Spezial zur Europawahl

An der Wurzel

Richard Coudenhove-Kalergi war kontrovers aber bemerkenswert. Er bleibt eine tragische Gestalt der Einigung Europas, deren lebenslanger Einsatz oft vergessen wird.

Er ist der überzeugteste Europäer der Zwischenkriegszeit. Visionär, elitär und einflusssüchtig verbreitet Richard Coudenhove-Kalergi seine Idee eines geeinten Pan-Europas in den 1920er-Jahren. Er investiert sein Vermögen, seinen Namen und 50 Jahre seines Lebens in die bis heute bestehende Bewegung. Für manche ist er ein bedeutender Vordenker, andere stoßen sich an seinem prätentiösen Stil, den weitgehend vagen Thesen und seinem christlich-konservativen Weltbild.

Geboren wird Graf Richard Coudenhove-Kalergi am 17. November 1894 in Tokio als Sohn eines österreichisch-ungarischen Diplomaten und seiner japanischen Frau. Auf seiner Geburtsurkunde wird der 16. November eingetragen, nach mitteleuropäischer Zeitrechnung, als stünden schon da alle Zeichen auf Europa. Tatsächlich zieht die Familie bald zurück nach Westböhmen, wo Richard in behüteten Verhältnissen auf dem väterlichen Schloss in Ronsperg aufwächst. Die Familie hat niederländische und griechische Wurzeln, Richards Verwandte leben in Norwegen, Belgien, Spanien, Italien und England. Sein Vater spricht 18 Sprachen.

Über die Einigung Europas nachdenken

Kein Wunder, dass der junge Graf sich nirgendwo zu Hause fühlt. In seiner Autobiografie schreibt er dazu später: „Unsere Mutter verkörperte für uns Asien, unser Vater Europa. Es wäre uns schwergefallen, ihn mit irgendeiner Nation zu identifizieren. So war in unseren Augen Europa stets eine selbstverständliche Einheit, das Land unseres Vaters.“ Als der Erste Weltkrieg ausbricht, ist Coudenhove-Kalergi 19 Jahre alt. Er arbeitet als Journalist und interessiert sich vornehmlich für antike Literatur und Geschichte, schreibt aber auch über Politisches. Fünf Jahre später ist er plötzlich tschechischer Staatsbürger, nachdem die Pariser Friedenskonferenz die Habsburger Monarchie zerschlagen hat. Nationale Grenzen erscheinen dem jungen Kosmopoliten immer absurder.

Die Schrecken des Ersten Weltkriegs und der russische Bolschewismus bewegen Coudenhove-Kalergi schließlich 1922 dazu, über die Einigung Europas nachzudenken. Er schreibt einen Artikel, in dem er über die Sinnlosigkeit europäischer Kriege klagt und die Chancen wirtschaftlicher Integration beschreibt. Der Artikel erscheint in der Berliner „Vossischen Zeitung“ und der Wiener „Neuen Freien Presse“. Er schließt mit einem Appell, sich der neu gegründeten Pan-Europa Union anzuschließen, woraufhin sich 51 Leser an Coudenhove-Kalergi wenden.

Coudenhove-Kalergi gibt nicht auf

Ein Jahr später schreibt er das Manifest zu der Bewegung, für die sein Name heute steht. „Pan-Europa“ heißt das Buch, das in mehrere Sprachen übersetzt wird und in ganz Europa für Aufsehen sorgt. Der Hamburger Bankier Max Warburg gewährt Coudenhove-Kalergi ein großzügiges Budget, womit er ein Büro in Wien eröffnet und um weitere Mitglieder wirbt. Er beginnt, durch Europa zu reisen und in höchsten Kreisen seine Vision vorzutragen. Gustav Stresemann und der französische Premierminister Édouard Herriot sind ebenso unter den Sympathisanten wie Stefan Zweig und Albert Einstein. Auch nach New York reist der Aristokrat mit den mandelförmigen Augen, um vom amerikanischen Föderalismus zu lernen und ihn auf die Vereinigten Staaten von Europa zu übertragen.

Vorläufiger Höhepunkt seiner Karriere wird der Kontakt zu Aristide Briand, als der französische Premier 1929 vorschlägt, eine europäische Staatenunion zu bilden — inspiriert von Coudenhove-Kalergi. Die Idee stößt auf geteiltes Echo. Während Stresemann sie befürwortet, kommen von den Briten skeptische Stimmen, die in erster Linie um den Erhalt ihres Kolonialreichs besorgt sind. Es bleibt ein kurzer europäischer Moment. Im Oktober 1929 stirbt erst Stresemann, dann bricht die Weltwirtschaftskrise aus und zwei Jahre später ist auch Briand tot. Doch Coudenhove-Kalergi gibt nicht auf.

Er hält Vorträge in ganz Europa, schreibt Bücher und trifft sich mit Staatsmännern. 1933 kommt er mit Benito Mussolini zusammen, der anfänglich von der Idee angetan ist, sie dann aber verwirft; genau wie Hitler, der Coudenhove-Kalergi als Fantasten abtut. Daraufhin zieht er zunächst in die Schweiz und emigriert dann nach New York, wo er während des zweiten Weltkrieges Vorlesungen an der NYU hält. Im Exil unterhält er Kontakte zu großen Europäern wie Paul-Henri Spaak, Léon Blum und Winston Churchill. Als Letzterer nach Kriegsende seine berühmte Rede vor der Universität Zürich hält, erwähnt er dankend Coudenhove-Kalergis Verdienste.

Kontrovers aber bemerkenswert

Doch zur gleichen Zeit bekommt sein Plan Risse. Andere Politiker beginnen, ihre Vorstellung von Europa zu verwirklichen, und ohne politisches Amt fehlt es Coudenhove-Kalergi an Einfluss. Bei den Bestrebungen von Schuman, Monnet & Co. spielt er keine Rolle. Ironischerweise verliert die Pan-Europa Union genau dann ihre Bedeutung, als die Idee europäischer Integration populär wird.

Dass er trotzdem noch 20 Jahre bis zu seinem Tod Präsident der Pan-Europa Union bleibt, kann man starrsinnig finden oder konsequent. Sein Weltbild blieb unverändert: anti-kommunistisch, pro-europäisch, christlich-konservativ. Sicherlich spielte es den Kritikern der Pan-Europa Union in die Hände, dass anschließend kein Geringerer als Otto von Habsburg den Vorsitz übernahm.

Coudenhove-Kalergi bleibt eine tragische Gestalt der Einigung Europas, deren lebenslanger Einsatz oft vergessen wird. Ohne je ein offizielles Amt zu bekleiden, beeinflusste er den europäischen Diskurs über Jahrzehnte. Andererseits war genau das sein Problem. Elitär und konservativ kam er daher, beanspruchte die Idee europäischer Integration für sich, ohne seine vage Vision je zu konkretisieren oder politikfähig zu machen. Ein kontroverser aber bemerkenswerter Europäer.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Marian Schreier, Hans Bellstedt, Romy Straßenburg.

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