Spezial zur Europawahl

„Uff de ebsch Seit“

Beide Seiten des Rheins sind, vom jeweils anderen Ufer aus betrachtet, die falschen. Da geht es Europa nicht anders als dem Rheinland: Zu oft entsteht Identität noch durch Abgrenzung.

In meiner Heimat gibt es einen Witz über einen Mann, der den Rhein in einem Ruderboot überqueren und auf die „ebsch (falsch, schlecht) Seit“ will. Wann immer der Mann auf einer Seite ankommt, fragt er, ob er denn „uff de ebsch Seit“ angekommen sei. Als „ebsch Seit“ bezeichnen sich jeweils wechselseitig die beiden Rheinseiten von Hessen und Rheinland-Pfalz. Man kann es sich denken: Der Ruderer wird hin und her geschickt, er kommt niemals an und soll noch heute auf dem Fluss treiben.

So geht es mit den Zuschreibungen, so geht es mit der Identität. In meiner Heimatstadt bin ich Hasso Mansfeld, in Rüdesheim bin ich „von der Ebsch Seit“, in Bayern bin ich Rheinländer, in Frankreich Deutscher und in den USA werde ich als recht typischer Kontinentaleuropäer wahrgenommen. Die Facetten kultureller Identität bilden sich erst in der Abgrenzung deutlich heraus, darin wie wir wahrgenommen werden, darin wie wir uns in Abgrenzung selbst definieren.

Nur nationale Identität tragfähig?

Doch das ist nicht genug. Wo Identität vor allem in der Abgrenzung von anderen gesucht wird, ist sie fragil und unbestimmt. Das gilt für die eigene Individualität ebenso wie für gemeinsame kulturelle Identitätskonzepte. Wie der Ruderer auf dem Rhein treibt ein nur negativer Begriff von Identität ziellos dahin. Das lässt sich in den wiederkehrenden Debatten um europäische Identität mustergültig nachvollziehen. Gründe, in Europa enger zusammenzurücken, gibt es genug. Die wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen der Zukunft sind globale, mit China, Indien, Russland und den USA als bedeutende Machtblöcke.

Ein Europa der Kleinstaaterei stünde auf verlorenem Posten. Und innereuropäisch trennt und hemmt der Nationalismus, die Standortkonkurrenz innerhalb der Euro-Zone droht zu einem „Race to the bottom“ zu verkommen. Dennoch wirkt die Rede von einer „Europäischen Identität“ regelmäßig hohl, abstrakt. Insbesondere dann, wenn sie ohne ernsthafte Auseinandersetzung mit der Frage, was Identität sein kann, als Politikum beschworen wird.

Kein Wunder, sagen nun die alten Reaktionäre, die Europa noch nie getraut haben. Und sich progressiv gerierende Linke, ebenso wie Kräfte, die sich als liberal verstehen, stimmen mit ein: kein Wunder, der europäischen Identität fehle das gemeinsame Narrativ, Erfahrungen, auf denen sie aufbauen könne. Nur die natürlich gewachsene nationale Identität sei tragfähig. Das ist ahistorischer Populismus, der sich nur den Anschein gesunden Menschenverstandes gibt. Das Nationalbewusstsein in Europa geht im Großen und Ganzen auf die napoleonischen Kriege zurück, und definierte sich entweder mit oder gegen Napoleon. Es ist damit gerade einmal knapp 200 Jahre alt.

Aushängeschilder der Nationalkultur

Dagegen setzen sich die Alltagserfahrungen zahlreicher nicht nur jüngerer Menschen in den letzten 70 Jahren mehr und mehr über nationale Grenzen hinweg. Man wächst etwa in Deutschland auf, studiert in England, verliebt sich in Frankreich und arbeitet vielleicht später in einem der skandinavischen Länder. Identität ist wandelbar. Innerhalb einer Generation ersetzte die Pflege der deutsch-französischen Freundschaft die Rede vom „Erbfeind“. Und zwei wahllos herausgegriffene Deutsche und Griechen können leicht mehr gemeinsam haben als ein ebenso wahllos herausgegriffener Bayer mit einem Ostfriesen.

