Spezial zur Europawahl

Die Teilzeitfalle

Wie kann Jugendarbeitslosigkeit bekämpft werden? Ganz einfach: Die Regierungen müssen einen Fehler der Vergangenheit korrigieren.

Junge Menschen sind am stärksten von den Auswirkungen der Wirtschaftskrise betroffen. Seit Beginn der Krise, dem vierten Quartal 2007, und dem dritten Quartal 2013 (nur bis dahin gibt es bislang Zahlen) stieg die durchschnittliche Jugendarbeitslosigkeit in der EU von 15,3 Prozent auf 23,5 Prozent.

In südeuropäischen Ländern ist die Lage besonders dramatisch: Die Arbeitslosenzahl unter jungen Leuten in Spanien und Griechenland nähert sich der 57 Prozent. Das sind beinahe 40 Prozent mehr als zu Beginn der Krise. In Italien und Portugal waren jeweils 40 und 36 Prozent der Jüngeren ohne Job – was seit Ende 2007 immerhin einen Anstieg von bis zu 20 Prozent darstellt.

Simple, günstige Maßnahmen

Hinter den Zahlen verbergen sich aber die gewaltigen Unterschiede in der EU. Denn in Ländern wie Deutschland haben junge, gut ausgebildete Absolventen noch immer sehr gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt. In anderen europäischen Ländern ist die Arbeitslosigkeit aber zu einem Problem für alle geworden – unabhängig von ihren Abschlüssen haben es junge Menschen dort sehr schwer. Wenn sie eine Beschäftigung finden, dann häufig in Feldern, die kaum etwas mit ihrer Ausbildung zu tun haben.

Im Angesicht dieser Herausforderung hat die OECD einen „Youth Action Plan“ ins Leben gerufen, in dem wir Empfehlungen machen, wie Regierungen die Jugendarbeitslosigkeit in den Griff bekommen können. Der erste Schritt: Sie müssen sich klarmachen, dass es keine Patentlösung gibt. Alle arbeitslosen Jugendlichen haben unterschiedliche Bedürfnisse.

Beispielsweise werden die gut Ausgebildeten schnell einen Arbeitsplatz finden, sobald neue Jobs entstehen. Viel düsterer sieht es für den Rest aus – sie sind auf Hilfe angewiesen.

Das muss nicht teuer sein: Denn den Arbeitswilligen kann schon sehr kostensparend geholfen werden. Sie brauchen lediglich Hilfe bei der Suche nach freien Stellen, mit ihren Lebensläufen und bei Vorstellungsgesprächen. In der Vergangenheit haben sich diese günstigen Maßnahmen als äußerst effektiv erwiesen – das macht sie ideal angesichts der kleinen Budgets vieler europäischer Länder.

Kein Grund, Teilzeitjobs zu verteufeln

Für junge Menschen, die bei der Jobsuche größere Probleme haben, sind Lohnsubventionierungen oder niedrigere Sozialbeiträge denkbar. Es handelt sich dabei um Maßnahmen, die Firmen dazu bewegen, sie einzustellen. Da sie teurer sind, sollten solche Maßnahmen allerdings nur für solche junge Menschen verwendet werden, die mit sehr großen Herausforderungen bei der Jobsuche zu kämpfen haben. Wichtig ist, sie nicht von dem regulären Arbeitsmarkt abzuschotten.

Doch all das sind nur kurzfristige Maßnahmen. Zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit müssen die europäischen Regierungen auch langfristige Reformen im Bildungsbereich und auf dem Arbeitsmarkt umsetzen – denn nur so werden die Barrieren zur Seite geschafft, die neuen Jobs im Wege stehen.

Eine der Ursachen der heutigen Jugendarbeitslosigkeit ist beispielsweise die Deregulierung der 1990er-Jahre: Arbeiter mit Vollzeitverträgen wurden enorm geschützt, während die Regeln für Teilzeitstellen abgeschafft wurden. Immer mehr junge Menschen wurden daher in Teilzeit angestellt – und bei einer Rezession als Erstes entlassen.

Seither hat es viele Reformen gegeben, um diese Dualität auf dem Arbeitsmarkt abzuschaffen – auch die OECD fordert das seit Jahren. Es bedeutet aber nicht, dass flexible Teilzeitverträge komplett verboten gehören: Für junge Leute sollen sie aber eine Sprosse in der Karriereleiter darstellen und langfristig zur Anstellung führen. Denn: Auch wenn Teilzeitjobs bei einer Rezession als Erstes verschwinden, sind sie noch immer das Erste, was bei einer Wirtschaftserholung neu entsteht. Kein Grund, Teilzeitjobs also durchweg zu verteufeln.

Aber: Teilzeitjobs können zur Falle werden, wenn sie schlecht sind. Wenn sie beispielsweise zu kurz sind, um Fähigkeiten zu vermitteln. Oder wenn Arbeitgeber sich ausschließlich auf Teilzeitkräfte verlassen, um damit den Auflagen einer Festanstellung zu entgehen. Die Länder müssen diese Tricks besser verhindern, um ihren Arbeitsmarkt vor Missbrauch zu schützen.

Von Spanien lernen

Leider gibt es trotz der vielen Initiativen, Jugendarbeitslosigkeit zu senken, noch keine verlässlichen Erkenntnisse über ihren Erfolg. Strukturelle Maßnahmen brauchen ihre Zeit, bevor Ergebnisse erkennbar sind. Ein Beispiel dafür ist die Initiative „EU Youth Guarantee“, die viele Länder noch umsetzen wollen. Gleichzeitig hat die Jugendarbeitslosigkeit auch eine wirtschaftszyklische Komponente, d.h. es entstehen erst allmählich neue Jobs, mit denen die Arbeitslosigkeit sinken kann.

Umso wichtiger wird es sein, dass die Mitgliedstaaten der EU in Zukunft enger miteinander kooperieren. Die Kluft zwischen Ländern mit niedriger Jugendarbeitslosigkeit (wie Deutschland) und solchen mit hoher (wie Spanien) wird stets größer. Diese Länder können voneinander lernen und eventuell sogar gemeinsame Projekte zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit beschließen. Länder mit Erfolg bei der Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit können demonstrieren, wie es gemacht wird.

Daher kann Spanien von Deutschland lernen – und beispielsweise qualifizierte Ausbildungsplätze neben den traditionell akademischen Ausbildungswegen anbieten. Gleichzeitig sollte Spanien eine Lektion für Deutschland sein: Die dortigen Verhältnisse zeigen, wohin die fortschreitende Aufteilung des Arbeitsmarktes in niedrig entlohnte Teilzeitjobs und gut bezahlte Vollzeitstellen führen kann.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Daniel Tkatch, Elke Hannack.

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