Spezial zur Europawahl

„Mit Schülern über Europa streiten? Einfach!“

Welche Rolle spielt Europa im Unterricht? Der Lehrer Steffen Noack erklärt es.

The European: Herr Noack, wie streitet man mit einem Schüler über Europa?
Noack: Das geht relativ einfach.

The European: Ja?
Noack: Auch in meiner Schülerschaft gibt es all die Ansichten – vermittelt durch die Eltern – , die es in unserer Gesellschaft gibt. Es gibt zum Beispiel einwanderungsfeindliche Positionen, die wir auch im Schulrahmen diskutieren.

The European: Wie sieht das konkret aus?
Noack: Ein Thema war: Was macht man mit den Menschen, die nach Lampedusa kommen? Denn klar ist: Es muss reagiert werden, sie zurück ins Meer werfen, geht ja schlecht.

„Europa ist vor allem Institutionenkunde“

The European: Welche Rolle spielt Europa im Allgemeinen?
Noack: Wir diskutieren oft die Positionen der EU, die konkret die Zukunft der Kinder betreffen. Unzählige meiner Schüler kommen aus Mischehen. Die Elternschaft ist so patchworkartig und europäisch, das zeigt schon: Ein Zurück zum Nationalstaat geht gar nicht mehr (lacht). Deswegen hatte ich meine Schüler auch aufgefordert, ihre Eltern zum Wählen zu animieren. Und zwar Parteien, die Europa nicht einfach nur abschaffen wollen.

The European: Spielt Europa heute eine wichtigere Rolle im Unterricht als noch vor zwanzig Jahren?
Noack: Ja, aber es ist vor allem Institutionenkunde. In unseren Sozialkunde- und Gesichtsbüchern sind vor allem die Institutionen und ihre Funktionen dargelegt. Gerade in der Oberstufe ist die Europäische Union inzwischen ein weites Thema.

The European: Sie klingen nicht ganz zufrieden.
Noack: Die Idee von Europa ist mir zu wenig präsent im Unterricht: Wieso ist es so geworden, wie es ist.

The European: Wie könnte man das ändern?
Noack: Sagen wir, wir haben das Thema Demokratie. Die Anfangsfrage, die wir dann stellen, ist die nach den Institutionen. Die Idee von Europa kann man näher bringen, wenn man darüber spricht, wieso Institutionen bestimmte Funktionen haben. Wieso es zum Beispiel Gewaltenteilung gibt. Das geht am besten mit Hilfe der Geschichte, also dass das heutige Europa die Folge aller Schrecknisse ist, die Europa durchlebt und hinter sich gelassen hat.

„Schüler kann man erreichen, wenn man Einzelschicksale beleuchtet“

The European: Apropos Schrecknisse: Welche Rolle spielen aktuelle Ereignisse, wie das, was in der Ukraine passiert?
Noack: Gerade der Kommunismus ist in meinem Unterricht sehr wichtig: Als ehemaliger Maoist habe ich mich sehr radikal mit dessen Ideen beschäftigt. Und aus den Ideen folgte ja schließlich die Praxis. Ich bin sehr daran interessiert, den Kinder zu erklären, dass die Zeit des Kommunismus in Europa gerade einmal 25 Jahre zurückliegt und immer die Gefahr besteht, dass sie zurückkehrt.

The European: Wie sehr beschäftigen solche Ereignisse wie die Ukraine-Krise die Kinder?
Noack: Die Schüler kann man erreichen, wenn man Einzelschicksale beleuchtet. Damit kriege ich sie immer. Was ist mit diesem Kämpfer auf dem Maidan oder was macht diese oder jene Familie in der Ost-Ukraine. Und das lässt sich dann sogar mit den Unterrichtsthemen verknüpfen.