Auch eine gemeinsame europäische Tradition und Geistesgeschichte muss nicht erst geschaffen werden, sie existiert seit vielen hundert Jahren und ist eng mit der Geschichte der Aufklärung verwoben. In den 1820er-Jahren zogen demokratisch gesinnte Europäer aus, um für die Griechische Republik zu kämpfen, unter ihnen der noch heute in Griechenland ebenso wie in England verehrte Lord Byron. Im Spanischen Bürgerkrieg 1936-1939 kämpften Deutsche, Franzosen, Italiener, Briten, Spanier und andere gemeinsam und leider ohne Erfolg für die Freiheit in Europa. Und auch Geistesgrößen, die wir heute gewohnt sind als Aushängeschilder der Nationalkultur zu begreifen, definierten sich selbst gern als Europäer. Mann, Goethe, sogar Friedrich Nietzsche.

Europäisches Zusammenwachsen begünstigt

Doch so weit zurückgehen muss man gar nicht, um festzustellen, wie sehr die gemeinsame europäische Erfahrung noch dort, wo man sie gar nicht vermutet, Identität zu stiften vermag. In der DDR der Siebziger- und Achtzigerjahre zum Beispiel bewegten nicht nur die Blues-Messen die Jugend, sondern ebenso britische Rockmusik und französischer Existenzialismus. Heutige Jugendkultur ist erst recht international. Gefragte Musiker und Bands kommen aus Spanien ebenso wie vom Balkan. Und bei alledem ist keine gewaltsame Zerstörung gewachsener Identitäten zu konstatieren, wie es als Schreckgespenst an die Wand gemalt wird, sondern eine Vermischung und Überlagerung von Identitätskonzepten innerhalb einer gemeinsamen europäischen Erfahrung. Europäische Identität beinhaltet vor allem eines: kulturelle Vielfalt.

Demokratie, individuelle Freiheit und Parlamentarismus sind bedeutende gemeinsame Werte, die sich in einem anhaltenden Prozess der Europäisierung herauskristallisiert haben. Gestützt wurde diese Entwicklung noch vom technologischen Fortschritt, von der Eisenbahn bis zum Internet, der das europäische Zusammenwachsen begünstigte. Es handelt sich um das Beste der aufklärerischen europäischen Tradition. Der wiedererstarkende Nationalismus ist dagegen rückwärtsgewandt. Warum aber fällt es dann so schwer, Unterstützung für eine gemeinsame europäische Politik, die eine gemeinsame Finanz- und Sozialpolitik einschließen sollte, zu mobilisieren? Wie kann es sein, dass Linke, Rechte und mancher Liberale geeint gegen ein weiteres europäisches Zusammenwachsen streiten?

Mutterkontinent der Aufklärung!

Ganz einfach: Die EU macht es den Bürgern schwer, sie als etwas Positives zu empfinden. Die derzeitige Verfasstheit der EU steht der europäischen Erfahrung ignorant bis feindlich entgegen. Die EU tritt in der Wahrnehmung ihren Bürgern als undemokratische Struktur gegenüber, in der die Kommission als deutlich mächtiger wahrgenommen wird als das Europaparlament. Kuriose bis nervige Verordnungen, allen voran das Verbot der klassischen Glühbirne, überlagern die großen Erfolge der europäischen Integration seit 1945. Die gewachsene europäische Kultur, das gelebte Europa, das für so viele Menschen Alltag ist, findet keinen politischen Ausdruck. Und das auf dem Mutterkontinent der Aufklärung!

Indes: Die Chancen, die ein vereintes Europa mit sich bringt, sind so enorm, dass sie weder von Nationalismus noch von einer nur im administrativen Sinne europäischen Technokratie torpediert werden dürfen. Demokratiedefizitabbau und das Ende massiv regulierender und unpopulärer Vorschriften sind die wichtigsten Themen der nächsten Jahre.

Für ein demokratisches, freies, gelebtes Europa lohnt es sich einzustehen. Als Europäer.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Thomas Risse.

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