telekommunikationsunternehmen die Mittel fehlen. Nehmen wir das Beispiel einer einheitlichen Vergabe von Funkfrequenzen für den Mobilfunk in Europa. Die EU-Kommission hat dazu gute Vorschläge in einem aktuellen Entwurf für eine EU-Verordnung gemacht, um die bestehende Fragmentierung und Kleinstaaterei zu überwinden. Leider scheint dies gerade wieder dem üblichen Kompetenzgerangel in Europa zum Opfer zu fallen. Auch hier ist eine Vision gefragt.

Anschluss finden

Ein weiterer Punkt ist kultureller aber auch industriepolitischer Natur: Leiden wir in Europa an einer Krankheit, die Manager „Not-Invented-Here-Syndrom“ nennen? Die Ablehnung von Innovationen, wenn sie nicht aus dem eigenen Stall kommen. Lieber alleine darben als mit Partnern profitieren? Dabei müssen die innovativen Ideen nicht immer aus dem Silicon Valley stammen. Auch in Warschau, Bukarest, Berlin und vielen anderen Metropolen begegnen dem offen Suchenden viele starke Geistesblitze. Ich denke, dass europäische Unternehmen wirklich die ganze Innovationskraft dieses Kontinents nutzen sollten.

Wir brauchen gerade in der digitalen Wirtschaft europäische Unternehmen, die auf dem Weltmarkt bestehen können, sonst werden wir im globalen Wettbewerb nur noch ein Standort für die Vertriebsgesellschaften anderer sein, ohne eigene Innovationskraft. Ich bin überzeugte Europäerin. Europa kann den Anschluss wieder finden. Europa kann seine Stärken nutzen und seine strategischen Handlungsfelder gestalten. Wir sollten es wagen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Gerhard Reese, Dietrich von Kyaw, Reinhold Rickes.

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