Spezial zur Europawahl

Törichte Effekthascherei

Die Frage, ob Europa sich heute in einer ähnlichen Lage befindet wie 1914, ist abwegig. Die Frage, warum solche Debatten derartig Konjunktur gewinnen, hingegen besonders spannend.

An sich ist unmittelbar einsichtig, dass mit den an den Haaren herbeigezogenen Analogien etwas nicht stimmen kann. Jeder weiß, dass sich die großen europäischen Staaten schon seit Jahrzehnten nicht mehr argwöhnisch belauern wie 1914, vielmehr in einem Staatenverbund von historisch einzigartiger Integrationstiefe vereint sind und obendrein demselben Militärbündnis von geschichtlich kaum weniger einzigartiger Dominanz angehören.

In Europa sind nationalistische Leidenschaften und bedenkenlose Kriegsbereitschaft, erst recht Kriegsverherrlichung kaum noch in Spurenelemente nachweisbar. Und jedermann kann seit Jahrzehnten beobachten, dass sich das zu Kaisers Zeiten so unruhige Deutschland keineswegs bis in seine innersten Kapillaren in eine Art Weltfriedenstaube verwandelt hat.

Törichte Gleichstellung

Der Konflikt um die Ukraine, bei dem sich weder gleichwertige Gegner gegenüberstehen noch bis an die Zähne gerüstete Staaten auf einen Kampf um die Vorherrschaft um Europa hin fiebern, ähnelt tausend früheren Auseinandersetzungen stärker als ausgerechnet dem Vorabend des Ersten Weltkrieges. Die globale Mächtekonstellation hat erst recht keine Ähnlichkeit mit der zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Die Rede von einem neuen Kalten Krieg ist womöglich noch törichter als die Beschwörung eines zweiten 1914. Sie belebt ebenfalls vertraute und plakative Formeln in der Erwartung, dass sie alte Emotionen wiederbeleben und eine Debatte auf vertrauter, aber längst nicht mehr tragfähiger Grundlage entfachen. Vielleicht ist von einem möglichen neuen Ost-West-Konflikt zu sprechen. Der Kalte Krieg jedoch war etwas anderes. Mit einem unmittelbar drohenden atomaren All-Out-War, der die Erde unbewohnbar gemacht hätte, ist er eine weltumspannende Konfrontation zweier einander ausschließender Ordnungsideen gewesen. Diese bipolare Welt, die keine Ähnlichkeit mit der Welt von heute hat, ist mit dem Zusammenbruch des funktionsuntüchtigen Staatssozialismus sowjetischen Typs vor einem Vierteljahrhundert versunken.

Die Ukraine-Krise reizt zu abwegigen Assoziationen, weil mit dem aggressiven russischen Akteur in einer Art Flashback die traumatische Erinnerung an die Herrschaft und die Verbrechen der Sowjetunion in Ostmitteleuropa zurückkehrt. In solchen tagespolitischen Verwirrungen kann ein wenig Abstand nicht schaden. Über den richtigen Umgang mit Geschichte nachdenkend, kam Hannah Arendt zu der Auffassung, wir beschäftigten uns mit Geschichte nicht etwa um nicht zu vergessen, wie oft gesagt wird, sondern um urteilsfähig zu bleiben.

Gefährliche Simplifizierung

Urteilsfähigkeit zu zeigen, heißt aber gerade nicht, mit einer Wiederholung der Geschichte zu rechnen und vermeintliche Rezepte für den Moment zur Hand zu haben, sondern sich daran zu erinnern, wie unerhört komplex jede einzelne historische Konstellation ist, wie wenig sicher die Akteure – oder gar das Publikum – sich ihres eigenen Urteils sein, wie verheerend sich klischierte Vorstellungen vom Gegenüber auswirken können oder wie gefährlich es gerade in Krisensituationen ist, den Gesprächsfaden abreißen zu lassen.

Die schlagwortartige Übertragung lange zurückliegender historischer Gegebenheiten auf gegenwärtige Konflikte ist eine gefährliche Simplifizierung, weil sie die Urteilsfähigkeit und damit die unvoreingenommene Analyse der aktuellen Lage beeinträchtigen kann. Dieser Effekt wird durch die Jubiläums- und Jahrestags-Dynamik noch verstärkt, in der die beklommensten Analogien und die steilsten Thesen von den Medien mit der größten Aufmerksamkeit belohnt werden.

Die Versuchung vordergründiger Profilierung ist für manchen offenbar zu stark, als dass er sie sich verkneifen möchte. Für das Publikum sind historische Verkürzungen und Vereinfachungen verführerisch, weil sie ihm vertraute Muster bieten und die Orientierung an Bekanntem und glücklich Überwundenem versprechen.

Akademisch gewandete Effekthascherei

Das kommt der menschlichen Neigung entgegen. Jeder von uns gleicht tagtäglich Geschehendes mit Geschehenem ab. Der Mensch aktiviert seine Erfahrung, um sich das eben Erfahrene besser begreifbar zu machen. Diese im Alltag meist unbewusst verlaufene routinierte Rück-Besinnung trägt entscheidend zu seiner Orientierung, zu seiner Urteilsfähigkeit und damit zu seiner Handlungssicherheit bei.

Bei der Beurteilung von Konflikten wie dem gegenwärtigen zwischen um die Ukraine hilft solche Alltagsroutine nicht weiter. Zur Stärkung seiner historisch-politischen Urteilsfähigkeit ist der Bürger auf Hilfestellung vor allem der Medien angewiesen. Daraus ergibt sich ihre besondere Verantwortung beim Umgang mit vermeintlichen historischen Analogien. Für den Historiker, auf dessen Expertise die Medien angewiesen sind, verbietet sich akademisch gewandete Effekthascherei erst recht.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Ernst Piper, Thomas Weber, Franz-Stefan Gady.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Aus der Debatte

1914-2014: Einhundert Jahre Erster Weltkrieg

Erinnert euch!

Big_58275e1e26

Die Erinnerung an den 1. Weltkrieg und seine Toten ist ein Beitrag zur europäische Einigung. Doch die Berliner Politik steht mehr oder weniger hilflos vor der Herausforderung, den 100. Jahrestag des Kriegsausbruchs würdig und sinnstiftend zu begehen.

Small_b3c1bb54d5
von Ernst Piper
16.06.2014

Ausgeträumt

Big_207468cca1

Mit Blick auf das internationale System ist es höchste Zeit, die richtigen Schlüsse aus dem Jahr 1914 zu ziehen. Ein Deutscher und sein polnischer Konterpart gehen bereits mit gutem Beispiel voran.

Small_4821e9cfed
von Thomas Weber
07.03.2014

Das stille Dulden

Big_e26debaa71

Viel zu oft bleibt die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg oberflächlich. Ein Museumsbesuch zeigt, wozu das führen kann.

Small_c19237557b
von Franz-Stefan Gady
01.03.2014

Mehr zum Thema: Geschichte, Zeitgeschichte, Ukraine

Gespräch

Medium_a21cf5612b

Debatte

Warum wir eine neue EU-Ostpolitik brauchen

Medium_b15764620b

Unsere Nachbarn brauchen uns

Europa verpasst die zweite Freiheitsrevolution an seiner Peripherie. Es braucht dringend mehr außenpolitische Kapazitäten – auch militärischer Art. weiterlesen

Medium_436ab8f3e3
von Christian E. Rieck
30.05.2014

Gespräch

Medium_6226df3ca8
meistgelesen / meistkommentiert