Spezial zur Europawahl

Den Wald statt Bäumen sehen

Es scheint nichts zu geben, was uns Europäer tiefgehend verbindet: keinen Gründungsmythos, keine Utopie – was dann? Eigentlich ist die Antwort offensichtlich.

Ein Narrativ für Europa kann entweder der Vergangenheit oder der Zukunft entnommen werden. Im ersten Fall würde es sich um einen Gründungsmythos und im zweiten um eine Utopie handeln. Mythos und Utopie sind Erzählungen, die bezogen auf eine Institution, eine Gesellschaft oder ein Kontinent aufeinander verweisen, Zukunft und Vergangenheit miteinander verbinden und so der Gegenwart, in der die Menschen leben, Sinn und Bedeutung geben.

Zu bunt für einen Gründungsmythos

In seiner Europarede vom 22. Februar 2013 konnte Bundespräsident Joachim Gauck keinen Gründungsmythos für Europa festmachen, der imstande wäre, die Idee Europas in einer einzigen Erzählung zu verdichten:

„Trotzdem stimmt, was oft moniert wird: In Europa fehlt die große identitätsstiftende Erzählung. Wir haben keine gemeinsame europäische Erzählung, die über 500 Million Menschen in der Europäischen Union auf eine gemeinsame Geschichte vereint, die ihre Herzen erreicht und ihre Hände zum Gestalten animiert. Ja, es stimmt: Wir Europäer haben keinen Gründungsmythos nach der Art etwa einer Entscheidungsschlacht, in der Europa einem Feind gegenübertreten, siegen oder verlieren, aber jedenfalls seine Identität wahren konnte. Wir haben auch keinen Gründungsmythos im Sinne einer erfolgreichen Revolution, in der die Bürger des Kontinents gemeinsam einen Akt der politischen oder sozialen Emanzipation vollbracht hätten.“

Natürlich gibt es in der europäischen Geschichte solche Entscheidungsschlachten und Revolutionen. Man denke an die gemeinschaftliche Verteidigung Europas vor den Osmanen in Wien oder an die Französische Revolution oder an den Bund „Junges Europa“, dessen Mitglieder aus Italien, Polen und Deutschland kamen, die für Freiheit, Gleichheit und Humanität in Europa kämpften. Einige wollen auch den Holocaust als eine solche Erzählung begreifen. Doch erfüllen diese lichten und dunklen Erzählungen kaum die Bedingungen eines Gründungsmythos, der allgemein genug wäre, um alle europäischen Länder über große Zeitstrecken hinweg unter eine alles überwölbende Idee zu einen. Dafür sind Geschichte und Gedächtnis Europas zu bunt, zu gemischt.

Skepsis gegenüber Heilsversprechen

Der Wunsch und Ruf nach einer solchen Wurzelgeschichte ist jedoch stark und laut. Jean-Claude Juncker, ehemaliger Chef der Eurogruppe, hat anlässlich seiner Wahl zum „Kommunikator des Jahres 2012“ gesagt, dass „nie mehr Krieg“ alleine als Erzählung nicht mehr ausreiche, um junge Menschen in Europa zu bewegen, man müsse vielmehr „eine andere Erzählung erzählen“, aber welche, hat er nicht genannt, sondern nur angedeutet: eine die „Zukunft beschreibende“ Erzählung. So landen wir bei Utopien. Doch auch hier tappen wir im Dunklen, denn nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Fall des eisernen Vorhanges scheint das Zeitalter der Utopien endgültig vorüber zu sein. Wohlstand und Frieden ketten offensichtlich den utopischen Geist der Menschen an den Boden der Tatsachen fest. Aufwärts- und Vorwärtsflüge sind schlaff und kraftlos. Wir sind skeptisch gegenüber Heilsversprechen.

Das Narrativ, das uns abhanden gekommen ist, fördert zwei wichtige Aspekte zutage: Erstens scheint sein Fehlen den Nährboden für radikales Gedanken- und Gefühlsgut zu düngen, das diese Lücke auszufüllen bestrebt ist. Eine fortwährend emanzipatorische Bewegung, ein dauerhafter Aufbruch, der unausgesetzt Schranken umzuwerfen gewohnt ist, weckt die Sehnsucht nach Ankunft, nach neuen Grenzen. Zweitens ist es vielleicht gar nicht so schlecht, dass wir kein Narrativ mehr haben; wir haben mehr oder minder unsere großen politischen und wirtschaftlichen Ziele erreicht, wir leben in Frieden und Wohlstand. Nun müssen wir uns mit der Langweile arrangieren. Lieber Langweile in Frieden und Wohlstand als Kurzweil in Krieg und Krise.

Vorbilder statt Ereignisse

Was bleibt also übrig? Einen alles einenden Mythos scheint es nicht zu geben. Den Überschuss unserer Kräfte vermögen wir auch nicht so freizusetzen, dass er in eine Utopie mündet. Recht hat Botho Strauß, wenn er sagt, dass wir in einer Art „Jetzt-Eschatologie“ leben. Wenn es also keinen Gründungsmythos gibt und keine Utopie, haben wir uns nichts mehr zu erzählen? Doch.

Europa ist so vielfältig, dass es nur Narrative in Mehrzahl geben kann. Nicht alle diese Narrative werden dieselbe Zugkraft entfalten. Sie werden ihre Kraft vor dem Hintergrund von Umbrüchen und Umwälzungen in den jeweiligen europäischen Ländern beziehen – zeitlich begrenzt und räumlich umgrenzt. Die ganz großen Narrative entstehen heute im außereuropäischen Raum – in Afghanistan, in Ägypten, im Irak oder in Russland. In Europa hingegen werden wir eher kleinere und brauchbare als große und grundlegende Narrative erzählen.

Keine große Erzählung

Der italienische Schriftsteller Umberto Eco schlägt vor, auf Euro-Scheinen die Abbilder großer europäischer Persönlichkeiten zu drucken, z.B. von Claude Chabrol oder Roberto Rossellini oder Thomas Mann. Nicht bloß Ereignisse, sondern Vorbilder stiften Identität, ermuntern zur Nachahmung und liefern kleine und große Geschichten. Ob und wann wir ein Narrativ in Einzahl erzählen werden, wissen wir nicht.

Aber eins sollten wir bedenken: Europa ist mehr als eine Währungsgemeinschaft und auch mehr als eine bloße Wertegemeinschaft. Europa ist vielmehr eine Kulturgemeinschaft und Rechtsordnung, die ihr Sinnbild in der griechischen Mythologie findet, wonach Klugheit (Metis) und Gesetz (Themis) die Gemahlinnen des Zeus sind, der in der Schöpfung für eine sittliche Ordnung verantwortlich ist. Keine große Erzählung, aber eine solche, woran wir uns gelegentlich erinnern sollten.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Thilo v. Trotha, Dietmar Till.

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