Spezial zur Europawahl

Europa, eine Liebesgeschichte

Für Slowenien war Europa wie eine begehrenswerte Liebschaft. Doch die Ehe ist geprägt von Frust und Enttäuschungen.

Manchmal ist die Reise besser als die Ankunft. Im Fall der Europäischen Union gilt dieser Eindruck auf andere Weise: Für die Länder an seiner Peripherie war Europa eine Liebe, die viel begehrenswerter war als der anschließende Beziehungsalltag.

Auch ich kam im Zuge einer Liebesgeschichte nach Europa. 1993 zog ich aus den USA nach Slowenien, um Aleš Debeljak zu heiraten. Er war ein einflussreicher slowenischen Dichter zu einer Zeit, als Dichter in diesem Teil der Welt noch Einfluss hatten. Ich kam zwischen dem Fall der Berliner Mauer und dem gewaltsamen Auseinanderbrechen Jugoslawiens nach Slowenien. Die Herzen vieler Ost- und Südeuropäer brannten zu dieser Zeit vor Leidenschaft für Europa. Eine ganze Region war wie frisch verliebt.

Liebe macht eben blind

Das Ringen um die Aufmerksamkeit des begehrenswerten und wohlhabenden Europas schweißte dann auch für kurze Zeit alle zusammen. Sogar die politischen Eliten und Bürger, die sich während des halben Jahrhunderts nach dem Krieg in verschiedenste Lager aufgeteilt hatten: Linke und Rechte, Partisanen und Heimwehr, gottlose Kommunisten und Nazi-Kollaborateure.

Nun war ein goldenes Zeitalter angebrochen. Vielleicht sehe ich es durch eine rosa Brille, da ich selbst frisch verliebt war, doch zumindest wirkte es wie das Beste aus zwei Welten: Der Alltag hatte noch den gemütlichen sozialistischen Rhythmus, ungetrübt von krassem Materialismus. Arbeitstage waren kurz, Sozialleistungen großzügig und die Gesellschaft war geprägt von Hochkultur, Kultur und Solidarität. Nicht einmal die Kriege in Jugoslawien trübten die allgemeine Stimmung: Vor ihrem Hintergrund, der die Schattenseiten des primitiven Nationalismus unterstrich, war es ein gutes Gefühl, in den Armen eines zivilisierten Europas zu liegen.

Weil wir es nicht besser wussten, waren wir zudem beseelt von der Kraft des schuldenfinanzierten Wirtschaftsbooms. Liebe macht eben blind – und Wachstum erschien uns wie neue Normalität. Man nannte uns EU-Beitrittsstaaten auch „Länder im Umbruch“ – oder Post-Kommunisten, Visegrád-Gruppe, ex-Yu. All diese Namen signalisierten die Niederlage des alten Systems und den Aufbruch in eine neue, glorreiche Zukunft. Wir ahnten nicht, dass der Umbruch gleichzeitig der Höhepunkt sein würde.

Verbundenheit mit dem Rest des Kontinents

Der Moment des EU-Beitritts vor zehn Jahren macht das jedoch klar: Auf einen Tag voller Feiern und Zeremonien folgte Ernüchterung. Während wir um die Gunst Europas warben, hatten wir die Zerrissenheit unseres Landes noch unterdrücken können – nun kam sie erneut zum Vorschein. Der Euro war schmeichelhaft, weil wir so lange mit instabilen Währungen gelebt hatten – doch er trieb Preise in die Höhe und verführte unsere Regierungen zur Teilnahme an der internationalen Schuldenwirtschaft. Und so fuhr das ganze neue System schon 2008 mit voller Geschwindigkeit gegen die Wand, mitsamt seiner glitzernden Hochhäuser, frischer Geldscheine, seiner grenzübergreifenden Kooperation, den Flugzeugen, Zügen und Fähren. Es entstanden Verzweiflung und Verbitterung, die sich bis heute gehalten haben.

Etwas zu loben gibt es trotzdem, auch wenn nur selten darüber gesprochen wird: Europa hat unser Gefühl von Entfernung verändert. Die verschwundenen Grenzen erlauben es, sich frei von einem Land zum anderen zu bewegen, ohne Papiere vorzeigen zu müssen. Schlagbäume und Grenzposten waren immer ein Teil der europäischen Geschichte und ihre Abwesenheit gibt mir ein Gefühl von Verbundenheit mit dem Rest des Kontinents.

Ähnlich ist es, wenn ich Ljubljanas Programmkino Kinodvor besuche und dort der Clip für „Europa Cinemas“ gezeigt wird. Dann flimmern die Namen hunderter europäischer Städte über die Leinwand – Danzig, Helsinki, Dublin, Düsseldorf – und ich weiß, dass im gleichen Moment in ganz Europa Menschen in dunklen Kinos sitzen, um unsere gemeinsame Kultur zu genießen.

Die Europawahlen haben mir dagegen nie das Gefühl vermittelt, unsere gemeinsame Geschichte gestalten zu können. Damit bin ich nicht alleine: In Ljubljana sorgen die Wahlen höchstens für Schulterzucken – oder für flüchtige Neugierde darauf, wer von uns nach Brüssel gehen wird, um dort eine obskure Funktion zu bekleiden und drei- bis viermal so viel zu verdienen wie die meisten Doktoren oder Professoren in Slowenien.

Schwierige Ehe mit Europa

Wie in vielen kriselnden Beziehungen liegt die Schuld an der augenblicklichen Misere bei beiden Partnern. Slowenien hat es versäumt, transparente, ehrliche und dynamische Politiker zu wählen – stattdessen gerieten wir in die Fänge der Korruption und Selbstgefälligkeit. Europas Spitzenpolitiker und Architekten haben sich dagegen schuldig gemacht, die Union zu leicht zu nehmen: Es ist ihnen misslungen, dem europäischen Wert der Solidarität auch in schlechten Zeiten treu zu bleiben.

Es wurde schon viel über das Entstehen einer gemeinsamen europäischen Identität geschrieben: Vor allem, ob es dieser gelingen würde, die nationalen Identitäten zu ersetzen oder neben ihnen zu existieren – wie es beispielsweise in Österreich-Ungarn oder Jugoslawien der Fall war.

In Slowenien ist das Problem ein anderes: Es gibt hier nicht zu viele Identitäten, sondern gar keine. Beim Beitritt zur EU ist keine europäische Identität entstanden und die frustrierende, schwierige Ehe mit Europa sorgte gar dafür, dass das Land seine eigene Identität verlor.

Übersetzung aus dem Englischen.

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