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Griechenland neu gedacht

Die Krise hat Griechenland und seine junge Generation nachhaltig geprägt. Doch einige versuchen, der Verzweiflung mit neuen Ideen zu entkommen. Eine Spurensuche von Vincent-Immanuel Herr und Martin Speer.

Es ist kein einfaches Unterfangen, im fünften Jahr nach dem Ausbruch der internationalen Finanzkrise nach und innerhalb Griechenlands zu reisen. Der internationale Zugverkehr wurde eingestellt, Straßen und Schienennetz zerfallen zusehends, das Flugverkehrsangebot leidet unter dem Nachfragetief.

Das ist Griechenland, wie wir es aus der mitteleuropäischen Berichterstattung kennen. Krisengebeutelt und dem Abgrund nahe. Doch auf unserer Reise zeigen sich das Land und insbesondere junge Menschen auch von einer anderen, optimistischen und engagierten Seite. Auch und gerade diese Geschichte muss erzählt werden. Am Anfang im Leben der Mehrheit junger Griechen steht jedoch ein desaströses Bildungssystem.

Die Bildungshölle

An der Universität Makedonien in Thessaloniki treffen wir auf eine junge politische Aktivistin. Ioanna ist charismatisch, engagiert und nennt zwei Master-Abschlüsse ihr eigen, davon einen in Ingenieurwissenschaften. Auch in Griechenland für Frauen überwiegend noch ein Novum. Wir sitzen mit ihr in der tristen Kantine der Privatschule zusammen, welche den Charme einer ehemaligen DDR-Kaderschmiede versprüht. Dämmriges Licht, Plastiktischdecken und quietschende Stühle. „Das ist eine der angesehensten Privatuniversitäten des Landes, doch auch hier sind die Folgen der Krise unmittelbar spürbar. Der Lehrbetrieb und die Infrastruktur leiden. Viel schlimmer ist es an den öffentlichen Bildungsstätten.“

Ihr Ingenieurstudium absolvierte Ioanna an der technischen Fakultät der Universität Thessaloniki, die wir im Anschluss besuchen. Was wir dort sehen, verschlägt uns schlichtweg die Sprache. Zerbrochene Scheiben in den Hörsälen, durch die es beständig zieht, Graffiti in allen Gängen und übel riechende Müllhaufen in den Treppenhausgängen. „Das ist der Normalzustand“, beschreibt sie nüchtern die Lage. „Im Winter ziehen wir uns einen Extra-Pullover an.“

Die Krise in Griechenland bekommt an diesem Ort ein einprägsames Gesicht. Universitäten und Schulen, jene Orte, an denen die Zukunft eines Landes geformt und geprägt wird, leiden besonders unter dem Spardiktat, der Korruption und dem Missmanagement. Die Finanzmittel für Bildung wurden im griechischen Haushaltsplan 2014 um 8,1 Prozent gesenkt, trotz steigender Studentenzahlen.

Trotz bester Bildung keinen Job

Doch damit nicht genug, nach der Zeit in der Bildungshölle wartet der Bewerbungsfrust. „Freunde von mir, bestens ausgebildet, vieler Sprachen mächtig, haben nach dem Studium über ein Jahr Bewerbungen geschrieben und keinen Job bekommen. Noch nicht einmal als Kellnerin. Sie sind ausgewandert, wie so viele“, sagt Ioanna.

Laut einer Studie der Universität Thessaloniki haben seit dem Ausbruch der Krise über 120.000 griechische Akademiker dem Heimatland den Rücken gekehrt. Für sie selbst war Auswandern keine Option. Sie hängt an ihrer Stadt und ihrem Land und will nicht zusehen, wie alle klugen junge Köpfe ins Ausland ziehen. So hat sie „The Activests“ gegründet, eine NGO, welche es sich zur Aufgabe gemacht hat, Menschen ihrer Generation zu zeigen, wie man die Gesellschaft verändern kann. Gefördert mit Mitteln aus Brüssel.

Das verschafft ihr auch einen ökonomischen Vorteil. „Ich verdiene schlichtweg so mehr als in der freien Wirtschaft.“ Eine aktive Zivilgesellschaft mit engagierten Bürgern ist ihr Antwortkonzept auf die Krise. Mit kraftvoller Stimme erzählt sie uns: „Wir jungen Griechen wachen gerade auf. Der Staat und unsere Eltern können uns nicht mehr helfen, also helfen wir uns selbst.“

Ganz so hoffnungsvoll sind leider nicht alle. In Athener Hafennähe treffen wir fünf junge Griechen, welche ein Feierabendbier am Meer genießen. Keiner von ihnen hat studiert. Vier der fünf haben einen Job, ob als Tischler oder KFZ-Mechaniker. Sie bezeichnen sich selbst aber als Ausnahme und sind dankbar, dass sie Geld verdienen. Einer von ihnen sucht immer noch nach einer Anstellung. „Ich würde wirklich alles annehmen, wenn es denn etwas gäbe“, sagt er. „Ich lebe von dem Geld, das mir meine Eltern und Großeltern geben, anders ginge es nicht. Und ich bin kein Einzelfall.“

Stylia, eine Nachwuchsjournalistin, beschreibt die Lage für junge Leute im Land „immer noch als sehr dramatisch“, meint aber auch: „Wir geben nicht auf. Veränderung ist möglich.“ Stylia avancierte nach einem ausführlichen Porträt im „Spiegel“ im Ausland zu einer der vielgehörten jungen Stimmen ihrer Generation.

