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„Gelebt wird Freiheit schon lange nicht mehr“

Gehen die westlichen Werte verloren? Nein, sagt der Medienwissenschaftler Norbert Bolz. Gut bestellt sei es um sie dennoch nicht. Ein Gespräch über Kulturpessimismus, den Wert der Freiheit und die Erkenntnis, dass Menschen sich selbst belästigen.

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The European: Herr Bolz, Kulturpessimismus wird vor allem mit dem frühen 20. Jahrhundert verbunden. Heute gibt es wieder viele, die einen Niedergang der westlichen Kultur erkennen. Müssen wir uns Sorgen um unsere Werte machen?
Bolz: Um Werte muss man sich keine Sorgen machen.

The European: Warum nicht?
Bolz: Es gibt unendlich viele, mehr als je zuvor. Was die Kulturpessimisten eigentlich meinen, ist nicht der Verlust von Werten, sondern der Verlust einer klaren Werteordnung. Wir haben es heute mit einem Wertekarussell zu tun, das sich ständig bewegt. Man kann unmöglich voraussagen, welches die Spitzenwerte der nächsten Jahre sein werden. Das Korsett der hierarchisch geordneten Werte ist weggefallen.

The European: Wie hat sich diese Hierarchie etabliert?
Bolz: Unsere westliche Kultur hat im Wesentlichen zwei Quellen: die Antike und das Christentum. Im Christentum gab es sehr klar vorgegebene Spitzenwerte – sei es aus wahrheitsspekulativen Gründen oder aus Offenbarungsgründen. Diese wurden im Mittelalter gut homogenisieret, bis ins 18. Jahrhundert hinein waren sie für die meisten Menschen der bürgerlichen Welt verbindlich. Das ist der Hintergrund der stabilen Wertehierarchien. Aber das wird sich nicht wiederholen lassen, mit dem Beginn der eigentlichen Moderne sind die Hierarchien zerfallen.

The European: Komplett?
Bolz: Nein. Nicht in Richtung Nihilismus und absoluter Wertferne, sondern in Form einer Dynamisierung.

„Eine Art objektive Heuchelei“

The European: Sie bezeichnen die Freiheit in Ihrem „Konsumistischen Manifest“ trotzdem als den „unkontroversen Spitzenwert“.
Bolz: Dass Freiheit der „unkontroverse Spitzenwert“ ist, betrifft nicht unsere Lebensform, sondern unser Selbstverständnis.

The European: Welchen Stellenwert räumen wir Freiheit heute denn noch ein?
Bolz: Wenn man die Leute fragt, werden sie Ihnen immer versichern, wie wichtig die Freiheit ist. Gelebt wird sie schon lange nicht mehr. De facto haben Komfort- und Bequemlichkeitswerte für uns eine viel größere Bedeutung.

The European: An welche Werte denken Sie da?
Bolz: Etwa die Sicherheit oder die Gesundheit. Letztere gehörte früher überhaupt nicht zu unseren Werten – wie ich finde, zu Recht. Man kann das eine Art objektive Heuchelei nennen.

The European: Wieso?
Bolz: Wir tun zwar immer noch so, als seien die großen Spitzenwerte der Französischen Revolution für uns immer noch verbindlich, aber es haben sich längst Zivilisationswerte durchgesetzt, die für die reale Lebensführung bei den meisten Menschen viel wichtiger sind.

„Im Grunde muss man nur ‚Friede!‘ rufen, anstatt wirkliche Verantwortung zu übernehmen“

The European: Über Jahrhunderte wurde für diese großen Spitzenwerte wie Freiheit gekämpft. Ist unsere Gesellschaft so gesättigt, dass sie sich Ersatzwerte geschaffen hat?
Bolz: Die Freiheit entfesselt nur Kampfcharakter oder Leidenschaften, solange sie vorenthalten bleibt. Ihr Wert sinkt unendlich, wenn sie dauerhaft garantiert ist. Das konnte man gerade nach dem Fall der Mauer feststellen.

