Spezial zur Europawahl

Geschichte wiederholt sich nicht

2014 ist nicht 1914. Nur weil es damals zum Krieg kam, droht heute nicht wieder Gewalt. Doch wenn wir klug beobachten, erfahren wir aus dem Blick zurück viel über den Weg nach vorne.

Geschichte wiederholt sich nicht, schon gar nicht im einzelnen Ereignis. Aber unter dem Eindruck sich schnell vollziehender Veränderungen und in Situationen großer Ungewissheit sind wir darauf angewiesen, durch Analogiebildung zu früheren Konstellationen eine Vorstellung davon zu bekommen, wie es weitergehen könnte und welche politischen Optionen uns dabei zur Verfügung stehen. Dabei geht es um strukturelle Analogien, also um Analogien zu Konstellationen und nicht solche zu Einzelereignissen. Letztere sind viel zu kontingent, als dass man hier durch Analogiebildung Aufschluss gewinnen könnte.

Die Herstellung von historischen Analogien zwecks politischer Orientierung ist also ein mit guten Kenntnissen und großem Augenmaß zu betreibendes Geschäft, das obendrein politische Urteilskraft erfordert. Es ist kein im strengen Sinn wissenschaftliches Verfahren, kommt aber ohne fortgesetzte Anleihe bei der Wissenschaft nicht aus. Der Maßstab solcher Analogien ist Plausibilität.

Von Auschwitz zu Srebrenica

Plausibilität ist hier vielleicht am besten mit Zustimmungsfähigkeit zu übersetzen. Dabei ist zu differenzieren im Hinblick auf diejenigen, die Beifall spenden und auf deren Zustimmung oder Beipflichtung es ankommt. Es kann sich dabei um ein allgemeines Publikum, aber auch um Gruppen hochkompetenter Beobachter handeln, und nicht selten sind Analogiebildungen im Hinblick auf diese Publika angelegt: eingängig, geradezu süffig im einen Fall, sperrig und auf den ersten Blick nur schwer nachvollziehbar im anderen.

Die Analogie von Auschwitz und Srebrenica, die eine militärische Beteiligung der Bundesrepublik an der NATO-Intervention in die jugoslawischen Zerfallskriege unterstützen sollte, war auf schnelle Zustimmung ausgelegt; die jüngst mehrfach ins Spiel gebrachte Analogie zwischen den Konstellationen von „vor 1914“ und denen von „2014“ ist dagegen keine Legitimations-, sondern eine Reflexionsanalogie. Sie ist eine analytische Wegweisung; sie soll Aufmerksamkeit schärfen und Risiken sichtbar machen, die sonst verborgen bleiben würden. Ihr geht es nicht um Zustimmung, sondern um Reflexion.

Politisches Lernen der Europäer

Analogien sind eher als Vergleiche denn als Gleichsetzungen zu betrachten: Sie zeigen Ähnlichkeiten, aber sie machen auch Unterschiede deutlich. Beides gehört zum Orientierungsertrag. So sticht bei einem Vergleich von „1914“ und „2014“ als Erstes die unterschiedliche politische Verfasstheit Europas ins Auge, auch und gerade dann, wenn es um die Herausforderung Europas durch balkanische Wirren geht. Während der jugoslawischen Zerfallskriege in den 1990er-Jahren hatte es für einen kurzen Augenblick den Anschein gehabt, die Spaltungslinien der europäischen Mächtekonstellationen von 1914 würden wiederkehren. Aber das war nur für einen kurzen Augenblick der Fall, und dann machten sich die veränderte Positionierung Großbritanniens und die dominierende Präsenz der USA bemerkbar. Und auch die veränderten institutionellen Arrangements in Europa, von der OSZE über die Europäische Gemeinschaft bis zur NATO, spielten eine wichtige Rolle.

Die Analogiebildung hatte etwas Beruhigendes; sie zeigte ein politisches Lernen der Europäer. Das Engagement auf dem Balkan, das den Europäern auf Jahrzehnte hinaus abverlangt werden wird, ist durch die Analogiebildung gedeckt. Zum Vergleich: Die Analogiebildung der Afghanistan-Intervention der NATO zu denen der Sowjets in den 1980er-Jahren und denen der Briten Ende des 19. Jahrhunderts legten nahe, dass auch dem aktuellen Projekt keine großen Erfolge beschieden sein würden.

Die strukturelle Analogie von 1914 und 2014 fordert die Europäer zu mehr Aufmerksamkeit für die Krisen und Konflikte an den Rändern und Peripherien auf. 1914 haben sie darin versagt, einen Konflikt zu lokalisieren, der prinzipiell begrenzbar gewesen wäre. Heute ist der Balkan das geringere Problem, der Kaukasus (und womöglich die Ukraine) ist schon ein größeres, aber die größte sicherheitspolitische Herausforderung der Europäer ist die Zone sozialer und politischer Instabilität mit eingelagerten Bürgerkriegen, die sich von Kleinasien über den Nahen Osten bis nach Tunesien und Algerien erstreckt. Die Europäer müssen in die Stabilisierung der dortigen Strukturen „investieren“, aber sie müssen dies klug und geschickt tun, um nicht das Gegenteil des Beabsichtigten zu bewirken. Da lässt sich aus den Fehlern von 1914 lernen.

Warnungen aus der Vergangenheit

Auch eine Analogie zwischen den europäischen Konstellationen von 1914 und dem heutigen Ostasien kann instruktiv sein, wobei China in der Rolle des kaiserlichen Deutschlands zu sehen ist: ein rasanter ökonomischer Aufstieg, im Innern autoritäre Strukturen mit erheblichen sozialen Gegensätzen, vor allem aber die Angst vor der Einkreisung durch eine antihegemoniale Koalition, die sich weniger aus gemeinsamen Werten und Interessen als vielmehr aus der Angst vor der Kraft Chinas speist.

China wiederum ist seit seinem Wandel vom Agrarland zur Industriemacht von Rohstoffzufuhren über See abhängig – aber das Meer wird von dem großen Konkurrenten, den USA kontrolliert. Auch hier liegt die Analogie zur Rolle (Großbritanniens) vor 1914 auf der Hand, ebenso wie die Feststellung, dass sich beide „Weltpolizisten“, die Briten 1914 und die Amerikaner 2014, im relativen Niedergang befinden. Und in Ostasien gibt es keine Institutionen, die der Dynamik eskalierenden Misstrauens gegensteuern könnten, wie das inzwischen in Europa der Fall ist. Das ist eine Warnung, wie riskant dort das Spiel mit Konflikten ist.

Geschichte wiederholt sich nicht, aber die historische Analogie gibt Hinweise, worauf zu achten ist und was man falsch machen kann.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Ernst Piper, Klaus-Dietmar Henke, Thomas Weber.

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