The European: Wie machen Sie das?
Noack: Die Kämpfer auf dem Maidan erinnern zum Beispiel an ein Thema aus dem Geschichtsunterricht: der Völkerfrühling 1848. Wer waren da damals die Gendarmenmächte, die den Protest nieder knüppeln ließen? Da kann man sehr gut diskutieren. Wir haben einen Zusammenhang festgestellt…

The European: …ja?
Noack: Wirkliche Stabilität kann es nur auf der Grundlage von Freiheit geben. Nach 1945 gab es die Fehlanalyse: Es war nicht primär der Frieden, den es zu verteidigen galt, sondern die Freiheit. Es gibt ein Plakat aus Frankreich mit dem Spruch: „Nie wieder“, aus dem später das berühmte „Nie wieder Krieg“ wurde. Auf dem Plakat ist ein KZ-Häftling zu sehen. Es wird offen gelassen, mit welchen Mitteln man die KZs verhindert. Im Zweiten Weltkrieg war das nur durch einen Gegenkrieg der Alliierten möglich. Das Plakat drückt also weniger einen Wunsch nach Frieden aus, sondern ein Bekenntnis für Freiheit. Das ist in Deutschland keineswegs klar.

The European: Was meinen Sie genau?
Noack: In Deutschland gibt bis heute es eine breite pazifistische Strömung, die André Glucksmann ironisch mit dem Spruch: „Frieden. Mein Frieden. Lass mich in Frieden.“ beschrieben hat. Da wird toleriert, dass es Völkermorde in Afrika gibt, und z.B. im Kongo in den letzten Jahren mehr als vier Millionen Leute umkommen.

„Die junge Generation ist vom Krieg entwöhnt worden“

The European: Eine Kritik an Europa aus der jungen Generation ist, dass das europäische Narrativ vom Frieden nicht mehr funktioniere. Hat die Krise in der Ukraine insofern etwas Gutes, weil sie und uns daran erinnert, dass Europa tatsächlich wieder ein Freiheitsprojekt werden kann?
Noack: Auch vor der Ukraine konnte die junge Generation Kriege aus nächster Nähe sehen, wenn sie denn wollte. Aber es ist in der Tat so, wie Sie sagen: Die junge Generation ist von dieser schrecklichen Realität namens Krieg entwöhnt worden. Durch die Ukraine wurden sie wieder darauf gestoßen.

The European: Der andere Teil der Erzählung, der von Wohlstand, funktioniert für die Jugend auch nicht mehr so recht.
Noack: Allerdings vor allem in den Südländern. Was langfristig aber auch bei uns zu Problemen führt.

The European: Welcher Natur?
Noack: Ich habe die Befürchtung, dass Teile unseres Mittelstands einfach aus der großen Masse der gut ausgebildeten Einwanderer aus dem Süden ersetzt wird. Unseren Mittelstand holen wir uns künftig aus Griechenland, Spanien oder Portugal. Und diese Menschen sind oft besser erzogen und gebildeter als unsere eigenen Migrantenkinder.

„Lehrer mit Zeitverträgen sind wie der Gehetzte der Sierra Madre“

The European: Was macht das für einen Unterschied?
Noack: Vor die Wahl gestellt, einen schlechter ausgebildeten und unhöflichen Neudeutschen oder einen wundervollen Sevillianer einzustellen, nehme ich den aus Sevilla. Der beherrscht schon den Konjunktiv zwei und hält ihn nicht für eine Geschlechtskrankheit.

The European: Was ist das größte Problem des deutschen Mittelstandes?
Noack: Es hat damit angefangen, dass sich die Einstiegsjobs verändert haben.

The European: Inwiefern?
Noack: Anstelle eines gut gesicherten und beständigen Jobs gibt es viele flexible immer wieder neu zu erlernende. Die jetzige Generation ist die „Generation Pappbecher“; die Generation „coffee to go“. Da gibt es eine neue Unsicherheit, die sich auch auf die Wohnsituation überträgt. Deshalb wohnen jetzt wieder so viele im „Hotel Mama“. Auch im Lehrerberuf sehe ich Problem.

The European: Worauf spielen Sie an?
Noack: Ein ausgeruhter Lehrer ist ein besserer Lehrer. Mit der Verbeamtung tut man sich schwer in Berlin. Lehrer mit Zeitverträgen dagegen sind wie der Gehetzte der Sierra Madre. Vor den Sommerferien endet der Vertrag, danach geht er wieder los. Das ist doch unerträglich.

Das Gespräch führte Thore Barfuss. Es entstand im Rahmen des Kongresses Dispute over Europe, den Steffen Noack mitorganisierte.

Dispute over Europe Logo

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