The European: Woran denn?
Bolz: Für die meisten Ostdeutschen war Freiheit wirklich der Spitzenwert. Aber es hat nur wenige Jahre gedauert und sie haben sich so stark in den westlichen Komfortprozess hineindefiniert, dass Freiheit auch für sie heute nur noch eine Nebenrolle spielt. Sie sehen das an unserem Bundespräsidenten, der beklagt, wie wenig Freiheit Leuten heute noch bedeutet.

The European: Welchen Charakter haben Werte dann heute noch: Sind sie Ausgangspunkt oder Ideal?
Bolz: Ich sehe die Bedeutung von Werten darin, dass sie von der Komplexität der realen Lebensprozesse entlasten sollen. Mit jedem Wert vereinfacht man die Welt schlagartig. Deshalb haben Werte fast immer nur Appellcharakter. Wer Solidarität oder Frieden einklagt, vereinfacht damit die Welt. Gibt es einen Konfliktherd, muss man im Grunde nur „Friede!“ rufen, anstatt wirkliche Verantwortung zu übernehmen. Damit wird die reale Komplexität der Situation platt geschlagen und den Menschen eine Fluchtperspektive eröffnet. Werte sind nur in den allerseltensten Fällen mehr als Rhetorik.

The European: Wenn man dem folgt, dann passt das kulturpessimistische Bild vom Verfall der Werte ja doch.
Bolz: Ich kann keinen Verfall feststellen, sondern eben die Pluralisierung der Werte. Was die Kulturkritiker wohl meinen, ist eine Art Beliebigkeit in bestimmten Bereichen. Eine Kriterienlosigkeit, die es einem schwermacht, Dinge noch ernst zu nehmen.

„Die Medien geben ein Wertevokabular vor“

The European: Wo stellen Sie eine solche Kriterienlosigkeit fest?
Bolz: In vielen Bereichen der Kunst, beispielsweise im Theater. Aber auch bei der Religion, wo sich beliebige Bastelreligionen und Individualreligionen ausbreiten. Man kann das als Überziehen des Individualisierungsprinzips bezeichnen. Jedes Individuum reklamiert Eigennützlichkeit für sich. Das heißt, es bestimmt die Kriterien des richtigen Lebens selbst und lässt sich nicht mehr an irgendeinem Maßstab messen.

The European: Welche Rolle spielen die Massenmedien und die Technisierung bei dieser Entwicklung?
Bolz: Die Medien geben den Rahmen vor, in dem überhaupt diskutiert und ein entsprechendes Wertevokabular vorgegeben wird. Denken Sie nur an die unsäglichste aller Wertvorgaben, die Nachhaltigkeit. Ein Begriff, der seit Jahren in einer absurden Weise inflationär gebraucht wird. Das ist ein Effekt der Medien. Aber Medien können keine Werteverbindlichkeiten schaffen.

The European: Wieso nicht?
Bolz: Sie setzen Werte ähnlich ein wie Unternehmen irgendwelche Markenartikel auf den Markt werfen. Ob man das dann im positiven Sinne Pluralisierung nennen will, würde ich dahingestellt lassen. Aber auf jeden Fall ist es nicht so, dass es im Prozess der medialen Verbreitung so zu einer Klärung der Fragen kommt.

„Der Professor ist kein Priester, der den Studenten erklärt, was richtig ist“

The European: Als zentraler Ort zur Wertebildung und -vermittlung gilt die Universität. Der akademischen Ausbildung wird jedoch vorgeworfen, kein fundiertes Studium respektive Selbststudium mehr zu sein. Welchen Einfluss hat das?
Bolz: Das ist eine bejammernswerte Entwicklung, dass die Universität sich unendlich weit von dem entfernt hat, was sie noch vor 50 Jahren war: ein Ort der Selbstbildung. Ich gehöre aber nicht zu den Leuten, die glauben, es gehöre zur Universität, den Studenten Werte zu vermitteln – mit einer einzigen Ausnahme.

