Spezial zur Europawahl

Auszug aus Nimmerland

Anders als Peter Pan müssen wir Europäer erwachsen werden. Kein falsches Märchen ändert den Fakt, dass wir nicht zu einer Vergangenheit zurückkehren können, in der unsere Schicksale durch Staatsgrenzen getrennt waren.

Bis 2008 hätte es meine Generation, die „Generation Y“ oder auch „Peter-Pan-Generation“, kaum einfacher haben können. Als wir noch studierten, erschien uns die EU mit ihren vielen Organen und Institutionen geheimnisvoll und ungreifbar. Scherzhaft sagten wir, dass das Erasmus-Programm – von dem wir alle profitierten – die wohl größte Errungenschaft dieser EU sei. Dieses Programm, welches es uns Studenten ermöglichte, zwischen drei und zwölf Monaten in einem anderen europäischen Land zu leben und zu arbeiten, ließ die Beziehung zueinander freundschaftlicher, amouröser und kulturell enger und tiefer werden.

Es war uns damals nicht bewusst, aber die Möglichkeiten, im Ausland zu arbeiten, zu reisen und zu studieren sind genau die archetypischen Freiheiten eines gemeinsamen Marktes. Der größte Vorteil, den wir aus unseren Reisen ziehen konnten, war jedoch nicht ökonomischer Natur. Viel bedeutsamer war, dass wir anfingen, uns über unsere kleinlichen, nationalen Befindlichkeiten hinwegzusetzen. Und so erkannten wir, dass wir mit den Vertretern unserer Generation in anderen Teilen Europas mindestens sehr viel wenn nicht sogar mehr gemeinsam haben als mit der Generation unserer Eltern zu Hause.

Geburtslotterie

Anders als unsere nationale Identität war diese Entwicklung nicht dem Zufall der Geburt geschuldet. Wir haben verstanden, dass unsere Träume, Gedanken und Ziele von anderen Menschen geteilt werden und dass sie auf allgemeinen Vorstellungen und Herausforderungen beruhen, die wir alle teilen. Egal ob Spanier, Italiener, Griechen oder sogar Briten – unsere Einigkeit hat sich in langen nächtlichen Spaziergängen geformt, in einem in Watte gepackten Kindheitstraum ohne Konsequenzen. Wir teilten eine gemeinsame Gegenwart und wussten, wir würden auch eine gemeinsame Zukunft teilen.

Dies waren die Privilegien des europäischen Projekts und die Freiheiten des gemeinsamen Marktes. Für Letzteres zahlen wir heute einen Preis und zwar zu ungleichen Teilen, gefesselt an die gemeinsame Währung. Was wir jetzt dringend brauchen, ist weder eine noch stärkere wirtschaftliche und fiskalische Integration noch eine Bankenunion, sondern die Solidarität von einst. Das Gefühl, dass wir noch immer ein Volk mit einer gemeinsamen Zukunft sind.

Ist man in Berlin auf einer Mittzwanziger-Party, wird mit großer Wahrscheinlichkeit über Start-ups und Praktika gesprochen. Auf einer ähnlichen Party in Athen werden Arbeitslosigkeit, Sorgen und Verzweiflung die dominanten Themen sein. In beiden Fällen sind die Gäste vermutlich gut ausgebildet, gewissenhaft und aufgeschlossen. Plötzlich ist die sogenannte Geburtslotterie, also das Privileg, an einem bestimmten Ort geboren worden zu sein, innerhalb der europäischen Grenzen wieder so relevant wie über sie hinaus. Und es wird immer leichter zu vergessen, dass wir uns noch vor Kurzem so nahe waren.

Im Gegensatz zu Peter Pan müssen wir erwachsen werden. Manchmal habe ich Angst, dass wir dies auf eine Art und Weise tun, die nicht richtig ist. Wenn wir noch an eine gemeinsame Zukunft glauben, dann dürfen wir nicht zu einem Zustand zurückkehren, in dem Staatsgrenzen unsere Schicksale voneinander trennen. Wenn wir so tun, als wären die Schwierigkeiten, mit denen so mancher Mitgliedstaat kämpft, komplett selbst verschuldet und gingen uns nichts an, machen wir es uns zu einfach und ignorieren, dass sie auf fundamentale Strukturprobleme hindeuten.

Der Blick vom höchsten Berg im Nimmerland

Wir müssen handeln, dürfen nicht länger die Augen verschließen vor den erschreckenden Fakten, sollten aufhören, uns weiter an das Märchen vom starken, freien Markt zu klammern. Es ist Zeit, sich einzugestehen, dass Ideologien nicht mehr funktionieren und dass die Gegen-Ideologien auch nicht besser sind. Man hat uns ein defektes System und eine äußerst unsichere Zukunft vererbt: eine Krise in Zeitlupe, Überwachungsstaaten par excellence und eine Umweltprognose, die einer Naturkatastrophe gleicht.

Inwiefern wir zur Schaffung dieser Systeme und Katastrophen beigetragen haben, ist unerheblich. Wie wir damit umgehen, umso relevanter. Unser Handeln wird darüber entscheiden, wie unsere Zukunft aussehen wird. Unsere Eltern werden das nicht für uns erledigen. Sie werden die Krise nicht für uns überwinden, denn der Punkt wird kommen, an dem die Krise nicht mehr ihre Krise ist. Sie haben ihren Beitrag schon in der Vergangenheit geleistet. Sie waren es, die unsere Städte wieder aufgebaut haben, die zur Gründung der Europäischen Union Beethovens „Ode an die Freude“ spielten und dabei schworen, dass es auf diesem Kontinent nie wieder Krieg geben solle. Auf den Schultern dieser Giganten stehen wir heute. Von hier aus, vom höchsten Berg im Nimmerland, können wir über den Horizont hinweg schauen und erkennen, dass unsere Verantwortung darin liegt, in die Gemeinsamkeit unserer Zukunft zu investieren.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Patricia Morales, Markus Meckel, Marek Prawda.

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