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Das Osterinsel-Syndrom

Die westliche Kultur kann man auf einen gemeinsamen Nenner bringen: den menschenzerstörenden Kapitalismus. Da helfen auch keine Schönheitsreparaturen mehr.

Es gibt nur zwei Wesen, die ihre eigene Lebensgrundlage zerstören: Viren und Menschen. Die Menschen betreiben ihre eigene Zerstörung exzessiv. Fünf Eckdaten des noch jungen 21. Jahrhunderts reichen aus, um die Spannbreite der Zerstörung aufzuzeigen:

  • Terroranschläge am 11.09.2001
  • Sumatra-Andamanen-Beben am 26.12.2004
  • Weltwirtschaftskrise seit dem 15.09.2008
  • Nuklearkatastrophe in Fukushima am 11.03.2011
  • Hochhauseinsturz in Bangladesch am 24.04.2013

Diese Daten zeigen bruchstückhaft das Spektrum des menschlichen Wahns. Katastrophen ereilen uns, weil die Menschen Kriege anzetteln, die Natur verwüsten, blindlings nach Profit streben, Allmachtsfantasien hegen und einen unstillbaren Energiehunger haben. Die sogenannte „westliche Kultur“, die man auf den gemeinsamen Nenner „menschenzerstörender Kapitalismus“ bringen kann, zerstört so lange ihre Lebensgrundlage, bis sie sich schließlich selbst zerstört – so gesehen ist sie ein Virus.

Ausbeutung, bis alles zerstört ist

Exemplarisch hierfür steht der Niedergang der Osterinsel. Die Bewohner der Insel (die Rapa Nui) haben sich ihre eigene Lebensgrundlage zerstört, indem sie auf ihrer Insel radikal Raubbau begingen: Jeder Baum der riesigen Palmwälder wurde abgeholzt, um Hütten und Boote zu bauen und immer weiter zu expandieren. Doch irgendwann war der letzte Baum von der Erdoberfläche verschwunden, sodass die Rapa Nui keine Boote mehr hatten zum Fischen. Ergebnis: die Menschen starben entweder an Hunger oder in den nun einsetzenden Stammeskriegen. Trotz aller Warnzeichen sägten sich die Rapa Nui den Ast ab, auf dem sie saßen – und löschten somit ihre Kultur aus.

Diese offensichtlich global anzutreffende Tendenz der Spezies Mensch könnte man auch auf den Namen „Osterinsel-Syndrom“ taufen. Wir beuten unsere Umwelt und unsere Mitmenschen so lange aus, bis alles zerstört ist. Die „Weissagung der Cree“, die vor allem in der Umweltschutzbewegung der 1970er-Jahre die Runde machte, bringt die Essenz des „Osterinsel-Syndroms“ auf den Punkt:

„Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“

Der totale Kollaps der Zivilisation

Eine aktuelle Studie
des Mathematikers Safa Motesharrei unterstreicht diese düsteren Überlegungen. Der Mathematiker führt die Räuber-Beute-Gleichung an, derzufolge gilt: Wenn es genug Beute gibt, so nimmt die Zahl der Räuber zu. Dadurch jedoch nimmt anschließend die Zahl der Beute ab, wodurch auch die Zahl der Räuber sinkt.

Übertragen auf die Menschen warnt Motesharrei, dass die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen und die ungleiche Verteilung des Reichtums zum totalen Kollaps der Zivilisation führen könne. Für die bereits erwähnte Osterinsel haben 1998 die Ökonomen James Brander und Scott Taylor das Modell durchgerechnet und dabei nachgewiesen, dass die Rapa Nui mathematisch gesehen aussterben mussten. Für die westlichen Industrienationen liegen vergleichbare Zahlen vor – sie verbrauchen derzeit 1,5-mal mehr Ressourcen als in der gleichen Zeit auf der Erde nachwachsen können.

Okay, noch ist die Apokalypse nicht eingetreten. Aber die Zeichen mehren sich, dass das „Osterinsel-Syndrom“ immer globalere Ausmaße annimmt. Und die Chancen stehen leider gut, dass die „westliche Kultur“ noch vor dem Verglühen der Sonne von der Erdoberfläche verschwindet. Den Profit vor Augen, stürzt sich die Menschheit – fast schon gesetzmäßig – sehenden Auges in den Abgrund. Da helfen auch keine Schönheitsreparaturen mehr weiter, sondern nur noch eine Kernsanierung in den Ruinen der „westlichen Kultur“.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Michael Pauen, Holger Rust, Matthias Horx.

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