The European: Und zwar?
Bolz: Der Wert der Wissenschaftlichkeit. Der Professor ist kein Priester, der auf einer Kanzel steht und den Studenten erklärt, was richtig ist. Ich sehe in der Wissenschaft im Wesentlichen Analyse- und Theoriebildung. Sie hilft jedem Einzelnen, zu seinen Schlussfolgerungen zu kommen. Auf keinen Fall darf Wissenschaft Werte vorgeben. Da bin ich noch 19. Jahrhundert.

The European: Korrespondiert das nicht beides: Der Student bildet sich selbst und der Professor ist Mentor, zu dessen Aufgaben es auch gehört, Werte zu vermitteln. Würden Sie das so klar trennen?
Bolz: Das würde ich so klar trennen. Wir haben als Professoren ein großes Lebensvorurteil.

The European: Welches?
Bolz: Dass es nichts Wichtigeres gibt als die wissenschaftliche Welteinstellung. Das ist ein Vorurteil und dadurch ein Werturteil. Aber dabei sollte es bleiben. Ich sehe es nicht als meine Aufgabe, aus meinen Studenten rot-grüne Politiker zu machen, ihnen die Vorzüge von NGOs nahe zu bringen oder sonst irgendeine nette Ansicht von der Welt. Aber wenn freies Denken und die Autonomie eines denkenden Menschen Werte sind, dann würde ich die gerne befördern.

„Kulturpessimisten erinnern wenigstens an andere intellektuelle Haltungen“

The European: Wie wichtig sind Kulturpessimisten für unsere Gesellschaft?
Bolz: Mir persönlich bringen sie nicht so furchtbar viel. Positiv ist, dass sie immer wieder die Kontrastfolie des Älteren aufrufen. Sie rufen mit der „Früher war alles besser“-Unterstellung die konkrete Vergangenheit in Erinnerung. Meistens ist das dann das 18. oder 19. Jahrhundert.

The European: Warum ist das positiv?
Bolz: Es gibt bei uns die fatale Tendenz, die Geschichte mit dem Jahr 1970 beginnen zu lassen und zu sagen, alles vor Simone de Beauvoir war Blödsinn. Die Kulturpessimisten erinnern insofern wenigstens an anderes Denken und an ganz andere intellektuelle Haltungen.

The European: Momentan werden viele Parallelen zwischen 1914 und 2014 gezogen. Bezogen auf die Lebenswelt: Wurden Werte damals stärker gelebt?
Bolz: Die meisten Menschen haben traditionalistischer gelebt. Sie waren weniger mobil und deshalb gab es ein geringeres Maß an Individualismus und dem Anspruch der Eigenrichtigkeit jedes Einzelnen. Das würde ich aber eher als größeres Maß an Traditionalismus deuten und nicht als ein Mehr an Werteverwirklichung. An Werten fehlt es uns schließlich überhaupt nicht, genauso wenig wie an Wertbindung.

The European: Woran machen Sie das fest?
Bolz: Schauen Sie sich die Leute an, die Menschenrechte für Tiere fordern, oder was es alles an lustigen Dingen gibt. Das sind Menschen, die fanatisch an bestimmten Werten hängen. Heutzutage wohlgemerkt, im Jahr 2014! Insofern gibt es überhaupt keinen Anlass, über Werteverlust zu reden. In der Wertdiskussion sehe ich nicht die Chance, das Jahr 2014 in Erinnerung an 1914 zu sehen. Da gibt es andere Parallelen, die aufregend sind.

„Das Individuum akzeptiert keinen Maßstab außerhalb seiner selbst“

The European: Sie haben das Wort Individualismus immer wieder im Zusammenhang mit Werten benutzt. Wie sieht die Beziehung der beiden genau aus?
Bolz: Das Individuum pocht heute darauf, eigenwertig zu sein. Früher war Individualität dialektisch aufgebaut, der Einzelne musste sich in seinem Verhältnis zur gesellschaftlichen Allgemeinheit irgendwie definieren, sei es als Vorbild, sei es als Repräsentant. Als „individuelles Allgemeines“, wie Friedrich Schleiermacher mal gesagt hat. Das ist heute nicht mehr der Fall.

