Spezial zur Europawahl

Erinnert euch!

Die Erinnerung an den 1. Weltkrieg und seine Toten ist ein Beitrag zur europäische Einigung. Doch die Berliner Politik steht mehr oder weniger hilflos vor der Herausforderung, den 100. Jahrestag des Kriegsausbruchs würdig und sinnstiftend zu begehen.

Wer nach Ypern kommt, ist beeindruckt von der Geschlossenheit des mittelalterlichen Stadtbilds, dem großen Marktplatz, der von prächtigen Bürgerhäusern gesäumt ist, dem mächtigen Bau der Tuchhalle, einem der schönsten und größten Profanbauten Europas, und der Sint-Maartens-Kathedrale, die wie die Tuchhalle aus dem 13. Jahrhundert stammt, mit ihrem 100 Meter hohen Turm.

Tatsächlich sind alle diese Bauten, die den Besucher in ihren Bann ziehen, noch keine 100 Jahre alt. Am Ende des Ersten Weltkriegs war von der Stadt, die vier Jahre lang im Kampfgebiet gelegen hatte, nicht mehr als ein gigantisches Trümmerfeld geblieben. Doch nach dem Ende des Krieges kehrten die Bürger zurück und errichteten ihre Stadt aufs Neue. Nur das östliche Stadttor, das Menenpoort, wurde nicht wieder aufgebaut. Stattdessen steht dort heute das „Menin Gate Memorial to the Missing”, das nach dem Monument in Thiepval an der Somme zweitgrößte britische Kriegerdenkmal der Welt. Bei aller Monumentalität fügt sich das Menin Gate harmonisch in die noch vorhandenen Teile der mittelalterlichen Stadtbefestigung ein.

Im Gewölbe des Tores sind die Namen von 54.896 britischen Soldaten eingemeißelt, die vor Ypern gefallen sind und nicht beerdigt werden konnten. Abends um 20 Uhr nehmen dort Uniformierte Aufstellung und es wird zu Ehren der Gefallenen der Zapfenstreich geblasen. Seit der Einweihung des Monuments im Jahr 1928 wiederholt sich diese Zeremonie – mit Ausnahme der Jahre der deutschen Besetzung im Zweiten Weltkrieg – jeden Abend, an 365 Tagen im Jahr. Und auch heute noch, nach 86 Jahren, kommen jeden Abend viele Menschen, Einheimische wie Fremde, um dabei zu sein.

Der Krieg ist gegenwärtig

Es ist dies ein Musterbeispiel für einen aktiven Umgang mit der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg, einer lebendigen Erinnerungskultur, die ohne jeden Chauvinismus auskommt. Ypern präsentiert sich heute, so wie auch Verdun, dem Besucher als „Friedensstadt“ und von diesem Geist ist auch die 2012 eröffnete Ausstellung zur Geschichte des Ersten Weltkriegs in der wieder aufgebauten Tuchhalle getragen. Das Museum hat den Anspruch ein „Kriegsmuseum mit Friedensbotschaft“ zu sein.

In Flandern ist der Erste Weltkrieg, genau wie an der Somme und in Verdun, bis heute im Alltag gegenwärtig. In den drei Flandernschlachten wurden fast eine Million Soldaten getötet, auf 170 Soldatenfriedhöfen sind sie beerdigt. Die weißen Kreuze auf den Friedhöfen sind seit bald einem Jahrhundert ein integraler Bestandteil des Landschaftsbildes. Zahllose Bauern leben, wenn sie ihre Felder bestellen, in alltäglicher Nachbarschaft mit ihnen.

Auch Zehntausende von deutschen Soldaten sind in Flandern zur letzten Ruhe gebettet. Sie liegen auf vier Sammelfriedhöfen, von denen der bekannteste in Langemark ist. In Vladslo, einem anderen deutschen Soldatenfriedhof steht das trauernde Elternpaar von Käthe Kollwitz, zwei ergreifende Plastiken, die die Berliner Künstlerin nach dem Soldatentod ihres Sohnes Peter schuf, wobei sie fast zwanzig Jahre brauchte, um diese Arbeit zu vollenden, deren Eindringlichkeit bis heute Besucher aus allen Ländern in ihren Bann zieht.

Ein deutscher Erinnerungsort ist nicht vorhanden

In Deutschland haben wir nichts Dergleichen. Auf Tausenden von Friedhöfen gibt es Gedenktafeln für die Gefallenen der beiden Weltkriege, aber sie sind kein lebendiger Teil der deutschen Memorialkultur. Anders als in London, Paris, Rom oder Warschau gibt es kein nationales Grabmal des unbekannten Soldaten. Selbst die sehr nüchterne Totenehrung durch einen silbernen Eichenkranz auf einem mannshohen Kubus, 1931 in der Neuen Wache in Berlin aufgestellt, existiert in Folge der wiederholten ideologisch konnotierten Umnutzung des Ortes nicht mehr. Das 1927 errichtete Tannenberg-Denkmal war angesichts seiner nationalistischen Vereinnahmung als zur Versöhnung mahnender Erinnerungsort von Anfang ungeeignet. 1945 wurde es zerstört und heute liegt der Ort gar nicht mehr in Deutschland, sondern in Polen.

