Spezial zur Europawahl

„Sie nennen das Krise, ich nenne es Revolution!“

Der ukrainische Übersetzer und Autor Jurko Prochasko ist entsetzt, wie unentschlossen Europa sich in diesen Tagen zeigt. Thore Barfuss verrät er, welche Fragen in der Ukraine gestellt werden und warum es ihn ekelt, immer über Putin sprechen zu müssen.

The European: Herr Prochasko, wie wichtig ist der Streit über Europa in diesen Tagen in Anbetracht der Krise in der Ukraine?
Prochasko: Sehr! Sie nennen das Krise, ich nenne es Revolution und schon hier beginnt der Streit über Europa. Diejenigen in Europa, die sich mit Ihnen zusammen weigern, das Wort Revolution in den Mund zu nehmen und auf der neutralen Bezeichnung „Krise“ beharren, haben anscheinend noch nicht begriffen, was los ist.

The European: Was ist denn los?
Prochasko: Die Revolution hat zwar sehr, sehr viele Stränge zusammengeführt, aber sie ist eine europäische Revolution und damit die allererste Revolution für Europa! Außerdem stellen sich fundamentale Fragen nach dem europäischen Zusammenhalt, nach der europäischen Solidarität und Verantwortung, nach dem, was Europa überhaupt ist.

The European: Und weiter?
Prochasko: Soll Europa tatsächlich glauben, dass seine Grenzen in der Ukraine enden? Putin hat sich von Europa ganz offiziell und klar verabschiedet. Er hat gesagt: „Wir sind nicht Europa und wir wollen es nicht sein, wir sind eine eigene Zivilisation und wir wenden uns ab von euch.“ Aber spricht Putin tatsächlich im Namen von ganz Russland? Diese und viele andere Fragen sind fundamental.

The European: Welche noch?
Prochasko: Das, was in der Ukraine passiert, das Hinterfragen des politischen Regimes, ist auch in der EU akut. Sehr viele Menschen in der EU sind unzufrieden mit ihr. Sie betrachten die EU schon fast als Diktatur oder hegemoniale Macht. Es gibt viele Stimmen in diesen Monaten, die sagen, dass das, was die Ukrainer sich erlaubt haben, in der EU niemals möglich gewesen wäre. Aber trotz dem klaren ukrainischen Bekenntnis zu europäischen Werten und für Europa wird die ukrainisch-europäische Identität nicht anerkannt und wertgeschätzt. Das sind nur einige Beispiele von europäischen Fragen, die sich im Zusammenhang mit dieser – wie Sie es nennen – „Krise“ stellen.

„Wir brauchen eine große paneuropäische Diskussion“

The European: Und welche Fragen stellen sich momentan in der Ukraine? Wir haben jetzt sehr viel über Europa gesprochen, was typisch ist, denn berichtet wird eigentlich nur noch über den Westen und Russland.
Prochasko: Das stimmt. Es wird zwar über die Ukraine gesprochen, aber nur im Sinne, dass über die Köpfe der Ukrainer hinweg gesprochen wird. Die Fragen der Ukraine wären z.B.: Warum habt ihr EU-Europäer nicht eure Sachen geklärt, warum gibt es so viele Frustrierte und Unzufriedene? Wie konnte es dazu kommen, dass es so viele EU-Bürger gibt, die von der EU nicht nur nicht überzeugt sind, sondern darin eine Gefahr für ihre Existenz und Identität sehen?

The European: Und?
Prochasko: Warum seid ihr so anfällig für die Putin’sche Propaganda, warum gibt es so viele Putin-Versteher? Warum habt ihr euch so leicht mit diesem Verlust der Krim abgefunden? Warum seid ihr uns nicht entschiedener zu Hilfe gekommen, allen voran Großbritannien als EU-Mitglied und Mitglied des Budapester Memorandums? Um diese Fragen zu beantworten, brauchen wir eine große paneuropäische Diskussion, mit Beteiligung der Ukraine! Nur so können wir besser verstehen – uns gegenseitig und uns selbst.

