Spezial zur Europawahl

Die Dualität der Revolution

Ein Rundgang über den Euromaidan im April

Es ist wenige Wochen her, dass auf dem Nesaleschnosti-Platz in Kiew eine Revolution stattfand, die in Europa so für unmöglich oder zumindest unwahrscheinlich gehalten wurde. Im November formierte sich der erste Protest gegen eine pro-russische und EU-fremde Politik. In der Folge, auch als Resultat entsetzlicher Polizeigewalt, wuchs dieser Protest binnen kürzester Zeit zur ausgewachsenen Revolution an. So ganz glauben können das am allerwenigsten die Ukrainerinnen und Ukrainer, die das alles miterlebt haben. Besser als jeder andere Platz vermittelt der Euromaidan die Quintessenz dessen, was es heißt, eine Revolution durchzuführen – mit allen Höhen und Tiefen. Der Platz zeigt aber auch die Nachwirkungen solch eines politischen und gesellschaftlichen Erdbebens. Am Euromaidan herrscht heute eine einzigartige Dualität zwischen Vergangenheit und Zukunft, Politik und Tourismus, Ernst und Spaß, Verzweiflung und Hoffnung. Ein Rundgang lohnt sich und lädt zum Nachdenken ein.

Wo schlägt das Herz der Revolution

Es ist ein sonniger Apriltag. Die Frühlingssonne legt sich wärmend über die Zelte auf dem immer noch besetzten Euromaidan. Am Westende des Platzes, gleich hinter einem geschlossenen Metro-Eingang, sehen wir Reifen, Müll und Pflastersteine aufgetürmt zu wehrhaften Barrikaden. Dahinter grüne Zelte, gezimmerte Unterstände, Dixi-Toiletten. Unter den wachsamen Blicken freiwillig Uniformierter betreten wir die Szenerie. Es riecht nach Holzkohle, Gulaschsuppe und Tabak. Aus eisernen Ofenrohen an den Zelten strömt grauer Rauch. Eine ältere Frau mit kariertem Kopftuch verteilt blau-gelbe Bänder an Vorbeikommende. Die Farben der Ukraine, die man zu Hunderten an Jacken, Taschen und Mützen sieht. Die Menschen danken der Spenderin mit einem Lächeln.

Uniformträger an jeder Ecke. Meist Männer älteren Semesters. Einige sind geschäftig unterwegs, andere sitzen rauchend auf Holzhockern, meist schweigend. Kein ukrainisches Militär. Viele Rechtsgesinnte, sagt man. Keine Waffen. Deutsche Insignia, Schriftzüge wie „Simmons, U.S. Army“, und selbst aufgenähte Ukrainische Flaggen. Die Restbestände anderer Armeen werden auf dem Euromaidan zum Symbol des Wechsels. Vintage, stolz improvisiert. Mal sind die Jacken zu groß, die Mützen zu klein. Das spielt keine Rolle. Die Maidan-Etikette lebt von ihrer Flexibilität, Hauptsache gefleckt. Auch einige junge Frauen tragen Uniform. Taillierte Modelle und vielleicht ein Band im Haar. Ob sie alle Revolutionäre der ersten Stunde sind, ist unklar.

Wir erreichen das Zentrum des Platzes. Hier steht die aus internationalen Medien bekannte Bühne. Ein Ort großer Emotionen und Podium für alle jene, die sie für sich nutzen. Klitschko, Timoschenko sprachen dort. Wenn das kommunikative Herz der Revolution irgendwo schlägt, dann hier. Mit Großbildleinwand und Lichtanlage. Heute ist das Programm gemischt. Amateurfilmaufnahmen von dem Tag, als Dutzende Demonstranten von Scharfschützen niedergeschossen wurden, bringen die Passanten zum Weinen. Was geschah, ist noch so frisch, so unverarbeitet. Die schwermütige Filmhintergrundmusik macht es nicht leichter. Später auf der gleichen Bühne: Aktivisten in Militäruniformen geben Lieder zum Besten und versuchen, die Mengen zum Mitklatschen zu animieren. Groß und Klein, Alt und Jung wippen lächelnd mit. Eine Großmutter mit dem Bild ihres verstorbenen Enkels in der Hand schaut dem Treiben schweigend zu. Ob gewollt oder nicht, es hat etwas Volksfesthaftes. Wenige Wochen nach dem Sturz Janukowitschs ist der Euromaidan zum sozialen Happening für jedermann geworden.

