Spezial zur Europawahl

Ausgewertet

Selbst ernannte Intellektuelle diagnostizieren, dass zu viel gejammert wird. Und sind dabei selbst am lautesten. Langsam reicht es.

Ist das nicht etwas zu mystisch: Nur weil seit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges präzis 100 Jahre vergangen sind, sollte sich die Geschichte wiederholen? Nun haben berufenere Geister als ich diese These schon auf vielfältige Weise als kurzschlüssig enttarnt, nie ohne einen diskreten Hinweis auf die Komplexität der ganzen Sache: Denn bis heute ist nicht so ganz klar, welche verketteten Faktoren letztlich und kausal zu jener Ur-Katastrophe europäischer Geschichte führten.

Die „Jammerkultur“ der Meta-Apokalyptiker

Als luzides Textstück mag zur Erläuterung dieser Unmöglichkeit einer Erklärung solcher Prozesse die geschichtsphilosophische Passage aus Tolstois „Krieg und Frieden“ gelten, in der eben dieses Kausalitätsdilemma bereits 18xx erfasst wurde.

Ich kann mich also auf ein anderes Argument konzentrieren, das zeitgemäßer ist und die gegenwärtige Befindlichkeit der Deutschen umschreibt – womit sich allerdings schon wieder ein Problem einschleicht: das der Kollektivierung eines Bewusstseinszustandes und mithin der Erosion der Werte, zumal der westlichen! Das Stichwort ist: „Jammerkultur“! Eine Diagnose, die von allen möglichen meist selbst ernannten Experten getroffen wird, von Talkshow-Psychologen, Ökonomie-Kommentatoren oder Zukunftsgurus, die mit zerfurchter Stirn eine Bedrohungskulisse aus Pessimismus, Alarmismus, ja „Apokalyptizismus“ errichten.

Allerdings: Bei Licht betrachtet, sind eigentlich die Einzigen, die herumjammern, genau die, die über die vermeintliche Jammerkultur jammern. Was noch hinzukommt: Diese Meta-Apokalyptiker verkaufen sich selbst als Intellektuelle. Und das ist möglich, weil es ein großer Teil der klassischen Intellektuellen kaum in Talkshows schafft, weil sie Tolstoi beherzigend, der Komplexität nicht ausweichen, vor allem aber geschäftsschädigend auf die listige Dialektik dieser Kulissenschieberei hinweisen: dass eigentlich die Düsternis nur deshalb inszeniert wird, um dann als Heilsbringer eine verkäufliche Erlösung aus dem Hut zu zaubern.

Pursuit of Happiness ohne Krieg mit den Anderen!

Diese Bedrohungskulisse erscheint umso dräuender, je mehr das Bild der inneren Selbstbedrohung noch durch die Schatten der äußeren Bedrohlichkeiten verdüstert wird. Und was ist alarmierender als jene Szenerie, vor der die „westlichen Werte“ als so sklerotisch erscheinen, dass das Gerippe unserer Kultur demnächst scheppernd zusammenbrechen wird und einem neuen Jahrhundert, dem asiatischen, den Weg ebnet.

Aber dort? Was will man dort? Selbstbestimmung, Leistungshonorierung, Teilhabe am Konsum und am Reichtum der Welt – zusammengefasst in dem westlichsten aller Werte, der Abermillionen Individuen aus allen erdenklichen Kontinenten dazu animierte, sich an einem Ort zu sammeln: Pursuit of Happiness ohne Krieg mit den Anderen! Die Anziehungskraft genau dieses pluralen Wertgefüges ist größer als jemals zuvor, auch wenn unleugbar die Disparität zwischen Eleganz und Proletentum, Anstand und Peinlichkeit pornografischer Selbstinszenierung, zwischen Sozialbindung von Eigentum und rückhaltloser Gier gewachsen ist. Doch die althergebrachte Utopie einer sozial wie wirtschaftlich konsolidierten Zukunft wird durch diese für kurze Zeit durch Geldgewinne nach oben gespülten kulturellen Raufbolde nicht wirklich beschädigt.

Woher ich diese Gewissheit nehme? Aus meiner Tätigkeit. Aus nunmehr weit über 40 Jahren akademischer Lehre auf der einen Seite, mit immer wieder jungen enthusiastischen Leuten, die Zukünfte gestalten wollen, frei von jeglichem Alarmismus, motiviert, innovativ und zukunftsbejahend, mit einer gesunden Mischung aus kritischem Rationalismus und schwärmerischer Emotionalität.

Es zeigte sich, zweitens, in den Befunden der letzten 14 Jahre, in denen ich, beginnend mit der optimistischen Zeit vor der Krise von 2001, die Ansichten und Absichten nachwachsender Führungsgenerationen untersuchte. Was überrascht, ist die Konstanz der mitarbeiterorientierten Werte, auch die Bedeutung von Freundschaft und Treue, vor allem die Zuversicht, die sich hielt – trotz der Tatsache, dass sich diese Generation zunehmend volatilen Beschäftigungsverhältnissen ausgesetzt sah.

Kant und Voltaire statt Nietzsche und Spengler

Und es zeigte sich, drittens, in den Befunden der nun schon ebenfalls mehrere Jahrzehnte währenden Arbeit in und mit Konzernen und mittelständischen Unternehmen. Immer war die Frage die nach dem Umgang mit unberechenbaren Zukünften. Strategie? Genie? Oder Zufall? Immer dominierte natürlich „Strategie“. Doch auf den zweiten Blick zeigten sich, vor allem im deutschen und österreichischen Mittelstand, dahinter das Genie eines individuellen Pragmatismus und der unbezwingbare Glaube daran, Probleme gemeinschaftlich lösen zu können.

Warum aber, so die naheliegende Frage, ist dann die Wirtschaftskultur so anders? Offensichtlich reicht der Wunsch allein nicht aus, wenn – und das ist das Dilemma – die anderen die Machtpositionen besetzen und strategische Opportunisten mit großem publizistischen Lärm ihnen vor der erwähnten Bedrohungskulisse maßgeschneiderte Zukünfte konstruieren. Anders ausgedrückt: Das Problem besteht darin, dass die Mehrheit derer, die sich für eine andere Art der kapitalistischen Wirtschaftskultur, für eine wertegebundene, menschlich wie wirtschaftlich, kulturell wie politisch nachhaltige Welt engagieren könnten, keine gemeinsame Basis finden.

Noch nicht. Allerdings: Die Wertebasis besteht. Sie gründet in der weltumspannenden Faszination aufklärerischer Gedanken, die nicht von Nietzsche oder Spengler, sondern, nur zum Beispiel, von Kant und Voltaire inspiriert sind.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Patrick Spät, Michael Pauen, Matthias Horx.

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