Spezial zur Europawahl

Gefühltes Europa

Wir sind jung und europäisch. Wir leben in Blasen. Darin gefangen, vergessen wir zu gern, dass andere unsere Begeisterung nicht teilen. Statt Euphorie braucht es mehr Dialog.

Montagmorgen. Fassungslosigkeit schwappt aus Facebook und Twitter auf meine Tastatur. Empörung über das, was am Vorabend in Europa passiert ist. Meine französischen Freunde schämen sich für Frankreich, meine deutschen Freunde sich wahlweise für Bernd Lucke oder Martin Schulz und alle fragen sich: Wie konnte das geschehen? Ich bin Europa-Fan, wie viele meiner Freunde auch. Und das ist vermutlich Teil des Problems.

Wir alle haben enorm von Europa profitiert: Reisen ohne Grenzen, Studium im Ausland, Freunde und Bekannte über ganz Europa verstreut. Für uns ist es selbstverständlich, bei den Europawahlen wählen zu gehen, denn wir empfinden uns als Europäer, dann erst als Deutsche, Franzosen usw. Wir sind Europa! Dass dieses bürokratische Monster namens „EU“ nicht unbedingt optimal läuft, ist uns durchaus bewusst – schließlich haben viele von uns European Studies studiert, können die verschiedenen EU-Institutionen spielend auseinanderhalten und der ein oder andere hat vielleicht sogar mal ein Praktikum bei einer Brüsseler Lobby-Organisation gemacht. Die EU nervt uns oft, aber Europa finden wir toll. Was wir nicht toll finden, sind Leute, die unsere Begeisterung nicht teilen – und davon gibt es leider eine ganze Menge.

Das Gefühl akuter Hoffnungslosigkeit

Da käme man jedoch nie drauf, wenn man sich mal meinen Facebook- oder Twitter-Feed oder den meiner europäischen Freunde anschauen würde: Das junge Europa, wie ich es kenne, wählt sozialdemokratisch oder grün, manchmal konservativ, aber niemals Front National, UKIP, AfD & Co. Wir haben es uns in unserer kleinen Euroblase bequem gemacht und schauen mit Verwunderung auf „die da draußen“, die in Scharen ihr Kreuzchen für ebendiese Parteien machen.

Um das klarzustellen: Ich bin gerne Europa-Fan und es macht mir nichts aus, die EU und ihre Institutionen immer und immer wieder zu verteidigen – und Kritik dort anzubringen, wo es angemessen ist. Mir geht es auf eine naiv-ideologische Weise um den Traum von Europa, diese Kernidee, die Ländergrenzen überschreitet, ein Gemeinschaftsgefühl schafft. Das tägliche EU-Hickhack gehört eben dazu.

Angesichts der aktuellen Wahlergebnisse, angesichts eines feixenden Nigel Farage, einer königlich lächelnden Marine Le Pen, überkommt mich nun akute Hoffnungslosigkeit: Denn auch das junge Europa, mein Europa, hat radikale Parteien gewählt. Inbesondere in Frankreich, wo viele junge Menschen ihre Hoffnung in den Front National setzen und gleichzeitig die Regierung abstrafen wollen. Sie haben gemerkt, dass Europa ihnen zwar einen Erasmus-Aufenthalt in Spanien bietet, aber keine wirkliche Perspektive. Uns jungen Europa-Fans ist es offenbar nicht gelungen, diese jungen Menschen anzusprechen. Wir haben ihre Sorgen und Anliegen nicht ernst genug genommen und unsere eigenen Sorgen und Anliegen viel zu ernst. Wir haben es nicht geschafft, einen tatsächlichen Dialog zu führen, die EU zu erklären, für ihre Werte und Politik zu werben. Klarzumachen, dass „Europa“ auch heute noch eine Vision ist, für die es sich zu kämpfen lohnt.

Neue Bruchlinien in Europa

Um zu verstehen, warum so viele, und gerade junge, Menschen gar nicht wählen gehen oder wenn, rechts- (Frankreich) bzw. linkspopulistische (Griechenland) Parteien wählen, müssen wir uns von ein paar lieb gewonnenen Erklärungsmustern verabschieden. Der britische Publizist und Universitätsdozent Kenan Malik beschreibt die heutige Form von Politik als „post-ideologisch“: Es ginge nur noch um technokratisches Management, nicht um gesellschaftliche Veränderung. Mainstream-Parteien würden sich sowohl von ihren ursprünglichen Überzeugungen als auch von ihren traditionellen Wählerschaften abwenden – mit dem Ergebnis, dass sich große Teile der Öffentlichkeit vom politischen Prozess abkoppelten und die Kluft zwischen Wählern und Elite sich weiter vergrößert. So weit, so bekannt. Malik stellt aber auch fest: „Die neue politische Bruchlinie in Europa verläuft nicht zwischen links und rechts, zwischen Sozialdemokratie und Konservatismus, sondern zwischen denen, die sich in der post-ideologischen, post-politischen Welt zu Hause fühlen – oder zumindest gewillt sind, sich dieser anzupassen – und denen, die sich übergangen fühlen, enteignet und sprachlos.“

Offenbar beschreibt das ganz gut das Lebensgefühl vieler junger Menschen in Europa: Ihre Stimme zählt nicht. Und irgendwie dämmert mir langsam, dass es nicht reicht, diesen Menschen mit Europa-Enthusiasmus zu begegnen. Uns fehlt es an echtem Dialog. Dialog, der auch außerhalb unserer gemütlichen Euroblase stattfindet. Mit Menschen, deren Ansichten wir vielleicht nicht teilen, die einen anderen Bildungshintergrund haben. Dass ein bulgarischer Azubi mit Erasmus wenig anfangen kann, weil es ihn nicht betrifft, ahnen wir zwar – beschäftigen uns aber nicht weiter damit. Wir schaffen es, Ländergrenzen zu überwinden; andere Grenzen bleiben.

Lösung? Gibt es nicht

Ich habe das Gefühl, wir euphorischen Pro-Europäer erreichen nur die, die sowieso schon auf unserer Seite sind. Die anderen interessieren uns vielleicht einfach nicht genug. Wir sind Teil der europäischen Elite und machen uns das viel zu wenig bewusst.

Die Lösung? Ich habe keine. Dafür fange ich gerade erst an, das Problem überhaupt zu verstehen. Die Französin Mélanie Sueur sagte dem Online-Magazin „Cafébabel“: „Als Mitglied der europäischen Generation habe ich jetzt noch ein größeres Verlangen danach, alles Mögliche zu tun, um Menschen zu überzeugen, dass Europa eine Zukunft hat und Immigration eine Chance ist.“ Mir geht es genauso.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Sonja Katharina Schiffers, Christian Felgenhauer, Daniel Tkatch.

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