Spezial zur Europawahl

Tick, Tack, Bumm

Europa spielt ein riskantes Spiel. Die tickende Bombe wird nicht entschärft, sondern herumgereicht – Verantwortung will keiner mehr übernehmen.

Wenn Europa den Mund öffnet, dann um zu gähnen“, sagte der ehemalige französische Präsident François Mitterrand. Und wie recht er hat: Europa ist monoton! So monoton wie ein Metronom, das in einem leeren Saal vor sich hintickt. Tick, die Nadel schwenkt in Richtung der „Elitisten“ oder Technokraten, die uns mit ihren strengen und einschläfernden Reden zu Tode langweilen. Tack, die Nadel schwingt in Richtung der Populisten, wo kleine Schlauköpfe sich als geschickte Redner hervortun. Tick, die Nadel kehrt zurück zu den Elitisten und ihrem kalten und wirklichkeitsfremden Jargon. Tack, die Nadel trifft erneut die Populisten und ihre demagogischen Attacken. Tick, die Elitisten übernehmen wieder, Tack, zurück zu den Populisten. Und während dieses monotonen Schwingens fragt man sich, warum der Raum so leer ist.

Seelenruhige Europa-Profis

Langweilig, nicht wahr? Es gab einmal eine Zeit, als Europa vor vollem Haus spielte. Sicher, das war nach dem Krieg und die europäischen Völker hatten einen guten Grund, sich zu versammeln: um den ersehnten Frieden zu schaffen. Damals hörte man die „Ode an die Freude“ – wohlklingend und hochtrabend – die als vielversprechende Zukunft erscholl. Aber nach dem Zwischenakt der 1970er-Jahre begann der Saal, sich zu leeren.

Unsere Europa-Profis – europäische Repräsentanten, Beamte, militante Föderalisten – stimmten eine neue Melodie an, die moderner sein sollte, aber auf dem etwas kalten Rhythmus des Binnenmarktes basierte, auf der wirtschaftlichen Konvergenz und der Harmonisierung von Regeln. Im Saal begannen einige gelangweilte Zuschauer, die Staubflocken zu zählen. Woraufhin Europa anbot, diese zu kalibrieren, zu zertifizieren und zu harmonisieren.

In diesem einschläfernden Moment begannen manche Zuschauer, zu murren. Zuerst hörte man einige Stimmen protestieren, die Musik sei schlecht, sie spreche ihr Publikum nicht an. Gewisse, charismatische Zuschauer, kletterten auf die Bühne und störten das schlechte Konzert. Sie erklärten laut und deutlich, dass es besser sei, den Saal zu verlassen. In einem etwas trügerischen Wahn versicherten sie, „oben auf der Bühne das auszusprechen, was das Publikum unten in den Rängen denkt“. Man bezeichnete sie als Populisten.

Die Europa-Profis, ihrer Übereinkünfte sicher, fuhren seelenruhig fort: Sie gaben noch experimentellere Klänge zum Besten, von der wirtschaftlichen Regelung, der steuerlichen Harmonisierung, dem weltweiten Liberalismus. Man bezeichnete sie als Elitisten. In dem Moment verließ der Großteil der Zuschauer den Saal. Einige skandierten lauthals: Geld zurück!

Dort stehen wir heute. Muss man den Elitisten vorwerfen, sich hinter ihrer Expertise verschanzt zu haben? Nicht wirklich. Sie glaubten tatsächlich, es gut zu machen – schafften es aber nicht, mit ihrer Motivation andere anzustecken. Heute schauen sie ihren Kritikern tatenlos zu. Sind also die Populisten schuld am Zustand Europas? Abgesehen von einigen Opportunisten, die sich sehnlichst Bekanntheit wünschen, fehlt es einigen Großsprechern nicht an Ehrlichkeit und die ­Zustimmung, die sie hervorgerufen haben, zeugt von der Berechtigung ihrer Kritik. Aber gibt es über diesen sterilen Austausch zwischen Populisten und Elitisten hinaus keine Stimme der Mitte, um das europäische Konzert wieder in Schwung zu bringen?

Was wir brauchen, ist eine neue Aufführung: Mit neuen Musikern und einer Rückkehr zu den Akkorden, die für den Beitritt am Anfang gesorgt haben. Zum Teufel mit der Korrektheit der Musik und der Besserwisserei der Musiker. Spielen wir stattdessen lieber die Ehrlichkeit: Sprechen wir einfach davon, was uns in Europa in Schwingungen versetzt.

Wenn man eine Gruppe Europäer an einem Tisch versammelt, wird die Diskussion sicher nicht mit der Rettung der Banken beginnen, der Wirtschaftsregierung oder der Vereinheitlichung der Erhebung der Mehrwertsteuer. Nein, die Europäer werden darüber sprechen, was sie bewegt, wie man sich in ihrem Land zuprostet, wie sie Weihnachten feiern, über die Geschichte ihrer Region, ihren kulturellen Reichtum. Sie werden ihre Ähnlichkeiten vergleichen, Anekdoten austauschen. In diesem Austausch werden sie nichts von ihrer Identität verlieren, sondern sich nur neuen Möglichkeiten öffnen.

Europa der kleinen Dinge

Passen wir also unsere Noten diesen Akkorden an. Finden wir neue politische Inspirationen, damit dieses Europa der kleinen Dinge eines der großen­ Dinge wird! Zum Beispiel: Warum erfinden wir nicht – ähnlich dem Erasmusprogramm – ein Austauschprogramm zwischen Konditorlehrlingen, damit die deutsche Sachertorte, der französische Paris-Brest und die schwedische Kanelbulle auf Tour durch Europa gehen? Warum lassen wir nicht die amerikanischen Riesen wie MTV hinter uns und schaffen große transeuropäische Musik-Fernsehkanäle, die die Glanzstücke aller Länder in Umlauf bringen? Warum sorgen wir 200 Jahre nach den Brüdern Grimm nicht mehr dafür, dass der Schatz der Erzählungen und Legenden unserer Nachbarn in Europa kursiert? Es gilt, ein ganz neues Europa der Gefühle und Emotionen zu denken.

Aber hier ist nun wieder unser leerer Saal … Tick, die Elitisten, Tack, die Populisten. Wie monoton! Das Tick-Tack des europäischen Metronoms erinnert uns an ein deutsches Gesellschaftsspiel – ein wenig beängstigend –, in dem die Spieler eine Bombe austauschen, die ohne Vorwarnung explodiert. Man könnte sich kein finstereres Ende für Europa vorstellen. Tick, die Elitisten, Tack, die Populisten. Wie heißt dieses Spiel noch mal? Ach ja … Tick Tack Bumm …

Übersetzung aus dem Französischen

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Liane Bednarz, Nils Heisterhagen, Florian Hartleb.

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