Spezial zur Europawahl

Gemeinsam gegen die Krise

Marode Strukturen, korrupte Politiker: Die Krise in Italien trifft vor allem junge Menschen. Vincent-Immanuel Herr und Martin Speer haben herausgefunden, warum uns das alle angeht.

Hören wir in Deutschland Wörter wie Jugendarbeitslosigkeit und Euro-Krise, so denken die meisten zuerst an Spanien oder Griechenland. Hier, so sind wir uns sicher, ist wirklich Not am Mann. Italien hingegen ist weniger auf unserem Radar präsent. In der drittgrößten Volkswirtschaft der EU kann die Lage so schlimm ja schließlich nicht sein. Das ist leider ein Trugschluss. Wir waren vor Ort, in Neapel, Rom und Bologna, und haben mit jungen Menschen über die EU, ihre eigenes Land und ihre Zukunft gesprochen. Das Resultat: Um Italiens Jugend steht es kritisch. Sie alle, ob im industriellen Norden oder landwirtschaftlichen Süden, ob Studentin oder Vollzeitbeschäftiger, eint dies: ein verlorener Glaube an die politischen Institutionen des Landes der EU, ein Verzweifeln an täglich gelebter Korruption und eine fehlende Perspektive auf Erfolg im eigenen Land.

Im Unterschied zu Griechenland und Spanien blieb Italiens Jugend verhältnismäßig ruhig. Gewaltbereite Demonstrationen blieben überwiegend aus, Autos brannten nur vereinzelt, all das, was die Medien so gerne sehen, passierte nicht in Italien. Unsere Gespräche zeigen, dass dies an einer so verzweifelten Lage liegt, dass junge Italienerinnen und Italiener gar nicht erst ihre Zeit mit Protesten verschwenden, sondern von vornherein die Hoffnung aufgeben, etwas verändern zu können. Zu Tausenden packen sie ihre Sachen und machen sich auf den Weg außer Landes. Es gibt auch die wenigen, die vorhaben zu bleiben und ihr Land zu verändern – aber es ist die Minderheit. Was wir immer wieder hören, ist lediglich: „Wenn all diejenigen gehen, die gut ausgebildet sind und Perspektiven haben, dann bleiben nur die Populisten, Nationalisten und Korrupten zurück. Irgendwer muss den Karren doch aus dem Dreck ziehen.“ Und das ist keine leichte Arbeit. Schauen wir uns einmal die größten Probleme an.

Verlorener Glaube an die Politik

Politiker haben keinen guten Ruf unter den jungen Menschen in Italien. Dies ist zwar auch in anderen Ländern der Fall, aber hier besonders zu spüren. Jahre der Ära Berlusconi haben sichtlich Wunden und Scham hinterlassen. Wen wir auch fragen, keiner will jemals für Berlusconi gestimmt haben. Woher die große Zustimmung kommt, ist unseren Gesprächspartnern auch ein Rätsel. Doch Medienmogul und Skandalkönig Silvio Berlusconi hat nicht nur Vertrauen in die politische Klasse zerstört, sondern auch das Ansehen Italiens fundamental beschädigt, so wird es uns gesagt. Eine junge Kellnerin in Bologna bringt es wie folgt auf den Punkt: „Wir waren einmal das Land von Michelangelo oder DaVinci. Heute sind wir nur noch das Land von Berlusconi. Der Witz Europas.“ Die Verbitterung ist ihrer Stimme zu entnehmen. Wir wissen nicht recht, was wir antworten sollen.

Auch die EU als Institution schafft wenig Vertrauen. Im Gegenteil, für viele Italienerinnen und Italiener erinnert sie nur täglich an das Versagen des eigenen Landes. In Rom und Neapel hören wir von Vertretern der jüdischen Gemeinde und von Studenten: Die EU sei nunmehr ein einziger ökonomischer Zusammenschluss. Kultur, Werte und Ideen fänden kaum Beachtung. Und da Italien ökonomisch am Absteigen sei, mache die EU diesen Abstieg nur noch drastischer und erinnere das Land konstant an die eigenen Schwächen. Kulturelle oder länderspezifische ökonomische Stärken würden meist übersehen und fänden keine Beachtung. Und noch mehr: Der ökonomische Monofokus begünstigt die nördlichen Länder, sodass nun die südlichen versuchen würden, den Norden zu kopieren. Doch dieses Kopieren geht auf Kosten der eigenen Vorzüge. Bei der ökonomischen Aufholjagd verliere Italien Kultur und Seele.