Auch ein Museum kann ein wichtiger Referenzort der Memorialkultur sein. Man denke nur an das britische Imperial War Museum, das Historial de la Grande Guerre in Peronne oder das schon erwähnte Museum in Ypern. Und auch in Deutschland gibt es ein Museum, das in einer Dauerausstellung, die 35 Räume umfasst, den Ersten Weltkrieg zeigt. Das ist eine gut gemachte, umfassende Ausstellung. Nur: Sie ist Teil des Bayerischen Armeemuseums in Ingolstadt und die meisten Deutschen wissen von der Existenz dieser Ausstellung überhaupt nichts.

Die Deutschen haben bis heute kein Verhältnis zur Niederlage von 1918 gefunden. Der Okkupation der Erinnerung an den Krieg durch die politische Rechte hatte die unter schwierigen Verhältnissen zustande gekommene Demokratie von Weimar so gut wie nichts entgegen zu setzen. Und nach 1945 war die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg hierzulande jahrzehntelang verstellt durch den noch viel furchtbareren zweiten Krieg und die namenlosen Schrecken des Holocaust.

Die Europäische Einigung braucht die Geschichte

Mehr oder weniger hilflos steht die Berliner Politik vor der Herausforderung, den 100. Jahrestag des Kriegsausbruchs würdig und sinnstiftend zu begehen. Während in Belgien mehr als 300 Veranstaltungen vorbereitet werden, von England und Frankreich ganz zu schweigen, und selbst in Australien die Regierung 120 Millionen Dollar für Feierlichkeiten bereit gestellt hat, schwanken die Verantwortlichen hierzulande, der Bundespräsident einmal ausgenommen, zwischen Ratlosigkeit und Betriebsamkeit.

1914 wie 1939 war Deutschland das bevölkerungsreichste Land in Europa. Das ist heute nicht anders. Eine Weltmacht ist Deutschland heute nicht, wohl aber eine wirtschaftliche Großmacht. Dies und seine geopolitische Lage gibt dem Land eine besondere Verantwortung. Deshalb ist es besonders wichtig, dass von hier immer wieder Impulse ausgehen für eine Fortsetzung des europäischen Einigungsprozesses, für ein friedliches, gerechtes und in Freiheit vereintes Europa. Dafür aber bedarf es auch einer erinnernden Aneignung der eigenen Geschichte.

John Maynard Keynes hat in seinem Weltbestseller „The Economic Consequences of Peace“ schon 1919 die Notwendigkeit einer wirtschaftlichen Vereinigung Europas betont – einer Vereinigung auf der Basis von Freiheit und Gleichheit. Es geht nicht um die Abschaffung der Nationalstaaten, auch nicht um die Abschaffung nationaler Identitäten und schon gar nicht um die gewaltsame Veränderung von Grenzen, vielmehr um die Überwindung eines völkischen Nationalismus zugunsten einer europäischen Verständigung. Nur so wird der Frieden auf die Dauer eine Chance haben.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Klaus-Dietmar Henke, Thomas Weber, Franz-Stefan Gady.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Aus der Debatte

1914-2014: Einhundert Jahre Erster Weltkrieg

Törichte Effekthascherei

Big_2c473acc77

Die Frage, ob Europa sich heute in einer ähnlichen Lage befindet wie 1914, ist abwegig. Die Frage, warum solche Debatten derartig Konjunktur gewinnen, hingegen besonders spannend.

Small_e33c6e94c2
von Klaus-Dietmar Henke
29.04.2014

Ausgeträumt

Big_207468cca1

Mit Blick auf das internationale System ist es höchste Zeit, die richtigen Schlüsse aus dem Jahr 1914 zu ziehen. Ein Deutscher und sein polnischer Konterpart gehen bereits mit gutem Beispiel voran.

Small_4821e9cfed
von Thomas Weber
07.03.2014

Das stille Dulden

Big_e26debaa71

Viel zu oft bleibt die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg oberflächlich. Ein Museumsbesuch zeigt, wozu das führen kann.

Small_c19237557b
von Franz-Stefan Gady
01.03.2014

Mehr zum Thema: Erster-weltkrieg

Debatte

Unsinnige Vergleiche der Ukraine-Krise mit 1914

Medium_2c473acc77

Törichte Effekthascherei

Die Frage, ob Europa sich heute in einer ähnlichen Lage befindet wie 1914, ist abwegig. Die Frage, warum solche Debatten derartig Konjunktur gewinnen, hingegen besonders spannend. weiterlesen

Medium_e33c6e94c2
von Klaus-Dietmar Henke
29.04.2014

Debatte

Die Lehren des Ersten Weltkriegs

Medium_207468cca1

Ausgeträumt

Mit Blick auf das internationale System ist es höchste Zeit, die richtigen Schlüsse aus dem Jahr 1914 zu ziehen. Ein Deutscher und sein polnischer Konterpart gehen bereits mit gutem Beispiel voran. weiterlesen

Medium_4821e9cfed
von Thomas Weber
07.03.2014

Debatte

Künstlerische Aufarbeitung des Ersten Weltkrieges

Medium_e26debaa71

Das stille Dulden

Viel zu oft bleibt die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg oberflächlich. Ein Museumsbesuch zeigt, wozu das führen kann. weiterlesen

Medium_c19237557b
von Franz-Stefan Gady
01.03.2014
meistgelesen / meistkommentiert