Spezial zur Europawahl

„Franzosen sollten Nachbarn nicht vergessen“

Ein Jahr nach den Feiern zum Élysée-Vertrag ist die Partystimmung vorbei. Patrice Neau, Präsident der Deutsch-Französischen Hochschule, über kulturelle Unterschiede, finanzielle Herausforderungen und die Zukunft des „Tandems“.

The European: Herr Neau, seit Januar 2013 sind Sie Präsident der Deutsch-Französischen Hochschule (DFH). Sie selbst sind Franzose – wie viel Deutscher steckt in Ihnen?
Neau: Eine gute und sehr persönliche Frage. Ich bin Germanist und Professor der Universität Nantes für die Kulturgeschichte deutschsprachiger Länder. Das ist natürlich eine günstige Voraussetzung, um Präsident an einer Institution wie der DFH zu sein. Ich arbeite schon seit Jahren mit deutschen Universitäten zusammen und kenne die universitäre Landschaft in Deutschland ziemlich gut.

The European: Wie sind Sie das erste Mal mit Deutschland in Kontakt gekommen?
Neau: Als Student habe ich schon in meinem zweiten Jahr Anfang der 1970er-Jahre ein Semester in Deutschland absolviert. Das war ein deutsch-französisches Programm des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD). Sie sehen also, dass ich bereits seit mehreren Jahrzehnten in diesem deutsch-französischen Umfeld stecke.

The European: Die DFH wurde 1999 offiziell gegründet und feiert in diesem Jahr ihren 15. Geburtstag. Eine deutsch-französische Erfolgsgeschichte?
Neau: Das kann man schon sagen. Unser 15-jähriges Bestehen wird im Juni in Lyon gefeiert. Die Idee der DFH war aber nicht neu. Sie ist die Fortsetzung des Deutsch-Französischen Hochschulkollegs, welches 1988 gegründet wurde. Beide Regierungen, sowohl in Deutschland als auch in Frankreich, fanden 1997, man müsse diese Idee weiterentwickeln und dem Kolleg eine größere Basis geben. Das Resultat ist, wie ich finde, sehr eindrucksvoll: Wir haben jetzt 6000 Studenten!

The European: Also alles wunderbar bei der DFH?
Neau: Was mir etwas Sorgen macht, sind natürlich die Finanzen. Beide Regierungen haben uns sehr hohe Ziele gesetzt. Wir müssen bis 2020 die Zahl der Studenten verdoppeln, was wir vermutlich ohne große Probleme erreichen werden. Es bedeutet aber auch, dass wir größere Finanzmittel brauchen – denn jeder Student, der in einem binationalen Programm ist, bekommt ein Stipendium. Das wird dieses Jahr eine meiner Aufgaben sein: von den Regierungen eine Erhöhung unseres Budgets zu bekommen.

„Die DFH ist auch ein politisches Projekt“

The European: Werden Sie dabei genügend politisch unterstützt? Denn das Interesse am jeweiligen Nachbarland nimmt ab. Ein Beispiel: Immer weniger Schülerinnen und Schüler lernen Deutsch oder Französisch.
Neau: Das Interesse besteht immer noch. Die Zahl der Schüler, die in Frankreich Deutsch lernen, hat sich stabilisiert. Der Rückwärtstrend ist schon seit ein paar Jahren gestoppt. Es geht wieder langsam aufwärts.

The European: Und wie sieht es mit dem Interesse seitens der Regierungen aus?
Neau: Dieses besteht weiterhin – die DFH ist ja auch ein politisches Projekt, etwas Einmaliges in der Welt. Kein Land hat es geschafft, ein anderes so tief in seine Strukturen zu integrieren. Es gibt in Deutschland und Frankreich insgesamt 153 integrierte Studienprogramme.

The European: Das deutsche und das französische Unisystem sind sehr verschieden. In Frankreich ist der Eliten-Gedanke viel weiter verbreitet, was in verschiedenen, elitären Universitäten seinen Ausdruck findet – die Grandes Écoles. Wie kriegt man diese Systeme unter einen Hut?
Neau: Wir haben in unseren Programmen deutsche Hochschulen, französische Universitäten und die Grandes Écoles. Die Schwierigkeit besteht darin, integrierte Programme aufzubauen, die für beide Partner interessant sein könnten, woraus die Studenten etwas lernen. Ein Problem sind zum Beispiel die Ingenieurhochschulen: In Frankreich gibt es dafür die Grandes Écoles, die eher Allgemeinbildung bieten – während die deutschen Universitäten großen Wert auf Spezialisierung legen. Da muss man Brücken finden, damit die Studenten einen Mehrwert erhalten. Das kostet Zeit und Mühe, ist aber machbar. Eben deshalb, weil auch ein politischer Wille dahintersteckt.

The European: Gibt es Beispiele?
Neau: Die École Polytechnique in Palaiseau – eine der angesehensten Grandes Écoles – und die TU München haben beispielsweise im Rahmen der DFH ein Abkommen geschlossen und bieten ein Doppeldiplom an.

