Spezial zur Europawahl

Eine Generation erwacht

Die letztjährigen großen Protestbewegungen in der Türkei haben viele Menschen in Deutschland überrascht. Ein knappes Jahr später waren Vincent-Immanuel Herr und Martin Speer in Istanbul, um mit jungen Menschen über ihre Erfahrungen zu sprechen.

Die Türkei ist ein sehr junges Land. Mit einem Durchschnittsalter von 30 Jahren und einem Viertel der Bevölkerung unter 18 Jahren erscheint die Altersstruktur das genaue Gegenstück Deutschlands zu sein.

Die große Anzahl junger Menschen ist besonders in Istanbul sofort zu spüren. Die Stadt ist lebendig, innovativ, pulsierend. Es wird getüftelt, geredet und in die Disko gegangen. Start-ups schießen aus dem Boden, von überallher aus dem Land kommen junge Menschen in die stetig wachsende Mega-Metropole. In den letzten 25 Jahren hat sich die Bevölkerungszahl Istanbuls auf stolze 13 Millionen vervierfacht. Viele Jahre lang verlief dieser Aufstieg weitestgehend ruhig und friedlich. Doch damit ist nun Schluss, denn seit Kurzem wird auch wieder ordentlich demonstriert.

Auch hier, die Jungen ganz vorne mit dabei. Während junge Türkinnen und Türken auch schon vor ein paar Jahren gerne auf Partys gegangen sind und Unternehmen gegründet haben, ist die junge Protestkultur hingegen vollkommen neu. Bis 2013, so wird uns wieder und wieder gesagt, war die Jugend der Türkei weitestgehend politisch inaktiv, ja sogar desinteressiert. Dies zeigt sich auch an der Altersstruktur des türkischen Parlaments. 2011 war das Durchschnittsalter 51 Jahre. Gerade einmal 12 Prozent der Parlamentarier waren unter 40 Jahren. Frauen grundsätzlich unterrepräsentiert.

Die Türkei, ein Land regiert von alten Männern.

Eine apolitische Generation erwacht

Wir haben nachgefragt, woher das Desinteresse der Jungen kommt. Ein Grund liegt nach Aussage unserer jungen Gesprächspartner in der jüngeren Vergangenheit. Die Militärherrschaft Anfang der 1980er-Jahre, die teilweise mit extremen Gewalttaten und Unrecht einherging, hat eine ganze Generation, die Eltern der heutigen jungen Türken, nachhaltig vom politischen Leben entfremdet.

Folglich zogen diese ihre Kinder in dem Glauben groß, dass politische Ambitionen gefährlich, aber auch sinnlos seien. Dieses anerzogene apolitische Denken hatte keinen Einfluss auf die Wahlbeteiligung, jene ist erstaunlich hoch in der Türkei, aber auf das sonstige politische und gesellschaftliche Engagement junger Menschen.

Dieser Zustand politischer Stille hielt bis zum Mai 2013, als die Polizei unter extremer Gewaltanwendung gegen Umweltaktivisten vorging, welche eine Umgestaltung des Gezi-Parks im Herzen Istanbuls verhindern wollten. Als wir mit verschiedenen jungen Frauen und Männern in Istanbul über diese aufgewühlte Zeit sprachen, zeigte sich klar, dass die ab Mai folgenden Proteste im Gezi-Park und auf dem Taksim-Platz ein Befreiungsschlag waren. Mehr noch. Es war das Erwachen einer Generation, die sich jahrelang zurückgehalten, zugeschaut und zu oft weggeschaut hatte.

Vor einem Jahr, mehr oder weniger zufällig so scheint es, kam das Fass zum Überlaufen. Die Proteste erfuhren ungeahnte Maße an Unterstützung. Fast über Nacht wurde die junge Türkei politisch aktiv und entwickelte Visionen und Pläne. Nicht nur in Istanbul, sondern in vielen Teilen des Landes. Die freie Meinungsentfaltung explodierte. Seitdem ist nichts mehr, wie es einmal war. Die Proteste eskalierten, die Staatsgewalt antworte mit harten Mitteln. Es gab mindestens 15 Tote und Hunderte, wenn nicht Tausende Verletzte. Weltweit solidarisierten sich Menschen mit den jungen türkischen Demonstranten.

Nach dem vorigen Sommer sind die Gezi-Proteste, ihre Folgen und Auslöser das Gesprächsthema Nummer eins. Es wird uns sogar gesagt: „Wir reden nur noch über die Proteste und die politische Lage. Es gibt kein anderes Thema. Es ist beinahe schon wieder nervig.“

Erdoğan auf Abwegen

Die Regierung Erdoğan wurde und wird als Unterdrückung empfunden. In den vergangenen Jahren häuften sich Fälle, in denen Grundrechte wie Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit, Geschlechtergleicheit, aber auch Trennung von Staat und Kirche übergangen wurden.

An unserem ersten Abend in Istanbul wurde der elektronische Nachrichtendienst Twitter abgestellt. Neben Facebook das meist genutzte Nachrichtenmedium unter jungen Türken.
Für uns ist es die erste echte Erfahrung mit Zensur. Ein bedrückendes Erlebnis.

