Spezial zur Europawahl

„Die Türkei gehört zu Europa“

Emine Sevgi Özdamar ist gebürtige Türkin, lebt, schreibt und spielt aber schon lange auf Deutsch. Mit einer Nation identifiziert sie sich nicht. Ein Gespräch über Heimat, europäische Identität und Sprache als Heimatort.

The European: Frau Özdamar, Sie kommen aus der Türkei, leben aber seit fast 40 Jahren in Deutschland. Fühlen Sie sich als Deutsche, Türkin oder doch eher als Europäerin?
Özdamar: Für mich geht es bei der Frage der Zugehörigkeit um das, was mich berührt. Seien es Romane, Filme oder Schauspieler. Diese können aus Afrika, Amerika oder Europa kommen. Es sind die Menschen und deren Sicht auf die Welt, die uns prägen und entwickeln. Ich habe beispielsweise den spanischen Filmemacher Buñuel und den italienischen Regisseur Pasolini immer sehr gemocht, oder auch Godard aus Frankreich. Durch deren Werke kommuniziere und identifiziere ich mich mit ihnen.

The European: Was genau bedeutet dann Identität für Sie?
Özdamar: Identität erhält man während der Kindheit und in der Pubertät. Ich glaube nicht daran, dass sie sich danach noch wandelt. Die Grenzen der Identität können nur erweitert werden. Eben durch Erfahrungen mit Kunst oder Literatur.

The European: Sie identifizieren sich also in erster Linie mit der Kunst und dem Künstler, nicht mit einer Nation?
Özdamar: Auf keinen Fall identifiziere ich mich mit einer Nation. Auch nicht mit der türkischen.

The European: Glauben Sie, es gibt eine europäische Identität oder dass es sie geben kann?
Özdamar: Die Menschen haben doch bereits so etwas in der Art. Sie identifizieren sich mit dem, was sie mögen, vielleicht mögen sie beispielsweise die Filme eines spanischen oder französischen Regisseurs und identifizieren sich mit dessen Intelligenz, mit dem, was dieser Mensch sieht – ganz egal, wo er herkommt.

The European: Dennoch bestehen zwischen den verschiedenen Nationen Unterschiede. Glauben Sie, dass diese überwunden werden können?
Özdamar: Wenn man das zum Ideal macht, dann ja. Im Prinzip gab es ja mal so etwas wie eine europäische Identität. Vor 600 Jahren.

The European: Was genau meinen Sie?
Özdamar: Damals lebten in Spanien Araber und Juden, in der Türkei lebten Griechen und Armenier. In ganz Europa lebten Juden, die sich auch als Europäer verstanden. In der Türkei wurden die Griechen und Armenier vertrieben oder ermordet. Ähnlich war es in Spanien und Europa. Damit begannen viele Konflikte. Ich hoffe, dass wir diese eines Tages überwinden. Aber wir wissen alle, dass das leider nicht nur eine kulturelle, sondern auch eine ökonomische Frage ist.

„Heimat liegt für mich in den Menschen“

The European: Können Kultur und Kunst dabei helfen, diese Konflikte zu überwinden?
Özdamar: Das ist eine schöne Idee, und sicher gibt es Menschen, die das bereits versuchen. Diejenigen, die richtig denken können. Kunst ist wahrscheinlich das Einzige, was dabei helfen kann. Die Menschen müssen satt und weniger gestresst sein, damit sie das Privileg genießen können, Kunst zu machen oder sie zu lieben. Kunst ist ein Ort, an dem alle wohnen können.

The European: Und wie sieht es mit der Sprache aus: Welche Rolle nimmt sie in der Identität ein?
Özdamar: Auch Sprachen sind Orte, in denen man wohnen kann. Als Fremder wohnt man am Anfang noch in seiner eigenen Sprache. Deswegen sprechen die Leute ihre Muttersprache auf fremden Straßen am Anfang noch so laut, weil sie noch nicht richtig angekommen sind und an ihrer Heimat festhalten.

The European: Sprache ist also Heimat?
Özdamar: Ja, aber vor allem liegt Heimat für mich in den Menschen. Ich hatte mal diese Idee, nicht mehr zu sagen, ich wohne in Deutschland oder in Paris, sondern, ich wohne in Menschen, wie beispielsweise dem Regisseur und Künstler Benno Besson oder Matthias Langhoff. Manchmal ist man aber auch in einer Sehnsucht zu Hause. Oder in seiner Jugend und Kindheit.

The European: Vielleicht ist ja gerade deswegen das Experiment Esperanto gescheitert. Glauben Sie denn, dass eine gemeinsame Sprache wichtig für ein vereinigtes Europa ist?
Özdamar: Nein, ich glaube, es ist wichtig, die diversen Sprachen aufrechtzuerhalten. Immerhin sind sie auch ein Teil der Identität. Der Rhythmus der eigenen Sprache formt einen. Und die Worte, die man in der Muttersprache lernt, tragen ein Stück weit die eigene Kindheit in sich. Ihre Töne sind ein Quell der Liebe. Von daher glaube ich, dass es wichtig ist, die Sprachen zu behalten, damit man seine Kindheit behalten kann.

The European: Dennoch haben Sie sich vom Türkischen distanziert und schreiben auf Deutsch.
Özdamar: Als ich meinen ersten Roman schrieb, habe ich keine Sekunde darüber nachgedacht, in welcher Sprache ich schreiben soll. Der Alltag war deutsch. Man hört auf der Straße nicht mehr die Stimmen aus Istanbul, den Verkäufer, der seine Ware auf der Straße anpreist. Meine Begegnung mit der deutschen Sprache war eine sehr körperliche. Ich bin ihr im Theater begegnet. Entweder habe ich die Worte selber gespielt, oder sie bei meinen Kollegen gesehen. Die Sprache hat meinen Rhythmus bestimmt. Und mit diesem bin ich dann auf Reise gegangen. Schreiben ist nichts anderes, als eine Reise am Tisch. Außerdem habe ich mir einen Traum mit der deutschen Sprache verwirklicht, meinen Traum, mit dem Brechtschüler Benno Besson zu arbeiten. Durch den Militärputsch in der Türkei wurde ich in dieser Sprache unglücklich. Die deutsche Sprache hat mich wieder glücklich gemacht.

