Spezial zur Europawahl

Zerrissene Grande Nation

Rechts gegen links. Laut gegen leise. Reich gegen arm. Frankreich erlebt viele Konflikte. Martin Speer und Vincent-Immanuel Herr finden heraus, wie die junge Generation damit umgeht.

Frankreich, die „Grande Nation“, erscheint aktuell weniger grande. Das europäische Kernland durchlebte eine Zeit der inneren Zerrissenheit und sich stetig verstärkenden Polarisierung – auf politischer wie gesellschaftlicher Ebene. Insbesondere die junge Generation Frankreichs spürt das Auseinanderdriften der gesellschaftlichen Meinung und Realitäten hautnah.

Auf unserer Recherchereise im Rahmen des „Finding Young Europe“-Projektes treffen wir eine Reihe von Studenten und jungen Voll- und Teilzeitbeschäftigten aus verschiedenen Teilen Frankreichs, darunter auch französische Vertreter des Europäischen Jugendparlaments. Die 1987 in Frankreich gegründete Initiative ist ein Bollwerk der politischen Meinungsbildung, europäischen Diskurses und wird besonders in Frankreich als Debattenplattform regelmäßig genutzt. Der französische Arm ist überdies der mitgliederstärkste in Europa.

Unsere Gespräche zeigen uns verschiedene Trends und enthüllen: Gegensätze in Frankreich wachsen, gerade in der jungen Generation. Diese könnten sich in den nächsten Jahren auch auf europäischer Ebene negativ auswirken, da der Konflikt extreme Parteien stärkt und das politische Mittelfeld schwächt. Im Groben lassen sich unsere Erkenntnisse in drei Kategorien einteilen: Die französische Protestkultur ist stark ausgeprägt, aber nur selten findet der Protest den Weg in die Gesetzgebung. Das junge Frankreich hat ein angespanntes Verhältnis zur politischen Elite. Chancenungleichheiten, auch aufgrund von Hautfarbe, tragen zur Spaltung der Gesellschaft bei.

Skandal jagt Skandal

Hartnäckig hält sich hier das Stereotyp, dass die Menschen in Frankreich besonders gerne auf die Straßen gehen und protestieren. Das ist nach wie vor der Fall – auch unter den Jungen. Eine von den Eltern übernommene Kultur, welche in den Städten stärker ausgeprägt ist als auf dem Land. Grundsätzlich scheint es jedoch, dass Protest mehr eine kulturelle Aktivität ist als ein wirkliches politisches Instrument. Der Protest als Event, als Ort der Begegnung, als Ausdruck französischen Lebensgefühls. Unsere Gesprächspartner kritisieren, dass oftmals nach dem Protest der nächste logische Schritt, die politische Implementierung, flachfällt. Zu häufig bleibt der Spielball nach dem Ausdruck der Beschwerde im Strafraum liegen und findet seinen Weg nicht ins Tor. Weil den Akteuren auf beiden Seiten nach dem lauten Schreien die Geduld, die Ausdauer und das Engagement fehlen, die geäußerte Kritik in konkrete Gesetze oder Aktionen umzuwandeln.

Solange diese Art der stilisierten Protestkultur an der Oberfläche bleibt und das Land inhaltlich und konstruktiv nicht vorwärtsbringt, stärkt sie Missmut und bewirkt ein Gefühl der Machtlosigkeit und Ohnmacht.

Das Gefühl der Machtlosigkeit wird auch genährt durch eine sehr breite Skepsis gegenüber der politischen Führung im Land. Wir waren überrascht, zu hören, dass die große Mehrheit unserer Gesprächspartner aus verschiedenen Teilen Frankreichs enttäuscht ist von der politischen Klasse. Hier spielen gebrochene Wahlversprechen, aber auch das oft als skandalös empfundene Privatleben der Top-Politiker eine Rolle. François Hollandes kürzlich bekannt gewordene Affäre zu der Schauspielerin Julie Gayet und das damit verbundene Hintergehen seiner Lebensgefährtin Valérie Trierweiler oder die regelmäßigen Sexskandale eines Dominique Strauss-Kahn und anderer Meinungsführer desillusionieren das junge Frankreich. Sie führen zu einer spürbaren Ablehnung etablierter politischer Parteien, extreme Randparteien hingegen profitieren von diesem Trend.