The European: Man spricht ja immer gerne von roten Linien: Kann Putin sein Spiel noch auf Jahre weiter betreiben oder wird etwas passieren? Stärke zeigen die Europäer ja momentan nicht wirklich.
Prochasko: In keinerlei Hinsicht. Aber Stärke kann ja unterschiedlich aussehen. Stärke muss nicht zwingend militärischer Natur sein oder auch nicht unbedingt nur auf Sanktionen aufbauen.

The European: Sondern?
Prochasko: Stärke kann auch die Stärke der Überzeugung sein und die Stärke der Übereinkunft darüber, was geht und was nicht geht. Momentan ist das ja nicht der Fall: Die Dinge entwickeln sich sehr langsam. Die meisten in der EU haben noch nicht die ganze Tiefe der Problematik erkannt. Das Wichtigste wäre, aus diesem Verdrängungstraum aufzuwachen und nicht zu hoffen, dass sich alles von selbst auflöst oder irgendwo an einer roten Linie stehen bleibt und die heilige Ruhe nicht weiter gestört wird.

The European: Das ist wahrscheinlich das Problem. Wenn man an zurückliegende Konflikte denkt, wie zum Beispiel Georgien, sind Putins Taten dort am Ende ungestraft geblieben.
Prochasko: Ja und Putin wird genau so viel nehmen, wie wir ihn nehmen lassen. Aber auch nicht mehr. Wir müssen entscheiden, wie viel das sein soll.

„Im Grunde ist Putin nur ein kleiner Verbrecher“

The European: Wie wird Putin in der Ukraine gesehen?
Prochasko: Als ein Monster natürlich. Als eine Bedrohung. Ich sehe ihn anders.

The European: Wie?
Prochasko: Man dämonisiert ihn gerne und mystifiziert und mythologisiert ihn dadurch. So wächst er auf kosmische Dimensionen an. Im Grunde ist er aber nur ein kleiner Verbrecher. Vom Wesen her unterscheidet er sich nicht sonderlich von Janukowitsch. Aber das ist meine persönliche Meinung, denn wenn Sie fragen, was man von ihm in der Ukraine hält, dann glauben die meisten, dass er wirklich an das glaubt, was er tut. Er glaubt an den großrussischen Mythos, er glaubt an die großrussischen Rechte, Einflussbereiche, an das Imperiale.

The European: Sie sind skeptisch?
Prochasko: Ich habe den Verdacht, dass er genau weiß, was schädlich und was gut wäre für sein Land ist. Und ich halte das für ein zynisches und perfides Spielen und Hantieren mit diesen unglaublichen rhetorischen und narrativen Ressourcen, die der russische imperiale Mythos hat. Aber ich denke, dass Putin selber überhaupt nicht daran glaubt.

The European: Warum zeigt sich Putin aber gerade jetzt so aggressiv? Weil in der Ukraine gerade diese Revolution stattgefunden hat und er Angst hatte, dass sie bis zu ihm vor die Haustür kommt oder weil die Zustimmung im eigenen Land nicht mehr so hoch war?
Prochasko: Gerade, weil ich dazu neige, Putin (unterbricht abrupt) … Mich ekelt es, ihn verstehen zu müssen, ihn analysieren zu müssen. Es empört mich, dass es immer so sehr auf diesen kleinen Mistkerl ankommt. Aber wenn Sie schon fragen, dann glaube ich, dass er einfach ganz kaltschnäuzig und zynisch verschiedene politische Strategien ausnutzt.

