Spezial zur Europawahl

Vergeblicher Hilferuf nach Ankara

Die ukrainische Regierung in Kiew fordert Schutz durch die Türkei – doch das Land hat andere Probleme. Dabei könnte man es jetzt besonders gut gebrauchen.

Die Türkei ist schon schlechter regiert worden als unter Sultan Mustafa III. und seinem treuen Großwesir. Beide gerieten – im Grunde ohne eigenes Verschulden – in die Schusslinie russischer Expansionsbestrebungen. Im fünften Russischen Türkenkrieg (1768-1774) verloren die Osmanen die Ukraine, den Nordkaukasus und die Krim, die Russland wenig später annektierte. Danach, so die herkömmliche Deutung der Chronisten, sei es abwärts gegangen mit dem Imperium der Sultane.

Mustafa war ein passabler Dichter, Hobby-Astrologe, sah sich dem Recht verpflichtet und schickte die erste osmanische Gesandtschaft nach Berlin. „Er hinterließ einen ebenso reichen Staatsschatz, wie er ihn bei seiner Thronbesteigung in Empfang genommen hatte“, erklärt das türkische Ministerium für Kultur und Tourismus auf seiner Internetpräsenz. Kein Wunder also, dass sich die Türken angesichts der Zustände in ihrer Republik manchmal zurück in die osmanische Vergangenheit sehnen: Nicht, weil Istanbul einst Hauptstadt eines großen Reiches war, sondern weil sie damals von echten Sultanen regiert wurden – und nicht von Populisten mit einem Hang zu Praktiken der Unterwelt.

Auf türkische Hilfe wird die Ukraine lange warten

Auch für die türkische Außenpolitik ist die Krimkrise ein Desaster, denn die Türkei ist nicht nur Anrainerin des Schwarzen Meeres: Sie sieht sich auch als Schutzmacht der turksprachigen, muslimischen Tataren auf der Krim. Der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu, ein Politikprofessor, der lange als Erdogans Architekt einer neuen Regionalmacht Türkei galt, reiste schon Anfang März nach Kiew. Und er beeilte sich, den Krimtataren zu versichern, dass die Türkei sie nicht im Stich lassen und alles tun wolle, um ihre Rechte zu schützen. Der ukrainische Botschafter in Ankara forderte von den Türken in der Krimkrise gar „wenn nötig, militärische Unterstützung“.

Darauf wird die Ukraine allerdings lange warten können. Denn de facto ist die Türkei gegenüber Russland noch verletzlicher als die EU: Sie importiert mehr als die Hälfte ihrer fossilen Energieträger aus Russland; die Föderation ist einer der wichtigsten Exportmärkte für türkische Waren. Und die Türken haben, wenn sie an Russland denken, nicht nur Moskau im Blick, sondern das ebenfalls turksprachige Zentralasien: zum Beispiel Kasachstan, das mit Russland politisch und militärisch im Bunde steht.

Am vergangenen Wochenende telefonierte die Bundeskanzlerin mit dem türkischen Ministerpräsidenten, um sich in der Krimfrage abzustimmen. Aber letztendlich wissen die Europäer, dass die Schutzmacht der Tataren derzeit noch weniger politisches Gewicht besitzt als sie selbst. Und das liegt nicht allein an den Beziehungen zu Russland, sondern daran, dass die Regierung Erdogan bis zum Hals in Skandalen steckt und ein zum Teil absurd anmutendes Theater aufführt, um sich daraus zu befreien. Der vor kurzer Zeit noch ehrgeizig verfolgte Ansatz Ankaras, im Nahen Osten, in Zentralasien und auf dem Kaukasus als „Soft Power“ Einfluss auszuüben, ist einem anderen gewichen: sich irgendwie über den Tag zu retten.

Was auch immer sich die USA und die EU gemeinsam ausdenken, um Russland von einer Annexion der Krim abzubringen – die Türkei wird ihnen dabei kaum zur Seite stehen können. Zum einen, weil sie zurzeit ganz andere Probleme hat, zum anderen, weil sie die Konsequenzen besonders hart zu spüren bekäme.

Ankaras Außenpolitik ist ein Scherbenhaufen – kein Grund zur Häme

Wäre die Türkei heute stabiler und politisch in einem besseren Zustand, sie könnte dem Westen in den bevorstehenden Verhandlungen mit Russland ein vortrefflicher Partner sein. Eine starke Türkei allein hätte Putin gewiss nicht davon abgehalten, die Gunst der Stunde in der Krim zu nutzen. Aber die instabile Lage und das derzeit eher schlechte Verhältnis zwischen Ankara, der EU und den anderen NATO-Staaten sind gewiss in sein Kalkül mit eingeflossen.

Dass Erdogan und seine selbstgefällige Entourage inzwischen viele Freunde und Bewunderer verloren haben, sei ihnen vergönnt. Doch neben dem Krieg in Syrien führt uns die Krimkrise einmal mehr vor Augen, dass man solche Partner manchmal erst wertschätzt, wenn sie ausgefallen sind.

Insofern schießen die in letzter Zeit fast inflationären Abgesänge auf die Regionalmacht Türkei, die man in deutschen Medien lesen konnte, deutlich über das Ziel hinaus. Ankaras Außenpolitik ist ein Scherbenhaufen. Aber hüten wir uns dennoch davor, diesem Niedergang mit Häme zu begegnen. Denn unter die zu vernehmende Kritik mischten sich nicht selten antitürkische Reflexe – Schadenfreude, weil ein zu schnell zu groß und zu mächtig gewordenes Land zurechtgestutzt wurde.

Niemand in Europa kann ein Interesse daran haben, dass die Türkei in ihrer Nachbarschaft eine geringe Rolle spielt oder orientierungslos irrlichtert. Die Türkei – und das hat nur bedingt mit der Frage einer EU-Mitgliedschaft zu tun – ist wichtig. Nicht zuletzt, weil sie großen Schaden anrichten kann, wenn es ihr einmal wirklich schlecht ergeht.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Christian E. Rieck, Ingo Mannteufel, Leonid Luks.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Aus der Debatte

Der Kampf um die Ukraine

Unsere Nachbarn brauchen uns

Big_b15764620b

Europa verpasst die zweite Freiheitsrevolution an seiner Peripherie. Es braucht dringend mehr außenpolitische Kapazitäten – auch militärischer Art.

Small_436ab8f3e3
von Christian E. Rieck
30.05.2014

Härte zeigen

Big_677471d999

Mit der von Putin angekündigten Aufnahme der Krim in die Russische Föderation setzt er auf Konfrontation. Auch wenn es der Westen noch nicht wahrhaben will, er muss mit Härte und Entschlossenheit reagieren.

Small_bd929e962f
von Ingo Mannteufel
19.03.2014

Die neoimperiale Doktrin

Big_9f9cb5849e

Putins Autoritarismus erzeugt Fliehkräfte, die er am Ende vielleicht nicht mehr kontrollieren kann. Schon heute erinnert vieles an die Situation vor dem Kollaps der Sowjetunion.

Small_faa5baa645
von Leonid Luks
14.03.2014

Mehr zum Thema: Russland, Tuerkei, Ukraine

meistgelesen / meistkommentiert