Gemeinhin wird besonders François Hollande als herbe Enttäuschung wahrgenommen. Wir hören sehr oft, dass Hollande bereits bei der Wahl für viele nur eine unzureichende Alternative zu Nicolas Sarkozy gestellt hat. „Wir haben nicht Hollande gewählt, sondern Sarkozy abgewählt“, beschreibt den Missmut vieler junger Französinnen und Franzosen gut. Der sozialistische Präsident ist bereits jetzt der unbeliebteste Präsident, den die Fünfte Republik seit 1958 hatte.

Gelebter Rassismus

Auch wenn viele nicht gerne darüber sprechen, Migration, Hautfarbe und materieller Status sorgen bis zum heutigen Tage für gewaltige Konflikte und Spaltungsprozesse innerhalb Frankreichs. Wir sprechen mit Eva aus einem Pariser Vorort. Ihre Eltern kamen in den 1970er-Jahren aus Kamerun nach Frankreich, heute studiert sie an der renommierten Eliteuniversität „Sciences Po“ in Paris, als eine der wenigen Studentinnen mit Migrationshintergrund.

Das Gespräch mit ihr zeigt klar, dass Hautfarbe in Frankreich nach wie vor ein Karriere- und Bildungsblocker sein kann und gerade jungen Menschen die Hoffnung auf eine gute Zukunft verwehrt. Eva erzählt uns, dass schon in frühen Jahren farbigen Schülern vonseiten der Schule geraten wurde, doch eher einen praxisorientierten Bildungspfad statt dem akademischen einzuschlagen.

Dies scheint kein Einzelfall zu sein. Schülern mit primär afrikanischem oder arabischem Migrationshintergrund scheinen bewusst Potenziale abgesprochen zu werden. Das ist nach wie vor gelebter Rassismus. Wie fühlt sich ein junger Mensch, der nicht nur im privaten Bereich Rassismus ausgesetzt ist, sondern auch noch von staatlicher Seite aus mal mehr, mal weniger bewusst diskriminiert wird? Es lässt sich feststellen. Die gesellschaftliche Polarisierung und Spaltung führt zu Missmut und Enttäuschung, Kriminalität und Isolierung.

Die Randbereiche von Paris, im Volksmund schlicht als cité bezeichnet, in denen überdurchschnittlich viele Migranten leben, und in denen Armut und Verbrechen um sich greifen, zeigen das zunehmende gesellschaftliche Auseinanderdriften. Es wird an jungen und charismatischen Aufsteigern wie Eva liegen, eine gesellschaftliche Vorbildrolle und Schlüsselposition einzunehmen und das System der gezielten Spaltung von innen zu brechen. Dafür braucht sie Mut, den sie sich selbst erkämpfen muss, denn Politik, Medien und der französische Elitegedanke, so zeigten es unsere Beobachtungen, sprechen ihr ihren Erfolg regelmäßig ab.

Frankreich geht uns Deutsche an

Das erschreckende Resultat der oben genannten Punkte führt uns immer wieder zu einer Partei, die in dieser Zeit der Konflikte wächst: der Front National. Wer in Deutschland schon Angst vor der AfD hat, die es vergangenen September nicht einmal in den Bundestag schaffte, sollte sich im Angesicht des starken Front National lieber warm anziehen.

Die Partei, gemeinhin als nationalistisch und rassistisch bekannt, bekommt von jungen Menschen mehr und mehr Unterstützung, auch aufgrund des charismatischen Julien Rochedy, der als Vorsitzender der Jugendorganisation der Partei auf Stimmenfang geht. 2012 erzielte die Partei bei den Nationalwahlen bereits fast 18 Prozent – ein verstörendes Zeichen. Unwirksamer Protest auf der Straße, zunehmende Verrohung vieler französischer Vorstädte, Chancenungleicheit und nicht zuletzt das schwindende Vertrauen in etablierte Kräfte spalten das junge Frankreich in diejenigen, die eine positive Veränderung bewirken wollen und können sowie mehr Europa begrüßen, und diejenigen, die das Handtuch schmeißen und reihenweise zum Front National oder anderen Demagogen überlaufen.

In Frankreich zeigt sich, was geschieht, wenn ein Land und seine Bevölkerung Spaltungsprozessen relativ unbeteiligt zusehen und diese fortlaufend geschehen lassen.

Ein stabiles, solides Frankreich ist ein Grundpfeiler der EU und muss auch als solcher verteidigt werden. Das geht auch uns Deutsche an. Denn die Stärke Europas und seiner Nationen liegt nicht im Herausbilden einer leistungsgedopten Elite, sondern in der Entfaltung der Potenziale gesellschaftlicher Pluralität. Frau Merkel und Herr Hollande sollten beim nächsten deutsch-französischen Tee das Thema einmal ernsthaft vertiefen.

Leserbriefe

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