„Der ganze Westen ist entsetzt, beängstigt und verzweifelt“

The European: Welche?
Prochasko: Erst sagen ihm seine politischen Berater: „Für deinen Machterhalt ist es jetzt angesagt, Reformator zu sein.“ Dann spielt er den Reformator, hält große Reden, gewinnt die Zustimmung der Mittelklasse und der Liberalen und stabilisiert seine Macht und Popularität. Dann ist diese Ressource ausgeschöpft und die Berater sagen: „Wir brauchen jetzt einen kleinen Krieg.“ Es werden ein paar Hochhäuser auf der Wolokolamsker Chaussee in die Luft gejagt und dann erklärt, dass das tschetschenische Extremisten waren und man entfesselt einen Krieg in Tschetschenien. Seine Popularität wächst weiter und er wird abermals wiedergewählt.

The European: Und dann?
Prochasko: Dann geht es aber wieder bergab und man entscheidet sich, dass es nicht übel wäre, jetzt etwas in Georgien zu machen und so weiter und so fort. Natürlich ist die ukrainische Revolution die bislang größte Herausforderung, das hat er sehr wohl erkannt. Und das ist auch das größte Kompliment für unsere Revolution.

The European: Ein Kompliment?
Prochasko: Das ist eine Anerkennung von Putin. Er erkennt an, dass es die richtige, wirkliche, weil gefährliche Revolution ist. Aber er nutzt die Revolution aus, um etwas zu machen, was seine Popularität steigert. Es waren wieder alle politischen Ressourcen erschöpft. Es bleibt ihm nur noch diese letzte Ressource. Und er spielt schamlos diese Karte.

The European: Warum kann er das?
Prochasko: Weil der ganze Westen so entsetzt ist, so beängstigt, so verzweifelt. Weil ganz offensichtlich die Methoden des Westens nichts bringen. Es würde mich nicht wundern, wenn Putin sich zurückziehen würde, um wiederum an Popularität zu gewinnen. Der Westen würde tief durchatmen und Putin fast als Friedenstaube dastehen lassen, derjenige, der nicht bereit war, es weiter eskalieren zu lassen. Vorher hat er noch die Krim kassiert und vielleicht noch weitere Regionen. Und dann wird weiter business as usual gemacht.

„Erst nachdem die Krim annektiert war, hat sich Timoschenko als große Retterin stilisiert“

The European: Genug von Putin. Wie schätzen Sie die politische Lage in der Ukraine gerade ein? Die westlichen Medien fokussieren sehr stark auf Klitschko, und auch auf Timoschenko, aber das sind ja beide nicht die primär handelnden Personen.
Prochasko: Zunächst möchte ich sagen, dass die wichtigsten Träger dieser Revolution gar nicht die politischen Parteien waren. Nicht die Opposition: Weder Klitschko und noch weniger Timoschenko. Allerdings hat sich die Lage so entwickelt, dass die Revolution sich, anstatt sich um die qualitative Umsetzung ihrer Forderungen und Ergebnisse zu kümmern, jetzt notgedrungen damit abfinden muss, Solidarität und Frieden zu halten. Wenn kein Krieg wäre und nicht die Annexion der Krim passiert, würde der Maidan weiterhin stehen.

The European: Und was machen?
Prochasko: Der Maidan würde eine klaren Blick darauf haben, was die Regierung macht. Ich bin auch absolut überzeugt, dass der Maidan es nicht zugelassen hätte, dass Timoschenko wieder kandidiert. Denn sie wurde schon einmal ausgebuht. Erst nachdem die Krim annektiert war, hat sich Timoschenko als große Retterin stilisiert. Was in der Ukraine passiert, ist alles andere als die Reinheit des Experiments. Die wurde durch die militärische Aktivität verhindert.

The European: Wie schätzen Sie die Übergangsregierung ein?
Prochasko: Wir sind natürlich nicht mit allen Entscheidungen und allen Strategien dieser Regierung zufrieden. Das wird auch kritisiert, allerdings im Detail und nicht im Allgemeinen. Denn die Lage ist so, dass derjenige, der in seiner Kritik zu weit geht, wie man so schön sagt, das Boot zum Kentern bringt.

Das Gespräch entstand im Rahmen des Kongresses Dispute over Europe, auf dem Jurko Prochasko auf einem Panel saß.

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