Spezial zur Europawahl

Adel verpflichtet

Zusammen mit einer Gruppe Gleichgesinnter entwarf er schon in den 1940er-Jahren eine Nachkriegsordnung. Die Gedanken des europäisch denkenden Deutschen sind heute aktueller denn je.

Helmuth James Graf von Moltke war gerade 15 Jahre alt geworden, als er 1922 den Familiensitz Gut Kreisau das erste Mal für einen längeren Zeitraum verließ, um das Landerziehungsheim Schondorf am Ammersee zu besuchen. Ein einschneidendes Erlebnis – in Moltkes Worten das eigentliche Ende seiner Kindheit – und eine prägende Zeit, die er überwiegend in schlechter Erinnerung behalten sollte. Zwar lernte er dort Carl Deichmann kennen und durch ihn dessen Schwester Freya, seine spätere Ehefrau, schwerer wog allerdings die „Heuchelei und die Hohlheit des Landheimgeistes“, dem er sich, wo er nur konnte, widersetzte. Rückblickend: Moltkes erste Begegnung mit einer durch Kollektivierungsbestrebungen und intellektueller Enge charakterisierten Geisteshaltung.

Nach dem Abitur in Potsdam führte ihn das Studium der Rechtswissenschaft nach Breslau, Heidelberg, Berlin und Wien. Die angelsächsische Welt lernte Moltke durch seine Mutter, die Tochter eines Obersten Richters der Südafrikanischen Union, und Ferienreisen nach Großbritannien kennen. Sein ursprünglicher Plan, die Richterlaufbahn einzuschlagen, zerschlug sich mit der Machtergreifung Hitlers 1933, die Moltke als „Katastrophe erster Ordnung“ wahrnimmt.

Rückkehr zur europäischen Menschlichkeit

1940 schließlich formierte sich um Graf von Moltke und Peter Graf Yorck von Wartenburg der Kreisauer Kreis, eine der zentralen Widerstandsgruppen gegen das NS-Regime. Dabei handelte es sich keineswegs um eine homogene Gruppe: Der Kreis zählte neben Adeligen auch Sozialdemokraten zu seinen Mitgliedern – darunter Carlo Mierendorff und Julius Leber – sowie Protestanten – den späteren Bundestagspräsidenten Eugen Gerstenmaier – und Katholiken, zum Beispiel Alfred Delp. Bewegt und getrieben waren die Kreisauer von der Frage, wie ein in Schuld verstricktes Deutschland nach Kriegsende und dem Zivilisationsbruch, also dem industriellen Völkermord an 6 Millionen Juden, wieder zur europäischen Menschlichkeit zurückfinden und an deren Erbe anknüpfen könne.

In drei Tagungen auf Gut Kreisau in den Jahren 1942 und 1943 entwarf der Kreis seine Grundsätze einer Nachkriegsordnung. Schon die Arbeitsweise, die Überwindung konträrer inhaltlicher Standpunkte im Dialog, war ein Gegenentwurf zur totalitären Ideologie des Nationalsozialismus – ebenso die Vorstellung, dass das Nachkriegsdeutschland in einem vereinigten Europa aufgehen solle. In einer Denkschrift aus dem April 1941 schrieb von Moltke: „Der Frieden bringt eine einheitliche europäische Souveränität (…) bei Aufteilung des ganzen Festlandes in kleinere nicht-souveräne Staatsgebilde. Einheitlich sind mindestens: Zollgrenzen, Währung, Auswärtige Angelegenheiten einschließlich Wehrmacht, Verfassungsgesetzgebung, möglichst außerdem Wirtschaftsverwaltung.“

Von Moltke beließ es nicht bei diesen, vergleichsweise allgemeinen Gedanken zur Einigung Europas, sondern skizzierte auch die innere Verfasstheit eines europäischen Bundes. „Der oberste Gesetzgeber des Europäischen Staates“, so heißt es in der Denkschrift weiter, „ist den einzelnen Staatsbürgern verantwortlich, nicht den Selbstverwaltungskörpern.“ Gemeint ist nicht weniger als ein direkt gewähltes europäisches Parlament, nicht eine Versammlung von Vertretern der Gliedstaaten. Letztere sollten nach Auffassung von Moltkes durch ein Länderkabinett mit beratender Funktion, bestehend aus Repräsentanten der Landesregierungen, ihren Interessen Gehör verschaffen können. Ein Kabinett aus einem Ministerpräsidenten und vier Ministern – Auswärtiges, Verteidigung, Inneres und Wirtschaft – sollte schließlich mit der exekutiven Gewalt betraut werden. Diese imaginierte europäische Souveränität hatte ganz explizit zum Ziel, das „Übergewicht der bisherigen großen Staaten Deutschland und Frankreich“ zu brechen. Vor allem das deutsche Hegemonialstreben, das in zwei Weltkriegen seinen Ausdruck fand, sollte also in einem vereinigten Europa eingehegt werden.

Fixpunkte für die aktuelle Europapolitik

Die Ideen von Moltkes zur Verfasstheit Europas haben an Aktualität kaum etwas eingebüßt und eingedenk der gegenwärtigen sozialen wie politischen Verfassung Europas tut ihre Umsetzung weiterhin not. Jenseits konkreter Reformvorschläge sind es indessen drei prinzipielle Überlegungen, die auch heute noch der Europapolitik als Fixpunkte dienen können.