Ruß und Schuhmodelle

Um die Mittagszeit strömen Hunderte von Besuchern durch die Zeltlager und Barrikaden. Familien mit Kind und Kegel, verliebte Paare, neugierige Nonnen, Jungendliche auf der Suche nach Abenteuer. Einige mit Protest-Schildern, die Mehrheit mit dem Wunsch, welche zu sehen. Und überall die ukrainischen Farben: an Mänteln, Mützen, Bäumen, Kinderwagen, Autos, Brücken und Statuen. Auch Europaflaggen. Journalisten mit konstant klackenden Spiegelreflexkameras versuchen, die besten Motive einzufangen. Dazwischen werden Softgetränke und Eis verkauft. Erfrischung gefällig?

Zwischen all dem Trubel kommt hin und wieder eine unformierte Gruppe selbsternannter Wächter hindurch. Sie verschwinden in einem der größeren Zelte direkt hinter dem markanten Metallgerüst, welches an zentraler Stelle des Platzes steht. Die kegelförmige Konstruktion hängt heute voller Flaggen und Spruchbänder. Besonders auffällig, ein Riesenplakat, auf dem Putin mit Hitlerbart abgebildet ist. Der Feind scheint ausgemacht. An dieser Stelle begann im November alles. Studenten und Schüler demonstrierten friedlich gegen die Nicht-Unterzeichnung des EU-Assoziationsabkommens und bekamen dafür die volle Palette von Polizeigewalt zu spüren. Zusammengeschlagen, getreten, durch die Straßen gejagt: dieser Akt der Gewalt gab, so sagt man hier, den Ausschlag zur Revolution.

Direkt hinter diesem Ausgangsort lädt 24/7 ein blank poliertes Einkaufszentrum zum Shoppen ein. Die Eingangstür, von außen nur über einen Pfad durch Reifen und Zelte zu erreichen, scheint Welten zu trennen. Draußen Ruß, Schrott, Rauch, drinnen, wenige Meter entfernt, Juwelierläden, saubere Tische und die neuesten Schuhmodelle. Zwei Mädchen sitzen in vollautomatischen Massagestühlen und blickten nüchtern auf den Platz vor ihnen. Was sie wohl denken?

Posen vor dem Reifenhaufen

Weiter zur Institutska-Straße. Hier wurden die meisten Menschen erschossen, von Scharfschützen oben auf der Böschung zu unserer Linken. Diese Straße erinnert am einprägsamsten an das Geschehene. Zwischen der Einkaufpassage rechts und der Böschung links, unterhalb einer hohen Brücke türmt sich die höchste Barrikade. Hier wurde gekämpft und gestorben. Viele Bäume sind vollkommen versengt, der Boden nach den Bränden tiefschwarz gefärbt. Über den Barrikaden aus Reifen, Müllbeuteln, Autoteilen, Elektroschrott und Steinen sind von der Brücke herab mehrere Banner gehängt, auf denen Fotos und Namen der 90 Getöteten stehen. All dies ist genau hier geschehen. Auf der Straße liegen Nelken, dazwischen Kerzen für die Toten. Die Besucher blicken ungläubig auf all dies. Alles würde wie eine Filmkulisse wirken, wären da nicht die vielen Besucher auf Erinnerungsfotojagd. Motive vor der Revolutionskulisse liegen hoch im Kurs. „Dreh dich mehr nach rechts.“ Im Sonntagsdress mit blitzender Sonnenbrille wird vor dem Reifenhaufen gepost. „So ist gut.“ Jungs protzen, Mädchen grinsen, Paare schmusen. Es wird gelacht, Kaugummi gekaut und auf Facebook geteilt. Ich war hier. Du nicht.

Es geht wieder hinab zum Platz. Vorbei an großen Pflastersteinhaufen. Einst verwendeten die Bürger sie zur Verteidigung, heute liegen auf ihnen Blumen. Blumen, die man ein paar Meter weiter kaufen kann. Mit den vielen Besuchern kam auch der Kommerz. An Verkaufsständen bewerben eifrige Damen Timoschenko-Kaffeebecher und -Kühlschrankmagneten. Revolutionssouvenirs für das heimische Küchenregal. Schals, Mützen und Euroflaggen runden das Angebot ab. Am Abend verlassen die meisten Besucher wieder den Platz. Zurück bleiben nur die Uniformierten. Sie wachen und warten. Worauf und wie lange, weiß niemand genau.

Der Euromaidan hinterlässt viele Bilder im Kopf. Revolutionäre und Touristen, Armeegulasch und Softeis, Tränen und Schlager. Vielleicht sind die meisten Revolutionen so ausgeklungen, in einem bunten Farbenspiel, das hier und da widersprüchlich erscheint und doch so menschlich ist.

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