Das scheint uns schlüssig. Wir hören wenig von den vielen Verdiensten der italienischen Kultur für den Rest Europas. Während im Norden Europas fröhlich Pizza gegessen und Armani getragen, italienische Kunst bewundert wird, versucht das Heimatland dieser Schätze verzweifelt, so zu werden wie Deutschland. Das Resultat: Der europäische Norden ist wirtschaftliches Kraftzentrum und opferte dafür den wunderbaren italienischen Lifestyle. Fatalerweise fehlt Italien nun zunehmend beides. Einheit in Vielfalt sieht eindeutig anders aus.

Omnipräsente Korruption

Die italienische Mafia und ihre Machenschaften sind keine stereotypische Vorstellung oder gar romantisierte Ikone vergangener Tage. In Italien ist die mafiöse Macht omnipräsent. Besonders in Neapel, bekannt als Camorra-Hochburg, hören wir viele Geschichten, die nicht im Ansatz romantisch sind. Ohne Schmiergelder läuft wenig, neue Firmen zu gründen bleibt ein Albtraum, EU-Gelder werden in vetterwirtschaftlichen Geschäften verschleudert und kommen nie dort an, wo sie gebraucht werden.

An der Universität von Neapel werden die unmittelbaren Folgen spürbar. Studentinnen und Studenten haben schon seit geraumer Zeit die Cafeteria und die Bibliothek besetzt. Der Grund: Die Bibliothek der Universität ist umgezogen. Ein beliebter Weg, um öffentliche Mittel abzuzweigen und in dunkle Kanäle zu lenken. In Folge kostet das Ausleihen von Büchern unverhältnismäßig viel und so machen Stundenten selbstständig Kopien und leihen sich diese untereinander aus. Die Cafeteria selbst, mit Millionen subventioniert, wurde nie fertiggestellt. Nun teilen die Studenten selbst Mittagessen aus und kochen. Not macht erfinderisch – und hinterlässt frustrierte junge Menschen. Doch was tun? Öffentlich mafiöse Strukturen anprangern? „So mancher von uns hat schon ein Messer an der Kehle gehabt, als er dies tat“, antwortet man uns. Es ist schlichtweg lebensgefährlich, sich allzu öffentlich zu äußern – besonders im Süden Italiens.

Und gegen organisiere Kriminalität kann man schwer auf die Straße gehen – zumindest im Süden. Erst kürzlich gingen über 100.000 Menschen am 22. März 2014 in Latina, nahe Rom, am Vorabend des „Tags der Erinnerung und des Einsatzes“ auf Protestzug gegen die Mafia. Doch Veränderung muss in den staatlichen Strukturen stattfinden.

In Italien bleibt die Korruption nicht auf die Mafia beschränkt, sondern reicht in alle Institutionsebenen und Regierungszirkel herein. Polizisten blicken bei Verbrechen weg, Politiker kontrollieren die Medien oder lassen Gelder im großen Stil verschwinden. Das ist längst Norm. Kein Wunder, dass die neue und laute „Cinque Stelle“-Bewegung gerade unter jungen Menschen sehr beliebt war. Schließlich versprach sie einen Weggang von der typischen Politik, eine Rückkehr zum Volk, eine neue Ehrlichkeit. Nach den Parlamentswahlen 2013 herrscht aber auch hier Enttäuschung vor. Aus der ehemaligen Bürgerbewegung werde langsam eine normale politische Partei mit internen Streitigkeiten und fragwürdigen Machenschaften, sagt man uns. Das enttäuscht.

Keine Zukunft im eigenen Land

Fast alle unsere Gesprächspartner und -parterinnen planen, das Land irgendwann zu verlassen. Dafür müssen sie gutes Englisch sprechen, was oft nicht der Fall ist. Extrakurse können weiterhelfen. Doch sie wollen alles tun, um in ein anderes Land zu kommen, wo es Arbeit aufgrund von Qualifikation und nicht bloß aufgrund persönlicher Kontakte gibt.

Was uns besonders schmerzt, ist zu sehen, wie schwer den jungen Italienerinnen und Italienern dieser Schritt fällt. Die meisten sind sehr stolz auf ihre Heimat und würden sehr gerne in der Nähe der Familie bleiben. Zähneknirschend planen sie dennoch die Ausreise.

Wir fragen eine Literaturstudentin in Bologna, ob es eine bessere Lösung gibt und bekommen die Antwort: „Ich denke über dieses Problem jeden Tag meines Lebens nach. Ich bin zu keinem guten Ergebnis gekommen.“ Die Krise in Italien ist real, Tag für Tag. Eine ganze Generation, die die Hoffnung aufgibt und nicht mehr weiter weiß, schockiert uns tief. Wie soll die Zukunft eines ganzen Landes aussehen, wenn die Jungen aufgeben? Wir wissen es nicht. Doch ist klar: Dieses Problem geht uns alle an.

Leserbriefe

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