Spezial zur Europawahl

Ein Land sucht sich selbst

In Großbritannien ist Europa entweder Sündenbock oder Rettungsanker. Martin Speer und Vincent-Immanuel Herr haben das Land vor seinen Volksabstimmungen besucht.

Durch 14 Länder, quer über den Kontinent, reisen wir und begeben uns auf die Suche nach dem jungen Europa. Insbesondere unsere Gespräche mit jungen Engländern, Schotten und Walisern in Großbritannien haben bei uns einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen.

Denn auf der Insel geschieht aktuell Erstaunliches: In zwei mächtigen Referenda sucht eine Nation sich und seine Zukunft selbst. Zur Abstimmung steht zum einen die Unabhängigkeit Schottlands und zum anderen, sofern David Cameron und die Konservativen wiedergewählt werden, der mögliche Austritt aus der Europäischen Union.

Das Referendum, in dem die von Engländern oft abtrünnig betitelten Schotten über ihre Unabhängigkeit abstimmen, erregt die Gemüter der britischen Öffentlichkeit. Besonders junge Menschen bewegt die bevorstehende folgenschwere Entscheidung – schließlich kann dies massiv ihre Zukunft beeinflussen. Für die einen ist es der lang herbeigesehnte Tag der Emanzipation vom dominanten Süden, für die anderen der eigenverantwortete Untergang.

Präzedenzfall für Europa

Auf den Straßen des ehemaligen Arbeiterbezirkes Shoreditch in London treffen wir zwei junge Schotten. Sie sind vor Jahren, wie so viele junge Menschen in Großbritannien, in die Stadt gezogen, um einen Job zu finden. Beide sind begeistert vom bevorstehenden Referendum und sehen die Chance, Schottland mit einem pro-europäischen Kurs zu einer vitalen und dynamischen Nation zu machen. „Wir Schotten sind mehr Europäer als die Engländer, wir sind offen und suchen die engere Verzahnung mit dem Kontinent“, meinen sie. Schon heute ist Schottland laut Aussage der Beratungsgesellschaft Ernst & Young der zweitbeliebteste Standort für ausländische Investoren und besitzt einen florierenden Tourismus und Exportsektor.

Der Europakurs kann aber auch eine logische Folge der Umstände sein. Erst kürzlich hat die britische Regierung, im möglichen Fall der Unabhängigkeit Schottlands, eine Währungsunion kategorisch ausgeschlossen. Das lässt die einen kalt, die anderen lässt es zittern. Unsere Gesprächspartner als auch die offiziellen Umfragen indizieren, dass knapp die Hälfte der Bevölkerung die Unabhängigkeit ablehnt. Man befürchtet wirtschaftliche Nachteile und sieht sich konfrontiert mit ungeklärten Rechts- und Besitzstandsfragen. Alle von uns befragten jungen Menschen aus ganz Großbritannien eint jedoch eines: Man nimmt an, dass mit einem Ja zur Unabhängigkeit Schottlands ein brisanter Präzedenzfall geschaffen wird. Zum einen für die Waliser, welche ähnliche Ambitionen zur nationalen Eigenständigkeit pflegen, und zum anderen für einen britischen Austritt aus der Europäischen Union 2017.

Sehnsucht nach Klarheit

Die Referenda zeigen eines ganz deutlich: Die aktuelle politische und soziale Lage in Großbritannien ist unübersichtlich und nervös. Das gilt nicht nur für eine von Teilzeitbeschäftigung und innereuropäischer Migration verunsicherte junge Generation.

Viele Erwartungen, aber auch Befürchtungen werden an die kommenden Referenda gebunden. In dem Land spiegeln sich daher auf erstaunliche Weise kontinentale wie auch nationale Fragen und Probleme wider und hängen untrennbar miteinander zusammen.

Die EU, nach wie vor von vielen Briten skeptisch betrachtet, wirkt in Zeiten der Krise als Sündenbock für britische Probleme und tiefgreifende Transformationsprozesse. Auf ähnliche Weise assoziieren Schotten ihre Probleme mit einer britisch dominierten Regierung in London und sehen einen Ausstieg aus dem Inselreich und einen tieferen Einstieg in die EU als beste Lösung.

Das Problem dieser nationalen wie kulturellen Erstarkung ist klar zu definieren: Referenda, die in einer Krise gehalten werden, sind kritisch zu betrachten und können zu von Kurzsichtigkeit geleiteten Schlüssen führen. Das gibt populistischen Tendenzen und Stimmungsmachern Rückenwind und lässt wenig Raum für eine ausgewogene und reflektierte Analyse als Basis für schwergewichtige Entscheidungen dieser Art.

Die europäischen Staaten sollten die politische und soziale Entwicklung in Großbritannien sorgsam beobachten, schließlich zeigt sich hier ganz deutlich, welche Macht die Bevölkerung jedes Landes besitzt, um die Karten der politischen Realität vollkommen neu zu mischen.

Leserbriefe

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