„Nur die Reise ist schön, nicht das Ankommen“

The European: Aber ist es denn nicht wesentlich einfacher, sich in seiner Muttersprache auszudrücken?
Özdamar: Sich auszudrücken, ist an sich ja schon schwer. Aber wenn man die Lust dazu hat, dann kann man das in jeder Sprache. Die Lust kommt aber von den Menschen, die einen umgeben. Du liebst die Menschen und willst ihnen etwas mitteilen, also verwendest du ihre Sprache.

The European: Sie haben einmal gesagt, man kommt nie in einer Sprache an. Kommt man je in einer fremden Kultur an?
Özdamar: Damals hatte ich ein japanisches Sprichwort zitiert, das besagt, nur die Reise ist schön, nicht das Ankommen. So verstehe ich auch das Lernen einer Fremdsprache. Es ist eine ewige Reise ohne Ankommen. Aber das Schöne ist ja eben auch nur die Reise. Dasselbe gilt für die Kultur. Sie kennenzulernen, ist das Entscheidende. Nicht das Kennen an sich.

The European: Können unterschiedliche Religionen beim Kennenlernen ein Hindernis sein? Ich denke beispielsweise an die Diskussionen zum EU-Beitritt der Türkei, als diese Frage viel diskutiert wurde.
Özdamar: Die Türkei war ja früher gar nicht so religiös. Die Araber lachen über uns und sagen, unsere Religion sei Coca Cola Light. Die Türkei ist vielmehr ein schamanisches und von Mystizismus geprägtes Land. Vor allem mit der Regierung Erdoğan hat sich das gewandelt. Die Leute, die Erdoğan wählen – die Ärmeren –, die leben fürs Heute. Arme Menschen können nicht fürs Morgen leben. Gibt man ihnen 100 Lira, dann wählen sie Erdoğan auch.

The European: Religion und Demokratie schließen sich aber nicht zwangsläufig aus.
Özdamar: Ich glaube nicht, dass streng religiöse Menschen eine Demokratie schaffen können und demokratisch werden. Für mich ist Religion Opium. Und so wird sie in der Türkei auch praktiziert. Zu großen Teilen ist die türkische Gesellschaft noch keine emanzipierte Gesellschaft.

The European: Die Proteste im Gezi-Park haben einen sehr emanzipierten Teil der Gesellschaft gezeigt.
Özdamar: Ja, das war wunderbar. Aber auf der anderen Seite stand die Polizei mit ihren Waffen, während die Demonstranten nur mit ihren Gefühlen dastanden. Da sieht man wieder die Gegensätze.

„Die Türkei gehört zu Europa“

The European: Glauben Sie, die EU und ihre Ideen hatten einen Einfluss auf die Geschehnisse?
Özdamar: Nein, in der Türkei gibt es schon lange eine Tradition des Protestes. Ich selber komme aus der 68er-Generation. Damals war die Türkei großartig. Das war eine Renaissance, die dann aber vom faschistisch orientierten Militär zerschlagen wurde. In der Türkei wurden Tausende Intellektuelle ermordet. Der Staat hat die besten Journalisten, Gewerkschafter, Professoren und Lehrer getötet. Damals wurde das Bett für die religiösen Gruppen gemacht. Es gab schon immer wunderbar anarchistische Menschen unter der Elite und den Intellektuellen in der Türkei. Das sind keine Ideen aus der EU oder vom Arabischen Frühling, es gab sie schon immer.

The European: Würde diesen Leuten eine Integration der Türkei in die EU helfen, ihre Ideen umzusetzen?
Özdamar: Ja. Ich habe schon vor zehn Jahren, als Erdoğans Regierung in einem liberalen Moment von der europäischen Idee angetan war, gesagt, dass die EU die Türkei aufnehmen sollte. Damit es so bleibt und nicht in eine andere Richtung läuft. Damit ein Demokratiebewusstsein gestärkt werden kann.

The European: Ist es dafür jetzt schon zu spät?
Özdamar: Nein, es ist nie zu spät. Ich habe immer gehofft, dass der europäische Kapitalismus den türkischen braucht. Aber vielleicht spielt hier tatsächlich die Religion eine große Rolle. Es wäre ein wunderbarer Schritt, wenn sich die beiden Religionen, also das Christentum und der Islam, gleichberechtigt begegnen würden. Aber ich fürchte, dazu sind die Leute noch nicht bereit.

The European: Ist Religion also der Hauptgrund dafür, dass die Türkei noch kein Mitglied der EU ist?
Özdamar: Das Türkeibild, das die Menschen haben, spielt da auch eine Rolle. Hätte es die Emigration von Arbeitern aus der Türkei nach ganz Europa nicht gegeben, hätten die Leute vielleicht ein anderes Bild. So wie hier in Deutschland. Hätte es die Gastarbeiter nicht gegeben, wäre die Türkei vielleicht schon längst Mitglied der EU. Für mich gehört die Türkei zu Europa!

The European: Warum?
Özdamar: (lacht) Wie kann man das erklären. Was ist denn Europa? (lacht erneut)

Das Interview führte Anne Scholz. Es entstand in Anlehnung an das Jahresthema „Europa – Ein Zukunftsort“ des Salons Sophie Charlotte.

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