Spezial zur Europawahl

Am Wendepunkt

Nach einer Reise über 13.000 Kilometer durch 14 europäische Länder auf den Spuren der jungen Generation sind Vincent-Immanuel Herr und Martin Speer nach Deutschland zurückgekehrt. Ihre Erkenntnisse regen zum Nachdenken an.

Wie steht es um die jungen Europäer? Was eint und trennt sie, und was bedeutet all dies für die Zukunft der europäischen Idee? Mit diesen Kernfragen haben wir uns auf eine Forschungsreise quer über den Kontinent begeben. In über 200 Interviews wagten wir den Versuch, unserer Generation, der Altersklasse zwischen 18 und 36 Jahren, am Puls zu fühlen.

Dabei führte uns unsere Reise von Schweden über Mittel- und Westeuropa bis in die Staaten des europäischen Süden und Ostens. Auch Nicht-EU-Mitgliedstaaten wie die Türkei oder Ukraine waren auf unserer Route. Die Erkenntnisse am Ende unserer Reise haben uns überrascht und stimmen uns zugleich sorgen- als auch hoffnungsvoll.

Weit verbreitetes Unsicherheitsgefühl

Festhalten lässt sich: Europas junge Menschen sind eine Generation der Verunsicherten. Die wirtschaftliche Krise, korrupte Nationalregierungen, steigender Konkurrenzdruck unter jungen Menschen und ein europaweites Spardiktat im Bildungsbereich haben ihre Spuren hinterlassen. Tiefe Narben, die sich immer weiter ins kollektive Gedächtnis einer ganzen Generation eingraben.

Die Ursachen für das weit verbreitete Unsicherheitsgefühl sind mannigfaltig. Zum einen liegt es an der immer noch andauernden schwierigen Situation am Jobmarkt. Besonders in den südlichen Staaten sind junge Menschen mit einer unverzeihlich hohen Jugendarbeitslosenquote konfrontiert. Fatal, ist es doch jene junge Lebensphase, in der entscheidende Prägungen und Erfahrungen für das weitere Leben gesammelt werden. Die 20er-Jahre im eigenen Leben sind Jahre, in denen wir unsere Potenziale, aber auch unsere Grenzen kennenlernen. Millionen von jungen Europäern jedoch machen aktuell die Erfahrung, viele Grenzen, aber nur wenig Potenzial zu erfahren. Ein wahrhafter Kreativitäts- und Selbstbewusstseinsblocker. Selbst in wohlhabenden Ländern wie Schweden trafen wir auf viele gut ausgebildete und sozial kompetente junge Menschen, die Schwierigkeiten hatten, einen Vollzeitjob zu finden und sich stattdessen oftmals von Teilzeitstelle zu Teilzeitstelle hangeln. Von der Situation junger Griechen, Italienerinnen und Spanier ganz zu schweigen. In diesen Ländern herrscht eine wahre Verzweiflungsstimmung vor.

Die schlimmste Folge all dieser Komponenten: Junge Menschen wachsen ohne großes und tief verankertes Selbstbewusstsein auf und glauben nicht oder nicht mehr an die Kraft ihrer eigenen Stimme und Vision. Den Jungen, die dem Volksglauben nach voller Ideale stecken, vergeht der Idealismus. Von jetzt an wird nur noch ums Überleben gekämpft. Das schädigt nicht nur das eigene Leben und Selbstwertgefühl, sondern auch ganze Gesellschaften nachhaltig. Wenn die Jungen die Hoffnung in die Zukunft verlieren, welche Chancen haben wir dann noch?

Um es kurz zu fassen: Die Entscheidung über unsere Zukunft ist noch nicht gefallen. Denn obwohl viel den Bach runterzugehen scheint, gibt es immer noch diejenigen jungen Mutmacher und Mutmacherinnen, die uns wortwörtlich beweisen, dass die Hoffnung zuletzt stirbt. Das spornt an. Junge Aktivisten in Spanien arbeiten daran, politisches Interesse zu wecken. Eine Jurastudentin in Neapel plant, das Rechtssystem ihres Landes wieder auf ordentliche Beine zu stellen, ein Ökonom in Griechenland sieht in innovativen Start-ups das Rezept zur politischen Besserung seines Landes, Demonstrantinnen vom Taksim-Platz in der Türkei berichten mit strahlenden Augen von der Hoffnung auf politische Verbesserung in ihrem Land. Nein, die Geschichte ist eindeutig noch nicht vorbei. Wir haben noch eine Chance. Aber diese gilt es nun zu nutzen.

Mehr als Forderungen und Ideen

Auf unserer Reise sind wir Vertretern und Vertreterinnen einer Generation begegnet, die in puncto Ausbildung, internationaler Erfahrung, Vernetzung und Kreativität vorhergegangene Generationen problemlos in den Schatten stellt. Was fehlt, ist die Motivation, die Vision, der Glaube an Veränderung. Daher ist es so wichtig, für uns junge Europäer und Europäerinnen endlich zu agieren anstatt zu reagieren, endlich aufzuhören zu warten, sondern etwas Neues von uns aus zu beginnen.

Momentan spricht vieles dafür, dass uns die Politik wie die Wirtschaft nicht retten wird. Daher muss der einzige logische Schluss sein, es selbst in die Hand zu nehmen. Unsere Generation muss erwachen, sich ihres Potenzials bewusst werden, sich vernetzen und pro-aktiver Akteur werden. Poltisch zu sein, kann viel bedeuten und geht weit über das oft bürokratische parteipolitische Dasein hinaus. Sich eine eigene, reflektierte Meinung zu bilden, ist der erste Schritt.

Durchdachte Forderungen und Ideen zu entwickeln, der zweite. Doch dann muss es noch weitergehen. Die Implementierung und Durchsetzung neuer Ideen, gerechter Visionen und nachhaltiger Pläne erfordert langfristiges Engagement und persönliche Hingabe. Dies ist für unsere Generation keine Option mehr, sondern mittlerweile schlichtweg ein Muss. Europa braucht uns genauso wie wir Europa brauchen. Gehen wir es an!

Leserbriefe

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