The European: Sondern?
Bolz: Da das Individuum keinen Maßstab außerhalb seiner selbst akzeptiert, kann es vollkommen frei und beliebig Werte herbeizitieren, mit denen es sich dann identifiziert. Das ist der Hintergrund des Zauberwortes „commitment“. So wird das Individuum sich selbst zum einzigen und äußersten Wert. Allerdings eben ein maßstabsloser Wert, den man genauso substanzlos nennen könnte.

The European: Gibt es dann überhaupt noch Werte, die uns alle verbinden?
Bolz: Meine Antwort führt zurück auf mich als Medienwissenschaftler: Die Werte, die uns verbinden, sind nur noch die negativen. Weil alle Werte individualisiert sind, bleiben uns als gemeinsame Werte nur noch jene, die resümieren, was wir nicht wollen. Das sehen wir jeden Tag im Fernsehen oder lesen es in der Zeitung. Und das ist die eigentliche Bedeutsamkeit der Massenmedien. In den 15 Minuten „Tagesschau“ treffen wir uns in dem Urteil: „Wie schrecklich!“ Das genügt offensichtlich, um die Gesellschaft zusammenzuhalten.

The European: Einer dieser negativen Werte ist die Kritik an den USA. Die Europäer machen in den USA eine Werteoberflächlichkeit aus. Wie sehen Sie das transatlantische Verhältnis?
Bolz: Die Formulierung der Frage kann ich so nicht akzeptieren.

The European: Warum nicht?
Bolz: Ich sehe immer nur Links-Intellektuelle in Frankreich, Deutschland oder anderen Ländern, die das Feindbild Amerika kultivieren. Das ist eine der größten Denkblockaden, die es überhaupt in unserem intellektuellen Diskurs gibt.

„Anti-Amerikanismus ist kein Massenphänomen, sondern ein intellektuelles“

The European: Sie teilen die Kritik also nicht?
Bolz: Die ganz normalen Europäer sind längst amerikanisiert: Sie gucken Hollywood-Filme, tragen Kleider, die aus Amerika kommen, essen amerikanisches Essen. Ich beobachte da eine freiwillige Selbstamerikanisierung auf allen Ebenen. Das intellektuelle Züchtungsprodukt Anti-Amerikanismus aber ist außerordentlich wirksam und oft verschränkt es sich auf verhängnisvolle Weise mit dem Anti-Amerikanismus der Dritten Welt. Das ist eine wirklich gefährliche Kombination.

The European: Wieso?
Bolz: Weil es in realen Krisenfällen schon zur Isolation der Amerikaner geführt hat, allerdings immer vor einem heuchlerischen Hintergrund: „Wir finden zwar ganz furchtbar, wie die Amerikaner sich in der Welt verhalten, aber Gott sei Dank machen sie sich für uns die Hände dreckig.“ Anti-Amerikanismus ist kein Massenphänomen, sondern ein intellektuelles.

The European: Stichwort Massenphänomen: Hans Sahl schreibt in seinen Memoiren, dass das Massenphänomen des frühen 20. Jahrhunderts eine Bekämpfung der Einsamkeit sei. Könnte man das auf 2014 übertragen?
Bolz: Einsamkeit ist das falsche Wort. Ich glaube, dass es uns an Einsamkeit fehlt, und es fehlt an dem Vermögen, der Zeit und der Muße, einsam zu sein. Was Sahl wohl meint, ist etwas anderes, nämlich das, was John Maynard Keynes schon vor vielen Jahrzehnten wunderbar erkannt hat:
Das größte Problem der kapitalistischen Wohlstandsgesellschaft ist, dass die Leute nichts mit ihrer Zeit anzufangen wissen, sie belästigen sich selbst. Langeweile ist das Problem und nicht Einsamkeit.

Das Gespräch führte Caroline Jebens.

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