Spezial zur Europawahl

Die unterschätzte Kraft

Die Bürokraten in Brüssel lassen die europäische Kultur zu oft unter den Tisch fallen. Dabei ist gerade unsere gemeinsame Kultur das beste Gegenmittel zur Krise in Europa – das weiß man selbst im Rest der Welt.

Den einen oder anderen dürfte es verwundert haben, als die Demonstranten des Maidans Lobeshymnen auf Europa sangen. Was trieb sie an? Waren es utopische und wirtschaftliche Träumereien? Frust über korrupte Oligarchen? Oder etwa eine glühende Leidenschaft für die „europäischen Werte“? Geht es tatsächlich darum, welche Werte sind dann gemeint?

Europa hat sich über die Jahre in seine Werte und sein Erbe verliebt, bei Festen und Gedenktagen verfällt es regelmäßig in Feierlaune. Doch die Kultur des Kontinents wurde bei der Gründung vernachlässigt, daher verkennen auch heutzutage noch viele, dass es eine europäische Kultur gibt – allen voran die Bürokraten der EU. Dabei ist es gerade die Vielfalt an Sprachen und Identitäten, die diesen Kontinent kennzeichnen.

Die Mehrsprachigkeit als Amtssprache

Unsere gemeinsame Kultur ist also kein Überbleibsel der dunklen Kapitel Europas – wie der Inquisition, des Kolonialismus oder der Shoah. Sie bildete sich vielmehr aus den Kämpfen der Emanzipation und des Widerstandes. Sie ist eine länderübergreifende Kultur, die in vielen Bürgern einen starken, wenn auch vorsichtigen Stolz hervorruft. Und sie vereint den arbeitslosen Portugiesen, Spanier oder Italiener mit dem polnischen Klempner, der deutschen Bloggerin und den französischen Twitter-Nutzer. Wegen ihr fühlen sich die Demonstranten auf dem Maidan mit Europa verbunden. Statt sich von populistischen Parolen leiten zu lassen, feierten sie ihre Angehörigkeit zu unserem Kontinent und seinen Werten. Auf dem Maidan fühlte man sich europäisch. Das hat viele Gründe:

  • Um der Politikverdrossenheit und dem aufkeimenden Nationalismus entgegenzutreten, müssen wir radikal umdenken. Politik gehört neu gedacht. Dazu bedarf es der Kraft, die in unserer Geschichte und Kultur verwurzelt ist. Europa ist eine politische Einheit, die mehr Sprachen spricht, als sie Länder zählt. Die Mehrsprachigkeit ist im Begriff, europäische Amtssprache zu werden. Junge Studenten, die dank des Erasmus-Bildungsprogramms quer durch Europa reisen, sind Musterbeispiele, Prototypen des mehrsprachigen Europäers in einem multinationalen Europa.
  • Die europäischen Nationen sind in eine tiefe Depression verfallen und warten darauf, dass Europa ihnen die helfende Hand ausstreckt. Europa braucht seine Vielfalt an Kulturen, um diese kulturelle Vielfalt auch nach außen in die Welt zu tragen. Die Besonderheiten der verschiedenen Kulturen sind das einzige Gegenmittel gegen das Böse der Banalität – das heute an Stelle der Banalität des Bösen getreten ist.
  • Der Humanismus, der Europa antreibt, ist keine neue Religion. Er ist Feminismus, ewiger Zweifel, neue Moral. Und er verlangt ein kritisches Hinterfragen unseres religiösen und spirituellen Erbes. Zwar gilt Europa als Vordenker und Vorantreiber der Säkularisierung, doch das humanistische Europa muss Brücken zwischen den Religionen bauen – besonders zwischen den drei monotheistischen Weltreligionen. Dazu bedarf es Toleranz und Brüderlichkeit, doch das reicht nicht aus. Der republikanische Laizismus, wie man ihn in Frankreich kennt, fordert sowohl Gläubige als auch Ungläubige dazu auf, keine absolute Wahrheit für sich zu beanspruchen. Noch mehr: Er verlangt, unsere Ideale stets neu zu denken und alte Dogmen über Bord zu schmeißen. Politiker, Intellektuelle und Schriftsteller müssen diese Idee vorantreiben. Es ist die Verantwortung der Kulturschaffenden, Europa aus seiner Identitätskrise zu führen.
Das alles klingt Ihnen zu optimistisch?

Ich würde mich eher als energische Pessimistin bezeichnen. Alles, was ich vorschlage, ist ein erster Schritt: Lassen Sie uns die Charaktere, die Geschichte, die Schwierigkeiten und das Potenzial der europäischen Kultur in den Vordergrund rücken. Eine Akademie der europäischen Kultur und Kulturen könnte das Sprungbrett zu einer echten politischen Föderation sein.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Wolfgang Bittner.

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