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Rettungsschirm für den Kopf

In unserer Welt werden soziale Probleme medizinisch behandelt. Kein Wunder also, dass wir mit Pillen gegen die ständige Unsicherheit kämpfen.

Ein Zustand vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens – so wird Gesundheit in der Verfassung der Weltgesundheitsorganisation definiert. Auffallend ist, dass damit nicht nur der einzelne Mensch mit seinen psycho-physischen Eigenschaften in den Handlungsbereich der Medizin gerückt wird, sondern die gesamte Gesellschaft. Halten Sie eine Welt, in der Ärzte sich mit sozialen Problemen beschäftigen, für absurd? Tatsächlich leben wir in so einer Welt, in der soziale Probleme medizinisch behandelt werden! Soziologen untersuchen und belegen dies seit Jahrzehnten unter dem Stichwort Medikalisierung.

Erfolg, Heiterkeit und Aufmerksamkeit auf Rezept

Die Medikalisierung findet statt, indem die Folgen sozialer Probleme im Individuum lokalisiert und dann auch dort therapiert werden. Beispielsweise gab es in den USA der 1950er- und 1960er-Jahre bereits eine Epidemie psychopharmakologischer Verschreibungen. Neu entdeckte Medikamente halfen nicht nur Patienten. Antidepressiva, Aufputschmittel und Beruhigungsmittel wurden an breite gesellschaftliche Kreise verschrieben.

Werbeanzeigen in Fachzeitschriften aus jener Zeit machen dies deutlich: Beruflicher Erfolg, Heiterkeit, geistige Aufmerksamkeit und Optimismus waren scheinbar auf Rezept erhältlich. Hier geht es um das Aufputschmittel Amphetamin. Hausfrauen, die ihre gesellschaftlich eingeengte Situation nicht mehr aushalten konnten, wurden hingegen Beruhigungsmittel verschrieben. „Sie können sie nicht befreien. Sie können ihr aber dabei helfen, sich weniger ängstlich zu fühlen“, lautet die Überschrift einer Reklame für den Wirkstoff Oxazepam. Auf dem seitengroßen Foto sitzt eine ängstlich blickende Frau hinter Besenstielen wie hinter Gitterstäben.

Die Verschreibungen für Hausfrauen waren so häufig, dass die Pillen als Mother’s Little Helper bekannt wurden. Das 1966 erschienene Album „Aftermath“ der Rolling Stones fängt mit dem gleichnamigen Song an, der bis heute mehrmals gecovert wurde. Er handelt von einer Mutter, die ihren Alltag nur noch mit den Pillen überstehen kann – und am Ende an einer Überdosis stirbt: They just helped her on her way / through her busy dying day.

Individuen werden ans System angepasst

Dies ist nur ein Beispiel von vielen, wie medizinisches Handeln politisch war und einen problematischen gesellschaftlichen Zustand stabilisiert hat; und zwar nicht, indem die soziale Ursache des Problems behoben wurde, sondern indem Individuen an das System angepasst wurden. Das heißt nicht, dass jeder Griff zum Rezeptblock gleich problematisch ist. Es heißt aber, dass wir aufmerksam werden sollten, wenn gesellschaftliche Entwicklungen von medizinischen Trends wie stark steigenden Verschreibungszahlen begleitet werden.

Die Verschreibungszahlen des Aufputschmittels Amphetamin sind in den USA nach 1969, als Richard Nixon Präsident wurde und mit dem fragwürdigen War on Drugs begann, beinahe auf null gefallen. Seit den 1990er-Jahren ist dieser Trend aber wieder umgekehrt und werden sowohl Amphetamin als auch das pharmakologisch verwandte Methylphenidat, das viele als Ritalin kennen, vermehrt produziert. 2005 wurde der alte Höchststand von 1969 überschritten. Noch ist kein Ende des Anstiegs in Sicht: 2011 wurden in den USA laut Regierungsangaben 56 Tonnen Methylphenidat produziert, mehr als 30-mal so viel wie 1990.

Eine psychische Störung pro Jahr

Die Verschreibungen von Methylphenidat stiegen laut Arzneimittelreport auch in Deutschland, von 1999 bis 2008 um mehr als das Sechsfache. Jüngste Zahlen der Techniker Krankenkasse belegen einen Anstieg verordneter Antidepressiva von 2006 bis 2010 um 79 Prozent bei Studierenden und 70 Prozent bei gleichaltrigen Erwerbspersonen. Warum brauchen wir auf einmal so viele Psychopharmaka und so viel mehr als noch vor wenigen Jahren?

Führende Epidemiologen schätzen inzwischen, dass 38 bis 45 Prozent aller europäischen Bürger innerhalb eines Jahres mindestens einmal eine psychische Störung haben. Es handelt sich hierbei aber nicht nur um folgenlose Zahlen auf dem Papier: Gemäß dem herrschenden Paradigma in der wissenschaftlichen Psychiatrie und Psychologie basieren psychische Störungen nämlich auf gestörten Gehirnprozessen. Tatsächlich spiegeln sich alle unsere Erfahrungen im Gehirn wider. Auch ein Zahnschmerz hat ein Gehirnkorrelat; dennoch würden die wenigsten von uns den Zahnschmerz vom Psychiater behandeln lassen und nicht vom Zahnarzt.

Lebenskrisen werden zu Gehirnkrisen

Sozialwissenschaftliche Forschung hat wieder und wieder belegt, dass schwere Lebensereignisse, Armut, die Gefahr von Arbeitslosigkeit und Wohnungsverlust die psychische Gesundheit verschlechtern. Dieses Wissen ist aber zugunsten von vermeintlich objektiven Hightech-Apparaten wie Gehirnscannern verdrängt worden. Deshalb begeben sich Ärzte und Psychologen, die den Menschen zwar helfen wollen, das Problem aber nur in ihren Patienten lokalisieren, auf ein politisches Feld.

Gerade in der Krise, in der ökonomischen Unsicherheit, im Konkurrenzkampf gegeneinander kann das Zücken eines Rezeptblocks oder eine Psychotherapie dann zur Stabilisierung eines sozialen Missstands beitragen. Wir wissen, dass das Gehirn ein plastisches Organ ist, sich ein Leben lang verändert. Das heißt aber nicht nur, dass wir unsere Gehirne an gesellschaftliche Anforderungen anpassen müssen; umgekehrt kann es auch heißen, dass wir die Umwelt so gestalten, dass wir das Gehirn bekommen, das wir uns wünschen. Die WHO-Definition von Gesundheit schließt den sozialen Bereich ein. Nehmen wir dies ernst, indem wir gemeinsam nach sozialen Lösungen suchen.

Der Beitrag ist bereits auf The European erschienen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: David Chandler, Majia Holmer Nadesan.

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