Das Krisenmanagement in der Euro-Zone hat Deutschland, wie Jürgen Habermas es ausdrückt, in eine „halb-hegemoniale“ Stellung gebracht – oder zumindest in eine dominante Position. Dies muss nachdenklich stimmen, weil es dem Wesen der europäischen Idee, wie sie auch von Moltke vorschwebte – Kooperation statt Konfrontation und Dominanz – zuwiderläuft. Nicht zuletzt die Wiederkehr längst überwunden geglaubter nationaler Ressentiments lässt die Überlegungen der Kreisauer wie eine Mahnung erscheinen: Allein der Anschein eines „deutschen Europas“ muss vermieden werden.

Das politische Organisationsprinzip von Moltkes, welches er schon früh formulierte und das seinem Denken zugrunde liegt, sind die „kleinen Gemeinschaften“: Familien und Nachbarschaften, Kirchen und Glaubensgemeinschaften, Vereine und kulturelle Organisationen. Möglichst kleine, staatsferne Einheiten, in denen die politische Willensbildung organisiert und die Verantwortungsübernahme für das Gemeinwesen eingeübt werden soll. Eine radikale Spielart des Föderalismus jenseits tradierter Formen von Staatlichkeit, die trotz ihres intellektuellen Reizes sicherlich nicht als Blaupause für die Europäische Union des 21. Jahrhunderts mit ihren komplexen und heterogenen Gesellschaften taugt. Anders verhält es sich mit dem Subsidiaritätsgedanken, der in von Moltkes Konzeption mitschwingt. Die EU und mehr noch die nationalstaatlichen Akteure wären gut beraten, sich zu strikter Subsidiarität zu verpflichten.

Schließlich und endlich hatten von Moltkes Vorstellungen zum Ziel, dem Einzelnen ein Leben in Freiheit und Selbstverantwortung zu ermöglichen, wobei mit Letzterem nicht nur die Autorenschaft des eigenen Lebens, sondern auch die Verantwortung für die gemeinschaftlichen Interessen gemeint ist. Dies findet auf der Ebene des Gemeinwesens seine Entsprechung im Primat der Politik – denn diejenigen, die von gemeinschaftlichen Entscheidungen betroffen sind, sollen sie auch frei und verantwortlich gestalten können. Für von Moltke bedeutete dies in erster Linie den Vorrang der Politik gegenüber dem Militär, aber auch gegenüber der Wirtschaft. In Anbetracht entfesselter Märkte, die nicht nur ökonomische Lebenschancen schmälern, und entgrenzter Nachrichtendienste, deren Handeln die Freiheit des Einzelnen untergräbt, muss dies weiter Auftrag europäischer Politik sein. Fast 70 Jahre nachdem Graf von Moltke für seine Überzeugungen mit dem Tod bezahlt hat, bietet die EU, trotz ihrer allseits bekannten Schwächen, eine Chance zur Verwirklichung seiner Ideen – wir sollten sie mutig nutzen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Hans Bellstedt, Jan Stöckmann, Romy Straßenburg.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Aus der Debatte

Bedeutende Europäer

Ein neuer Delors

Big_24bb2a795d

Weder Jean-Claude Juncker noch Martin Schulz sollten EU-Kommissionspräsident werden. Keiner von beiden wäre ein neuer Jacques Delors. Und es gibt durchaus Alternativen.

Small_895a5857c1
von Hans Bellstedt
12.06.2014

An der Wurzel

Big_b7a099d7ee

Richard Coudenhove-Kalergi war kontrovers aber bemerkenswert. Er bleibt eine tragische Gestalt der Einigung Europas, deren lebenslanger Einsatz oft vergessen wird.

Small_d0ab26af0d
von Jan Stöckmann
10.06.2014

Adebar for President

Big_cde7385e44

Ja, es gibt ihn! Einen Europäer, der heimatverbunden und Weltenbummler zugleich ist. Er kann sich überall verständigen und schert sich nicht um Grenzen. Doch sein Schicksal ist ebenso ungewiss wie die Zukunft der EU.

Small_4c4a73db36
von Romy Straßenburg
17.05.2014

Mehr zum Thema: Europaeische-identitaet, Persoenlichkeit

Debatte

Die Sinnsuche europäischer Völker

Medium_64a8b32d85

Fressen oder gefressen werden?

Wir haben Zerstörung und Grauen überwunden. Die Erzählung Europas muss deshalb heißen: der Welt den Frieden bringen, den wir für uns errungen haben. weiterlesen

Medium_82de2c9223
von Thilo v. Trotha
14.07.2014

Debatte

Was kann die europäische Kultur leisten?

Medium_0b8070b343

Die unterschätzte Kraft

Die Bürokraten in Brüssel lassen die europäische Kultur zu oft unter den Tisch fallen. Dabei ist gerade unsere gemeinsame Kultur das beste Gegenmittel zur Krise in Europa – das weiß man selbst im R... weiterlesen

Medium_c8035237cc
von Julia Kristeva
04.07.2014

Debatte

Europa auf dem Weg in die Einheit

Medium_26b2b9c389

Das höchste Gut

In Europa beglückwünscht man sich zu 70 Jahren Frieden, aber ohne der Kraft, die diesen sichert, zu huldigen. weiterlesen

Medium_ea9554052c
von Wolfgang Bittner
11.06.2014
meistgelesen / meistkommentiert