Immer mehr Start-ups

Griechenlands Hauptstadt bietet ein tristes Bild. Verfallene Häuser, besprühte Häuserwände, schlaglochübersäte Straßen. Doch in den Hinterzimmern der Apartmentblöcke weht ein frischer Wind. Eine positive Folge der Krise ist eine wachsende junge Gründerszene in Athen. Immer mehr junge Menschen tüfteln über innovativen Geschäftsideen und treffen sich zum Meinungs- und Erfahrungsaustausch. Man bildet Netzwerke, entwickelt Ideen und diskutiert.

Im Januar 2014 organisierten sogar Google, Amazon und Coca Cola ein Start-up-Weekend in unmittelbarer Nähe zur Akropolis. „Das, was gerade passiert, dass junge Menschen Firmen gründen und eigene Ideen umsetzen, das haben wir der Krise zu verdanken“, beschreibt ein lächelnder Jungunternehmer die Lage. Doch er gehört unumstritten zu einer Minderheit. Einer Minderheit, die aber Hoffnung macht. Griechenland hat noch immer eine erschreckend hohe Jugendarbeitslosigkeitsrate von 61 Prozent, laut der griechischen Statistikbehörde.

Zwei Drittel der jungen Menschen stehen einer scheinbar aussichtslosen Situation gegenüber. Sie finden trotz bester Ausbildung und geringer eigener Ansprüche keinen Job. Die Lösung ist für immer mehr junge Griechen der Sprung in die Selbstständigkeit.

Wenn der Markt keinen passenden Job bietet, schafft man sich eben selber einen. „Die aktuelle Entwicklung der griechischen Start-up-Szene steht erst am Anfang, aber sie macht mir große Hoffnung“, erklärt Dimitris Tsigos, Präsident der Europäischen Konföderation Junger Unternehmer. Der 36-Jährige ist als Botschafter seines Verbandes und seines eigenen Unternehmens in ganz Europa unterwegs und erzählt unentwegt von der anbrechenden griechischen Gründerzeit. Doch er sieht in der wachsenden Zahl Selbstständiger weit mehr als nur einen Lösungsansatz im Kampf gegen die hohe Arbeitslosigkeit. „Wir in Griechenland haben immer noch ein großes Problem mit Korruption auf allen gesellschaftlichen Ebenen, verkrusteten Machtstrukturen und Kapitalflucht ins Ausland. Ein Heer an Selbstständigen kann dieses System von innen brechen.“

Seiner Meinung nach kann sich Griechenland nur selbst retten. Die Bürger müssen sich aus eigener Kraft aus den Fängen der Oligarchen und korrupten Politiknetzwerke befreien. Die berufliche Unabhängigkeit mit all ihren Begleiterscheinungen sei ein erster Schritt dazu, meint er. Ein interessanter Gedanke.

Der Zerfall der Infrastruktur

Dimitris’ Vision der emanzipierten, aufgeklärten und ökonomisch unabhängigen Bürgerinnen und Bürger als Retter Griechenlands wird jedoch durch die Realität auf eine harte Probe gestellt. Eine verlässliche Infrastruktur – von der Energieversorgung bis zu funktionierenden Transportmitteln – ist ein Schlüsselfaktor auf dem Weg hin zu gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Fortentwicklung. Doch um die griechische Infrastruktur ist es immer schlechter bestellt.

Handels- und Warenströme wälzen sich über holprige Straßen und die wichtigste innerländische Bahnverbindung von Athen nach Thessaloniki ist auf dem technischen Stand der 1950er-Jahre. Mit durchschnittlichen 66,6 km/h bewegt sich der InterCity zwischen den beiden großen Metropolen. Mit viel Geld wurden in den Jahren vor den Olympischen Sommerspielen die Gleise und Bahnsteige des Athener Hauptbahnhofes erweitert, doch gingen diese nie ernsthaft in Betrieb. Heute wächst Gras und Unkraut an jenem Ort, wo eigentlich Menschen an- und abfahren sollten.

In Thessaloniki ist die Lage noch dramatischer. Die einstmalig bedeutende nordgriechische Handelsstadt erscheint heute wie isoliert von der Außenwelt. Aus dem Ausland kann man hier her nur mit dem Flugzeug reisen. Busverbindungen gibt es auch, aber die Fahrzeiten sind abschreckend lang. Wir fragen uns: Warum sollte sich je ein Unternehmen an diesem Ort ansiedeln? Der Zerfall der Infrastruktur ist tatsächlich eines der größten Probleme des Landes. Doch wenn junge Meinungsführer wie Dimitris, Ioanna und Stylia ihre Motivation und Geisteshaltung teilen und ihre Generation ermutigen, es ihnen gleich zu tun, dann besteht zweifelsohne Hoffnung für dieses zerrüttete Land.

Bei aller negativen Berichterstattung über Griechenland sollten wir immer im Auge behalten, dass es klare Anzeichen für eine Besserung von unten gibt. Und jene ist die nachhaltigste und wichtigste, die sich ein Land wünschen kann.

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