„Wir brauchen Leute, die das Partnerland gut kennen“

The European: Sie haben gerade von politischem Willen gesprochen. Der Élysée-Vertrag ist 2013 50 Jahre alt geworden. In Ihrer Antrittsrede sagten Sie: „Der Zustand der deutsch-französischen Beziehungen bestimmt, unabhängig vom jeweiligen Lebensbereich, mehr denn je über die Zukunft Europas.“ Trifft das heute überhaupt noch zu? Oder sind nicht vielmehr andere Partner wichtiger geworden?
Neau: Natürlich ist es so. Das stellt man auch an den Universitäten fest. Für diese sind andere Länder wichtig geworden. China, Brasilien, Korea … Es gibt eine größere Konkurrenz! Das Besondere ist aber, dass Deutschland immer noch unser erster Wirtschaftspartner ist und demnach ist der Bedarf nach gemeinsamen Erfahrungen größer.

The European: Inwiefern?
Neau: Wir Franzosen brauchen mehr Ingenieure und Juristen, die Deutschland gut kennen, die praktische Erfahrungen mitbringen, als Spezialisten, die beispielsweise Südostasien gut kennen. Der Bedarf an Deutschlandkennern ist viel größer! Natürlich ist es wichtig, dass wir mit allen großen, wichtigen Akteuren der Welt zusammenarbeiten – aber wir Franzosen sollten unseren Nachbarn Deutschland dabei nicht vergessen! Das Gleiche sagen uns auch die Unternehmen. Was wir brauchen, sind Leute, die das Partnerland gut kennen.

The European: Im Prinzip geht es dabei um interkulturelle Kompetenzen. Kann man diese überhaupt lernen – oder ist es nicht in der Realität eher ein Trial-and-Error-Prinzip?
Neau: Beides ist wichtig. Wir legen aber großen Wert auf die Vermittlung von interkulturellen Kompetenzen. Wenn Hochschulen in die Programme der DFH aufgenommen werden wollen, fragen wir: Wie werden diese Kompetenzen erweitert? Der Alltag ist natürlich wichtig, aber das allein reicht nicht aus.

The European: Was braucht es noch?
Neau: Wir sind zum Beispiel dabei, Werkzeuge für die Programmbeauftragten zu entwickeln, damit die Studenten sich interkultureller Unterschiede bewusst werden. Wir haben festgestellt, dass unsere Absolventen sehr oft im internationalen Kontext einen Arbeitsplatz finden. Dass sie also nicht nur im deutsch-französischen Bereich tätig sind – eben weil sie auch die interkulturelle Kompetenz mit sich bringen. Kulturelle Unterschiede muss man erst einmal kennenlernen, respektieren und sich dann aneignen.

„Es gibt größere kulturelle Unterschiede als die zwischen Frankreich und Deutschland“

The European: Welches sind denn Ihrer Meinung nach die größten Unterschiede zwischen Deutschland und Frankreich?
Neau: Da gibt es viele – obwohl es andererseits auch größere kulturelle Unterschiede gibt als die zwischen den beiden Ländern. Ein Beispiel aus der Zusammenarbeit mit deutschen Kollegen: Wir in Frankreich haben einen etwas lockereren Umgang. Wir sind nicht so streng. Es hat mich immer wieder erstaunt, dass man in Deutschland mit Tagesordnungspunkten beginnt und die dann alle nacheinander abhakt. Wenn man nur zwei Stunden Zeit hat, dann hält man sich auch an die zwei Stunden. In Frankreich nimmt man das nicht so genau.

The European: Haben Sie das Gefühl, dass es dem politischen Führungspersonal in Deutschland und Frankreich gerade ein wenig an interkultureller Kompetenz mangelt?
Neau: Tja, es gibt natürlich Unterschiede zwischen einzelnen Ministern. Aber zwischen Deutschen und Franzosen ist die Kooperation in diesem Bereich dann doch sehr tief. Seit ich hier in der DFH bin, haben wir regelmäßig Kontakte zu Politikern auf beiden Seiten. Der Austausch zwischen den Beamten in den Ministerien gehört zum Alltag und es hat mich doch beeindruckt, wie gut die hohen Beamten im jeweils anderen Land vernetzt sind. Das erleichtert natürlich die politische Zusammenarbeit sehr. Ich glaube, das gibt es zwischen anderen Ländern nicht.

The European: Worin sehen Sie die größte Herausforderung für die deutsch-französischen Beziehungen in den kommenden Jahren?
Neau: Dass man die Einmaligkeit dieser Beziehungen bewahrt. Dass man sich nicht darauf ausruht. Die deutsch-französische Beziehung ist kein Selbstzweck. Beide Länder müssen sich an die Arbeit machen und sich die Frage stellen: Was ist unser politisches Ziel für unsere beiden Länder und für Europa? Wir haben viel erreicht, aber was wollen wir noch erreichen? Auf diese Antwort warten wir Bürger noch.

Das Interview führte Julia Korbik.

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