Spezial zur Europawahl

Denk‘ ich an Deutschland in der Nacht

Der französische Anthropologe und Historiker Emmanuel Todd macht sich Sorgen um Deutschland und befürchtet ein Europa unter deutscher Vorherrschaft. Was in Frankreich passiert, kümmert ihn hingegen nicht.

„Als Emmanuel Todd eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.“

Das ist zwar ausgedacht, aber nur ein bisschen, denn der französische Anthropologe und Historiker hat in einem „Zeit“-Interview die Parallele zu Kafka selbst hergestellt: „Man schläft als Bürger der freien Nationen Europas ein und wacht in einem hierarchischen System wieder auf (…).“ Eine besondere Rolle kommt in diesem Albtraum-Szenario Deutschland zu, welches sich – glaubt man Emmanuel Todd – im Prinzip auf direktem Weg in eine Art Dritten Weltkrieg befindet.

Um die deutsch-französischen Beziehungen ist es seit einiger Zeit nicht zum Besten bestellt. Eine ausgewachsene Ehekrise, wenn man so will. Todd hat recht, wenn er darauf hinweist, dass die momentane Vormachtstellung Deutschland in Europa daran nicht unschuldig ist. Er hat auch recht, wenn er die Sparpolitik der Bundesregierung kritisiert, die nach dem Motto „One size fits all“ den südeuropäischen Ländern aufgezwungen wird.

Zurück ins Mittelalter

Dann aber wird es nahezu absurd. Todd behauptet, Deutschland sei nur aufgrund seiner fehlenden Deindustrialisierung wirtschaftlich so erfolgreich. Die Deindustralisierung aber sei ein „Phänomen der Modernisierung“. Fazit: Deutschland ist nicht modern, zumindest nicht so modern wie Frankreich. Den Sprung von der Industrie zur Gleichberechtigung macht Emmanuel Todd dann aus dem Blauen heraus – wer sein literarisches Werk kennt, den dürfte es allerdings nicht überraschen, dass Todd seine Daten aus den verschiedensten Bereichen schöpft, um sie letztendlich so zu interpretieren, dass es im Großen und Ganzen zu seinem Befund passt (nicht immer, aber immer öfter).

Gleichberechtigung also. Ich bin nun wirklich niemand, der man klarmachen muss, dass Deutschland in diesem Bereich hinterherhinkt. „Fundamental archaisch“, wie Todd die deutschen Geschlechterbeziehungen nennt, sind diese nun aber auch nicht. Der Franzose macht Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen an einem einzigen Faktor fest, der Studierendenrate: Im Schnitt studieren laut OECD in Europa pro hundert Männer 115 Frauen, in Deutschland jedoch nur 83 Frauen pro hundert Männer. Was all das mit Deutschlands wirtschaftlicher Stärke zu tun hat, man weiß es nicht. Oder doch: Je weniger gut ausgebildete Frauen es gibt, desto besser für die Wirtschaft. Problem gelöst. Das sollte man mal südeuropäischen Ländern sagen!

Denkt er an Deutschland in der Nacht, denkt Emmanuel Todd offensichtlich ans tiefste Mittelalter. Typisch deutsch, das ist für ihn die „Stammfamilie, in der die Erbfolge des ältesten Sohnes dominiert, was die Autorität des Vaters und die Ungleichheit unter den Geschwistern stärkt“. Es darf einerseits bezweifelt werden, ob das tatsächlich noch so ist, andererseits ist die direkte Verbindung zwischen diesem Familiensystem und dem Nazismus, wie Todd sie macht, dreist vereinfacht. Dabei sorgt Todd sich doch nur um Deutschland, diese „technische Gesellschaft“. Im Prinzip befindet Deutschland sich nämlich auf dem Kriegsfuß: „Unbewusst – auf eine undramatische Art und Weise, bei der es keine Drohungen und Toten gibt – sind die Deutschen heute dabei, ihre Katastrophen bringende Rolle für die anderen Europäer – und eines Tages auch für sich selbst – wieder einzunehmen.“ Merci Monsieur, über 60 Jahre deutsch-französische Freundschaft und Aussöhnung ab in die Tonne. Todd scheut sogar nicht davor zurück, den Begriff „Herrenvolk“ in den Mund zu nehmen.

Frankreich? Läuft!

Generell hat Todd keinerlei Angst, Stereotype zu bemühen und sich als mutigen Tabubrecher à la „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ zu inszenieren. Wie genau es irgendwie zur Problemlösung während der gegenwärtigen Euro-Krise beitragen soll, wenn man „aus rein pragmatischen Gründen“ wieder in den „alten Stereotypen“ denkt, bleibt ein Rätsel.

So viele Sorgen der Franzose sich um den Nachbarn Deutschland macht, so wenig bekümmert ihn offensichtlich die aktuelle Situation in seinem Heimatland. Wie könnte dort auch etwas schieflaufen, wenn doch Mischehen zwischen Franzosen und Algerierinnen gedeihen und so für steten Nachwuchs gesorgt ist (Deutsche und Türkinnen in Deutschland kriegen das selbstverständlich nicht so gut hin)! Für Todd ist dies der Beweis eines französischen Drangs zur Unordnung; dazu, der „Gesamtheit des Lebens gerecht zu werden“ – und eines deutschen Drangs zur Effizienz und Disziplin. Welchen Drang Todd bevorzugt, dürfte klar sein.

Es ist wirklich erstaunlich, wie ein Emmanuel Todd – ehemaliger französischer Präsidentenberater, kritischer Beobachter und Analyst des Zeitgeschehens – so dermaßen blind sein kann, wenn es um Frankreich geht. Hauptsache Mischehen, da ist der Wahlerfolg des Front National doch kein Thema. Er sehe „keine Bedrohung“, sagt Todd, denn schließlich gelte, „wer in Frankreich studiert hat, und das sind bei den Jungen über 40 Prozent, ist immun gegen diese Partei“. Falsch. Inbesondere unter jungen Wählern erfreut sich der FN großer Beliebtheit und von diesen jungen Wählern sind viele gut gebildet, weiß, mittelschichtig. Mischehen dürften für sie eher nach einem guten Argument klingen, dem FN ihre Stimme zu geben.

Ein bisschen Verständnis

Ja, Deutschland macht es sich in der Euro-Krise oft zu leicht, ist blind für Alternativen zur Sparpolitik. Kein Wunder, seiner Wirtschaft geht es gut und Jugendarbeitslosigkeit ist kein Problem. Dafür verdient es Kritik. Frankreich allerdings ebenso, weil es dringend benötigte Reformen, die schon unter Nicolas Sarkozy hätten passieren müssen, aufschiebt. Das sieht Pierre Moscovici, Berater von Präsident François Hollande, naturgemäß anders: „Ich würde mir manchmal etwas mehr Verständnis wünschen. Frankreich meint es sehr ernst mit seinen Reformen.“

Wenn Deutschland sich nicht ein bisschen in seiner Vormachtstellung suhlen und Frankreich sich nicht selbst ein bisschen leid tun würde, wäre vielleicht alles einfacher – und „etwas mehr Verständnis“ für den Anfang tatsächlich eine gute Idee.

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