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Der Wirbelwind von Weimar

Ihr Buch „Über Deutschland“ prägt bis heute das Bild der Deutschen in der Welt: Die Französin Germaine de Staël hat vorgemacht, wie interkulturelle Verständigung funktionieren kann – oder auch nicht.

Napoleon Bonaparte war von ihren zahlreichen bewundernden Briefen genervt, Johann Wolfgang von Goethe versuchte, ihr in Weimar aus dem Weg zu gehen. Wilhelm von Humboldt schließlich befand, sie sei nicht „innerlich, nicht natürlich und nicht idealistisch genug“, um die Art von Buch zu schreiben, die ihr vorschwebte.

Beeindruckt hat das Baronin Anne Louise Germaine de Staël-Holstein – kurz Madame de Staël – nicht: Im Jahr 1810 veröffentlichte sie „De l’Allemagne“ (Über Deutschland), welches bis heute das Deutschlandbild in der Welt prägt. Madame machte sowieso immer, was ihr gefiel und scherte sich dabei recht wenig um die Meinung anderer.

Literarischer und körperlicher Einsatz

Geboren wurde de Staël 1766 in Paris. Schon als Kind war sie mit literarischen und geistigen Größen bekannt, dank des Salons ihrer Mutter. Ebenso früh folgten eigene literarische Versuche. De Staël liebte es, sich mit interessanten Menschen zu umgeben, ihnen ihre Sicht der Dinge darzulegen und über Politik und Literatur zu diskutieren. Menschen, die nicht so blitzgescheit waren wie sie selbst, langweilten Madame de Staël zu Tode. Sie war laut, selbstbewusst und auch physisch eine beeindruckende Erscheinung (man könnte auch sagen: matronenhaft). Über gesellschaftliche Konventionen setzte sie sich sowohl mit ihrem Aussehen als auch ihrem Verhalten hinweg. Ihr Motto lautete: Immer voraus und notfalls auch mit dem Kopf durch die Wand. Im Laufe ihres Lebens war de Staël zwar nur einmal verheiratet, unterhielt aber zahllose Affären sowie eine nervenaufreibende Beziehung mit dem politischen Publizisten und Schriftsteller Benjamin Constant. Vier Kinder hatte sie außerdem, wovon mindestens eines nicht von ihrem Ehemann stammte (von dem sie sich 1800 trennte).

In de Staëls Salon trafen sich während der Französischen Revolution gemäßigte Revolutionäre, die Madame sowohl literarisch – in Form verschiedener Schriften – als auch körperlich – in Form der Einflussnahme auf wichtige Männer – unterstützte. Die Radikalität der Revolution schockierte Madame dann aber doch und sie floh auf das Familien-Landgut in der Schweiz.

Sie, davon war de Staël fest überzeugt, hatte der Welt etwas mitzuteilen – wenn ihr diese doch nur mehr Gehör schenken würde! Die Machthaber dachten allerdings gar nicht daran: Kaum nach Paris zurückgekehrt (im Schlepptau Neu-Eroberung Benjamin Constant), wurde de Staël 1795 als Royalistin verdächtigt und bis 1796 in die Verbannung geschickt. 1797 lernte sie endlich Napoleon nennen, den sie glühend verehrte. Zumindest, bis ihr aufging, dass dieser vor allem seine eigene Macht sichern wollte und sein Regime immer diktatorischere Züge annahm. Napoleon war von de Staël wenig bis gar nicht beeindruckt, sie von ihm ebenso wenig. Egal, schließlich hatte sie schon ihr nächstes Projekt im Kopf.

Literatur als Produkt ihres Umfelds

1800 erschien „Von der Betrachtung der Literatur im Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Institutionen“. Der lange, gewundene Titel mag abschreckend wirken, tatsächlich ist die Publikation aber auch heute noch relevant: Madame de Staël legte dar, dass Literatur immer ein Produkt des Umfelds ist, in dem sie entsteht. Unter „Umfeld“ verstand sie sowohl gesellschaftliche als auch geografische Faktoren (grob eingeteilt in Nord und Süd).