Darauf angesprochen, dass Erdoğan bis 2013 international hoch anerkannt und respektiert wurde, antwortete einer unserer Gesprächspartner: „Ich weiß nicht genau, wann er den Verstand verloren hat. Wahrscheinlich ist das schon sehr lange her. Es hat nur gebraucht, bis das auch wirklich an die Öffentlichkeit gedrungen ist. In der Türkei machen wir uns schon seit Langem Sorgen.

Im Ausland scheint davon vor 2013 hingegen nicht viel angekommen zu sein.“ Von dem, was wir hören, steht es zu befürchten, dass Erdoğan die Verfassung weiter verwässern wird. Für seine Politik bekommt er von einem breiten Teil der Bevölkerung, allen voran älteren und sozial schwächeren Wählerschichten breite Unterstützung. Die Erfolge seiner Partei bei der letzten Regionalwahl unterstreichen diese Beobachtung. Hier zeigt sich, dass der Konflikt in der Türkei auch ein Generationen- und Bildungskonflikt ist. Für viele unserer neuen Freunde ist klar, dass Erdoğan die Türkei auf einen Weg in Richtung Theokratie führen wird. „Die Trennung von Staat und Kirche gibt es eh schon lange nicht mehr“, sagt man uns.

Die Proteste sind auch ein Generationenkonflikt

Genau das macht den jungen Menschen Sorgen. Die liberale Demokratie aufgeben zugunsten eines Systems à la Iran? Nein, danke, sagen die Jungen. Und wenn sie aus liberalen Elternhäusern kommen, erfahren sie erstaunliche Unterstützung. Wir hören Geschichten von den Anfängen der Proteste.

Eine Demonstrantin erzählt uns, wie sie ihren Eltern am Anfang erzählt hat, woran sie sich beteiligt. „Damals hatten meine Eltern viel Angst um mich und versuchten, mich aufzuhalten. Sie meinten, es sei zu gefährlich. Wenig später wurde der Widerstand weniger. Sie meinten nur noch, ich sollte mit meinen Freunden weiter hinten bleiben, weg von den Kämpfen. Nach ein paar Wochen war alles anders. Meine Eltern haben uns förmlich aus den Betten gezogen und uns zum Protest geschickt. So wichtig war es nun auch für sie.“

Ihre Freundin erzählt Ähnliches: „Meine Mutter hat Gasmasken für uns gekauft und Flüssigkeiten hergestellt, die wir uns gegen das Tränengas unter die Augen reiben konnten. Wir bekamen Proviant und Verpflegung. Meine Mutter hat oft geweint, wusste aber, dass wir das Richtige tun.“ Dennoch ist dies in vielen Familien anders. Wir hörten auch Geschichten, in denen die Proteste Familien im Streit entzweiten. Oft werde der Konflikt auch entlang einer Generationenlinie geführt. Das tut dem Land weh.

Die Demografie der Proteste zeigt dies klar. Die meisten Demonstranten waren junge Vollzeitbeschäftigte, mehr als ein Drittel Studenten, die Hälfte Frauen, wie eine Studie des Istanbul Policy Center zeigt. Das Durchschnittsalter lag bei 28 Jahren. Es protestierten also genau die sozialen Schichten, die politisch hoffnungslos unterrepräsentiert und regelmäßig unbeachtet blieben und bleiben. Spannend ist es, zu sehen, dass knapp 80 Prozent der Demonstranten keiner Partei oder politischen Organisation angehörten.

Für diese Menschen ging es nicht um parteipolitische Ideen oder Ziele, sondern um mehr. Mit fast 60 Prozent führte die Mehrheit der Demonstranten Angst vor Freiheitsverlust als größten Motivator an. Dementsprechend überrascht es nicht, dass beinahe die Hälfte der Taksim-Besetzer erst kamen, als sie von der Polizeigewalt hörten. Schnell entwickelte sich eine starke Solidarität unter den jungen Demonstranten. Unbekannte wurden unterstützt und verbunden. Menschen verschiedenster Glaubensrichtungen beteten nebeneinander. Innerer Zwist und Rivalität schienen vergessen. Es gab nur ein Ziel: Widerstand gegen einen als autokratisch empfundenen Staat.

Die Türkei steuert in die Ungewissheit

Wir haben diese Gespräche Ende März geführt, also wenige Tage vor den als so entscheidend wahrgenommenen Kommunalwahlen, die auch als großer Stimmungstest galten. Damals wurde uns gesagt, dass sich viele junge Menschen nicht vorstellen können, wie Erdoğans Partei noch einmal triumphieren könnte. Heute wissen wir, dass Erdoğan tatsächlich triumphiert hat.

Gleich nach der Wahl dann wieder besorgniserregende Worte. Die Opposition werde bezahlen. Gleichzeitig scheint es auch uns, dass Erdoğan die junge Opposition im eigenen Land unterschätzt. Er mag nun gewonnen haben, wird sich aber langfristig mit einer Generation auseinandersetzen müssen, die nicht mit stillhält und zuschaut, sondern agiert und gestaltet. Die Entscheidung, wohin die Türkei gehen wird, mag noch nicht gefallen sein, es ist aber klar, dass das Land und seine jungen Menschen zunehmend politisch interessiert sind. Von daher werden wir bestimmt noch viel hören über das Land zwischen Schwarzem Meer und Mittelmeer.

Leserbriefe

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