Spezial zur Europawahl

Lieber Harvard als Hannover

Die europäische Hochschulbildung befindet sich im Umbruch. Von einem „digitalen Tsunami“ kann aber keine Rede sein.

Zugegeben, die Vorstellung, kostenlos bei den besten Professoren der Welt zu studieren, ist faszinierend und revolutionär. Kaum eine Entwicklung zuvor hat die Hochschulwelt innerhalb kürzester Zeit so durcheinandergewirbelt wie die sogenannten Massive Open Online Courses, kurz MOOCs. Was bislang einem kleinen Zirkel zumeist elitärer Studenten vorbehalten war, ist nun nur noch ein paar Klicks entfernt: Die MOOC-Bewegung hat die Türen zu Stanford, Harvard oder dem MIT virtuell für die ganze Welt geöffnet. Die Verheißung ist so einfach wie überzeugend: Demokratisierung der Bildung, Teilhabe an einer digitalisierten Welt. Machen MOOCs möglich, was bislang nur wenigen zugänglich war? Was bedeutet die Vision „Kostenlose Bildung für alle“ für die Zukunft der europäischen Hochschulen? Hat das klassische, national geprägte akademische Bildungssystem ausgedient?

Lassen wir uns nicht blenden: Von dem viel zitierten „digitalen Tsunami“ ist in Europa bisher kaum mehr als eine leichte Welle angekommen. Von den weltweit fast 2500 Online-Kursen stammt nur ein Bruchteil aus Europa. Außerhalb der großen Staaten Spanien, Deutschland, Großbritannien und Frankreich lassen sich MOOCs an wenigen Händen abzählen. Eine schlagkräftige Antwort auf die dominierenden US-Anbieter sieht anders aus, von einer echten Umwälzung im europäischen Hochschulsystem kann noch keine Rede sein.

Europäische MOOCs haben es schwer

Das liegt auch daran, dass in Europa zwei entscheidende Treiber der weltweiten MOOC-Bewegung kaum eine Rolle spielen: individueller Kostendruck und fehlende Studienplätze. Schon heute kostet in Nordamerika ein Studium bis zu 60.000 US-Dollar pro Jahr. Bei weiter explodierenden Gebühren werden günstige Online-Kurse so für viele zur einzigen erschwinglichen Möglichkeit, in den Genuss akademischer Bildung zu kommen. In vielen Schwellenländern, wie etwa Indien, fehlt es dagegen schlicht an Studienplätzen, sodass Online-Kurse ausländischer Hochschulen der am ehesten verfügbare Zugang zu höherer Bildung sind. All das ist in Europa – glücklicherweise! – kein großes Problem. Gut zugängliche und günstige Hochschulbildung ist hier die Regel. Europäische MOOCs haben es deswegen schwer, sich durchzusetzen. Und wer Spezialvorlesungen online besuchen will, wählt dann doch lieber die ohnehin schon starken US-amerikanischen Hochschulmarken. Im Zweifel also eher Harvard als Hannover.

Auch wenn die digitale Revolution an Europas Hochschulen noch schläft, ihre Potenziale sind riesig, vor allem jenseits dessen, was wir heute unter dem Modebegriff der MOOCs diskutieren. Denn die sind bislang zwar ein wichtiger Katalysator für die Diskussion über die anstehenden Veränderungen, in der Regel aber kaum mehr als digitale Kopien traditioneller Vorlesungen. Das spiegelt sich auch in ihren Nutzern wider. Erste Studien zeigen, dass MOOCs keineswegs neue, bisher an Hochschulen unterrepräsentierte Schichten erschließen, sondern ganz überwiegend von denjenigen genutzt werden, die das akademische System kennen und schätzen gelernt haben: Der typische Online-Lerner hat häufig schon einen Hochschulabschluss in der Tasche. Zur Demokratisierung der Hochschulbildung ist also noch ein weiter Weg zu gehen.

POOCs statt MOOCs lautet die Devise!

Ihr größtes Plus verschenken die heutigen Online-Kurse leider noch völlig. Statt persönlicher Maßanfertigung gibt es bislang nur Bildung von der Stange. MOOCs gehen nicht auf einzelne Lernende mit ihrem unterschiedlichen Wissensstand, Lerntempo und -stil ein. Dabei könnte das personalisierte Lernen gerade die große Stärke digitaler Bildung sein. Solange alles auf die Masse ausgerichtet ist, bleiben diese Potenziale ungenutzt. Nicht mehr „massive“ müssen die Online-Kurse zukünftig sein, sondern vor allem „personalized“ – POOCs statt MOOCs lautet die Devise. Und zwar dort, wo es passt: Ein didaktisch gut konzipierter Mathematik-Vorkurs als Online-Kurs ist ein sinnvolles Angebot, ein digitales Examenskolloquium eher nicht. Denn natürlich wird Computertechnik niemals die persönliche Bindung zwischen Lehrer und Lerner ersetzen, sie kann aber durchaus Entlastung und zeitliche Freiräume für eine gezieltere Betreuung schaffen.

Was also muss passieren, um die digitale Revolution an Europas Hochschulen aufzuwecken? Wie lassen sich die Chancen der Digitalisierung wirklich nutzen? Die gute Nachricht lautet: Den nötigen Marktplatz für einen digitalen europäischen Hochschulraum gibt es bereits. Er hört auf den Namen „Bologna“ und seine Währung heißt „ECTS“. Einst geschaffen, um die Mobilität der Studierenden innerhalb Europas zu befördern, ermöglicht dieser Rahmen nun die Mobilität der Bildung selbst. Das sogenannte European Credit Transfer and Accumulation System erlaubt den Vergleich und die gegenseitige Anerkennung von Studienleistungen in ganz Europa. Damit ist anders als in den USA die größte Hürde für die Anrechnung von MOOCs und anderen Online-Kursen auf reguläre Studiengänge bereits genommen. Diesen strukturellen Vorteil muss Europa nutzen, wenn unsere Hochschulen nicht weiter den Anschluss an die digitale Lern- und Lebenswelt der Zukunft verlieren sollen.

Voraussetzung dafür sind gute Inhalte. Nur wenn in großem Stil in digitale Plattformen und attraktive Angebote investiert wird, hat Europa eine Chance, sich dauerhaft gegen die starken US-amerikanischen Hochschulmarken zu behaupten. Für nationalstaatliche Einzellösungen ist Europa dabei viel zu klein. Es braucht eine gemeinsame Anstrengung, um die Idee des europäischen Hochschulraumes mit seinen vielfältigen Angeboten zukunftsfest zu machen. „Bologna Digital“ ist eine große Herausforderung, aber eine noch größere Chance, aus dieser oft kritisierten Reform endlich eine echte Erfolgsgeschichte zu machen.

Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit Ralph Müller-Eiselt. Er ist Vorstandsreferent bei der Bertelsmann Stiftung.

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