Weil sie sich mal wieder zu rebellisch gebärdete und mit anderen zusammen Pläne gegen die napoleonische Herrschaft schmiedete, musste Madame 1802 zunächst Paris verlassen; 1803 wurde das Verbot auf das gesamte Pariser Umland ausgedehnt. Für de Staël zwar eine ärgerliche Angelegenheit (sie liebte Paris und wollte keinesfalls in der „Provinz“ wohnen), aber ebenso eine gute Gelegenheit für einen halbjährigen Trip nach Deutschland. Besonders gespannt war sie auf Weimar, das damalige intellektuelle und literarische Zentrum Deutschlands.

Die dort ansässigen Intellektuellen reagierten dummerweise nicht so begeistert, wie Madame sich das ausgemalt hatte – was sie jedoch nicht davon abhielt, Goethe, Schiller und andere hartnäckig zu verfolgen und sie mit ihrem sehr schnellen Französisch (denn selbstverständlich hatte sie nicht vor, ihre durchaus vorhandenen Deutschkenntnisse praktisch zu erproben) in den Wahnsinn zu treiben. Schiller schrieb an seinen Freund Christian Gottfried Körner: „Mein Stück nimmt mir den ganzen Kopf, und nun führt mir der Dämon noch die französische Philosophin hierher, die unter allen lebendigen Wesen, die mir noch vorgekommen, das beweglichste, streitfertigste und redseligste ist. Sie ist aber auch das gebildetste und geistreichste weibliche Wesen […].“

Weimar als Stadt fand de Staël recht enttäuschend, war doch vom pulsierenden Leben und intellektuellen Esprit, wie sie es aus Paris kannte, nichts zu spüren. Stattdessen: ländliches Flair und kleine Häuser. Der Besuch in Berlin war erfolgreicher: De Staël lernte August Wilhelm Schlegel kennen, der sie von nun an als Mentor und Hauslehrer für die Kinder begleitete.

Die Deutschen: schwermütig und langsam

Obwohl – oder gerade weil – die Deutschen und Deutschland ihr seltsam vorkamen, begann de Staël 1807, an ihrem bekanntesten Werk „Über Deutschland“ zu arbeiten. Erst 1813 konnte das Buch in London erscheinen, nachdem der Druck 1810 in Frankreich verboten worden war. Sabine Appel schreibt in ihrer wunderbar ironischen, lesenswerten Biografie über das Buch:

Die französische Zivilisation war die zivilisierteste in Europa, daran ließ sie selbst jetzt keinen Zweifel, unübertroffen in der Form, im Geschmack, in Eleganz, Weltläufigkeit, Lebensart, Diplomatie; das Wort „Esprit“ subsumierte das alles. Doch die Zeit verlangte nach Rückbesinnungen, die über diese etablierten Formen hinausgingen und für die diese Formen sogar ein Hindernis darstellten, weil man eben nicht tief genug in die Fragestellungen eindrang und aus Leichtigkeit von keiner positiven Setzung mehr ausging. Die Deutschen mit ihrer Schwerfälligkeit und ihrer Unkundigkeit in weltlichen Dingen hatten den Tiefsinn, den ein Denken erfordert, das bis zu den Ursätzen vorstoßen will.

De Staël, so Appel, sei auf der Suche nach neuen Impulsen aus anderen Ländern gewesen, denn die Franzosen hatten ihre kulturelle und intellektuelle Führungsrolle in Europa eingebüßt. Ihrem Freund und Landsmann Charles de Villers, der in Lübeck lebte, schrieb die Staël: „Ich studiere das Deutsche sehr sorgsam, und ich habe die sichere Empfindung, dass ich nur dort neuen Gedanken und neuen Gefühlen begegnen werde.“ Im Prinzip ging es Madame aber weniger um Deutschland als vielmehr um Frankreich: Sie wollte der Grande Nation einen Spiegel vorhalten, Impulse für eine Weiterentwicklung geben.

