Spezial zur Europawahl

We do Europe

Auch in 20 Jahren wird Europa seine Probleme nicht alle gelöst und nicht jede Ungleichheit überwunden haben. Umso mehr wird dann eine alte Empfehlung gelten.

Was ist „Europa“? Der Begriff hatte ursprünglich die Bedeutungen „dunkel“ und „untergehen“ – womit das Abendland gemeint ist, in dem die Sonne untergeht. Bleibt Europa in den nächsten zwanzig Jahren nur ein geografischer Begriff oder bekommt Europa etwas Eigenes, Unverwechselbares?

In seiner berühmten Zürcher Rede von 1946 hatte Winston Churchill noch davon geträumt, in Zukunft die „Vereinigten Staaten von Europa“ zu erleben. Ein halbes Jahrhundert später war im Zuge der Euro-Krise plötzlich von „Eurosklerose“ die Rede. Und wie geht es weiter? Was kommt bis 2034 auf Europa zu?

Die wahre Heimat der Europäer

Die Europäer können auch in der nahen Zukunft friedlich zusammenleben, aber bei der Suche nach der Seele Europas kommen sie kaum einen Schritt weiter. Europa hat viele Seelen und Identitäten. Die Europaidee als verwirklichte Wertegemeinschaft bleibt ein Traum. Beim Stichwort „Werte“ denken die meisten Europäer ohnehin mehr an ihre Aktien- und Cholesterinwerte als an „die“ europäischen Werte, die es vielleicht gar nicht gibt.

Der Bayer will kein Preuße, der Schotte kein Engländer und der Katalane kein Spanier sein. Das liebenswert Patriotische und auch Provinzielle ist die wahre Heimat der Europäer. Die europäische Sozialforschung weist nach: Die Einstellungs- und Verhaltensunterschiede zwischen Süddeutschen und Norddeutschen sind größer als die zwischen den Bayern und Österreichern.

Andererseits gibt es zwischen Österreichern und Deutschen viele Gemeinsamkeiten. Man sagt, wenn die Deutschen Schnupfen bekommen, fangen die Österreicher als Erste zu niesen an. Die Menschen in beiden Ländern absolvieren das Auf und Ab von Konjunkturen und Rezessionen im Paarlauf …

Klischees und Werte

Die Frage nach Klischee und Wirklichkeit muss immer wieder neu gestellt werden. Auch in den nächsten zwanzig Jahren gilt, was die Hamburger Stiftung für Zukunftsfragen schon 2007 in einer Repräsentativbefragung von 10.000 Europäern ermittelte: In der Werteorientierung dominiert die Loyalität bei den Briten, das Pflichtbewusstsein bei den Deutschen und der Gerechtigkeitssinn bei den Finnen, während die Italiener von Verlässlichkeit wenig wissen wollen. Was wie eine Ansammlung von Klischees wirkt, ist offensichtlich europäische Wertewirklichkeit. Vive la différence!

Wie nie zuvor können Menschen heute in einem „Europa ohne Grenzen“ reisen, einander kennenlernen und voneinander lernen. Für Euphorie besteht dennoch kein Anlass: Die Grenzen in Europa ändern sich schneller als die Eigenarten und Gewohnheiten der Europäer. Aus der europäischen Tourismusforschung lässt sich schließen: Die Deutschen gewinnen den Kampf um die Liegestühle, die Dänen die Bar und die Franzosen lassen sich rund um die Uhr unterhalten – frei nach einem Reisebericht: „Die Drinks mixen die Spanier. Um drei Uhr werden die letzten Dänen ins Freie getragen …“

Das Europa der Menschen bleibt

Der Kampf um das eigene Klischee wird in Zukunft sicher „so“ nicht ausfallen, zumal es zu einem Melting Pot von Lebensweisen zwischen „savoir-vivre“, „dolce far niente“ und deutscher „Gemütlichkeit“ kommt. Aus der Konsumforschung ist bekannt: Joghurt bleibt Joghurt – nur die Deutschen mögen das Milchprodukt gerne mit Erdbeergeschmack, die Italiener favorisieren den Orangengeschmack und die Franzosen sind vom Apfelgeschmack angetan. Unterschiedliche historische, soziale, kulturelle und klimatische Rahmenbedingungen lassen die Einheitsidee Europa im Alltag trügerisch erscheinen.

Und dennoch: Regionen, nicht Länder und Nationen wachsen in den nächsten Jahren immer mehr zusammen – nach dem Prinzip: drei Länder, aber nur eine Region. Neue Euro-Regionen werden entstehen wie z.B. die „SaarLorLux“-Region, ein gemeinsamer Lebens- und Erlebnisraum, der die Menschen im Saarland, in Lothringen und Luxemburg miteinander verbindet und für Gemeinsamkeiten sorgt. Die Europäer der Zukunft werden die Kinder von Karl Marx und Coca-Cola sein, alte Martin-Luther-Texte online lesen und Papst-Franziskus-Initiativen gegen die weltweite Ausbreitung von Armut solidarisch unterstützen, Musicals besuchen und anschließend in der Moschee beten …

Das Europa 2034 ist und bleibt ein Europa von Menschen, die von der Vielfalt leben. Außer dem Euro gibt es das EINE Gemeinsame nicht, wohl aber das konfliktfreie Zusammenleben und den hilfreichen Zusammenhalt – eine Art „Europäische Solidarität light“ mit weniger nationalem Egoismus und mehr pragmatischen Gemeinsamkeiten, bei denen es keine Verlierer geben darf. So gesehen ist auch die EU im Jahr 2034 nur ein gemeinsames Dach, unter dem alle Mitgliedsländer Platz und Schutz finden können.

„We do Europe“

Andererseits: Der Grad der Ungleichheit nimmt europaweit zu. Viele Europäer haben Zweifel, ob die Früchte der europäischen Einigung fair und sozial gerecht verteilt sind. Hinzu kommt die Sorge vor Wohlstandsverlusten und terroristischen Anschlägen. Die größte Verunsicherung der EU-Bürger geht jedoch vom Internetzeitalter und der totalen Vernetzung der Lebenswelten aus.

2034 gibt es keinen verlässlichen Datenschutz mehr. Identitätsdiebstähle sind an der Tagesordnung. Und ein europaweit agierendes Netz von Cyberkriminellen hält die EU-Politik in Atem. Hilflosigkeit dominiert. Der Cyberoptimismus ist tot. Und die „EU-phorie“ ist verflogen. Geblieben aber ist auch im Jahr 2034 Romano Prodis Empfehlung vor dem Europäischen Parlament als pragmatische Empfehlung: Am besten – „we do Europe“. Die „Doing-Europe“-Formel braucht Zeit – und hat nach wie vor Zukunft.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Anni Podimata, Eike Wenzel.

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