Zwar sei der Deutsche an sich eher schwermütig und langsam, dabei aber auch ursprünglich und in sich selbst ruhend. Was nichts daran änderte, dass die Deutschen Madame oftmals sehr seltsam vorkamen. Über die deutschen Frauen schrieb sie: „Die Frauen hier müssen über die Tatsache, dass sie altern, ganz erstaunt sein, denn sie sagen und tun sechzig Jahre lang immer dasselbe. Die Zeit sollte nicht fortschreiten, wenn die Gedanken, die Gefühle und die Umstände stecken bleiben.“ Deutschland siedelte de Staël im „Norden“ ein – eine Metapher, die mit der geografischen Lage kaum etwas zu tun hatte. Norden, das war für Madame „das Nicht-Klassische und tendenziell eben doch Barbarische“ (Sabine Appel).

Deutsch-französische Paartherapie in drei einfachen Schritten

Das Buch löste in Frankreich nahezu eine Deutschland-Manie aus: Plötzlich wollte jeder auf die andere Rhein-Seite! Der Schriftsteller Victor Hugo beispielsweise machte drei lange Reisen nach Deutschland und veröffentlichte danach sein Buch „Le Rhin“ (Der Rhein). Aber nicht nur ihre Zeitgenossen, auch wir können vom „Sturmwind in Weibskleidern“ (Heinrich Heine über Germaine de Staël) einiges in Sachen deutsch-französische Beziehungen lernen.

Die Sprache des Nachbarn sprechen

Germaine de Staël hatte zwar Deutsch gelernt, es in der Praxis anzuwenden, war ihr dann doch zu stressig. Was wiederum viele deutsche Schriftsteller und Künstler, die sie traf, zur Verzweiflung brachte – ein paar Brocken Französisch beherrschte jeder von ihnen, die erwiesen sich jedoch im Gespräch mit der nonstop redenden Madame als unzureichend. Normalerweise wäre der, der die Sprache des Nachbarlandes spricht, im Vorteil. Merke: Nur wer (Fremdsprachen) spricht, dem kann geholfen werden. (Für de Staël natürlich erwies sich das Beharren auf Französisch als goldrichtig: Man war einfach zu überrumpelt von ihrer Sprachgeschwindigkeit, um Widerworte zu geben oder ein Gespräch auf Deutsch vorzuschlagen.)

Interesse zeigen

Bei ihrer ersten Station in Frankfurt schien es de Staël noch so, als gehörten die Deutschen „kaum zur menschlichen Rasse“. Trotz dieses wenig schmeichelhaften Urteils setzte Madame ihre Reise mit offenen Augen und offenem Geist fort, um zu erleben, wie die Deutschen nun wirklich waren. Merke: Vorurteile über Bord zu schmeißen, kann helfen. (Auch wenn de Staël eine gewisse Vorliebe für Klischees beibehielt.)

Verständnis aufbringen

An vielen Stellen klingt in „Über Deutschland“ de Staëls Erstaunen durch, dass jemand tatsächlich so sein kann. Sie schreibt: „Die Deutschen, gerade auf die entgegengesetzte Weise fehlend, gefallen sich in Dunkelheiten: oft hüllen sie, was klar am Tage lag, in Nacht, bloß um den geraden Weg zu meiden. Sie haben einen solchen Widerwillen gegen gewöhnliche Gedanken, dass, wenn sie sich genötigt sehen, sie niederzuschreiben, sie sie mit einer abstrakten Metaphysik umgeben, die sie neu scheinen lässt, bis man sie erkennt.“

Andererseits schwingt ebenso viel Bewunderung mit – das Bild der Deutschen als Volk der „Dichter und Denker“ stammt von de Staël. (Was trotzdem nicht bedeutete, dass sie geistreicher oder gar intellektuell stimulierender waren als die Franzosen.)

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