Spezial zur Europawahl

Das höchste Gut

In Europa beglückwünscht man sich zu 70 Jahren Frieden, aber ohne der Kraft, die diesen sichert, zu huldigen.

Der „Nationalsport“ war Boßeln und Klootschießen, das „Nationalessen“ Grünkohl mit Bregenwurst. Man sprach Plattdeutsch und sang „Wo de Nordseewellen trecken an de Strand …“. Dagegen sangen meine Eltern, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus Schlesien vertrieben worden waren, „Kehr ich einst zur Heimat wieder … mein Schlesierland, mein Heimatland.“ Ich war in Schlesien geboren worden und wuchs in Ostfriesland auf, ich sang beides, je nachdem, was gerade passte.

Regionalismus, Heimatverbundenheit oder auch regionale Identität. Manchmal habe ich gemerkt, dass Regionalismus auch ausschließenden Charakter haben kann und dass es hin und wieder Tendenzen von Kitsch, Deutschtümelei und sogar Nationalismus zu begegnen gilt.

Inzwischen sind die meisten der heimatvertriebenen Schlesier gestorben, Ostfriesland ist nicht mehr ein kulturell unterentwickelter Landstrich, die Gegensätze zwischen den einzelnen Volksgruppen in Deutschland sind Geschichte und Europa wächst mehr und mehr zusammen. Die Lebensbedingungen auf unserem Kontinent haben sich in den vergangenen Jahren immer weiter angeglichen, wozu nicht nur die wirtschaftliche und technologische Entwicklung beigetragen hat, sondern auch der sich entfaltende kulturelle Austausch zwischen den Ländern sowie der Blick über den eigenen Tellerrand in die Wirklichkeiten der übrigen Welt.

Dostojewski spielte Roulette in Baden-Baden

So ganz neu ist dieser Austausch allerdings nicht. Grenzüberschreitungen hat es immer schon gegeben, und ihre Bedeutung für die Literatur, Kunst und Wissenschaft kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Zum Beispiel lebte in Emden/Ostfriesland der in Westfalen geborene calvinistische Staatsrechtler Johannes Althusius (1563-1638), der in Basel und Genf das Recht studiert hatte. Der schlesische Poet Andreas Gryphius (1616-1664) traf in Amsterdam den niederländischen Poeten Joost van den Vondel. Erasmus von Rotterdam, der 1536 in Basel starb, pflegte einen umfangreichen Briefwechsel mit Geistesgrößen in ganz Europa. Der Nürnberger Bildhauer Veit Stoß (1447-1533) arbeitete in Krakau.

In den Dombauhütten waren Baumeister aus vielen Ländern Europas vereinigt; italienische Architekten wirkten in Deutschland, Frankreich oder Polen. Damals waren die Grenzen zeitweise durchlässiger als später im 20. Jahrhundert, sodass viele Künstler, Schriftsteller und Wissenschaftler problemlos ihren Wohnsitz wechseln und ihre Kenntnisse und Erfahrungen austauschen konnten. Voltaire lebte am Hofe Friedrichs des Großen in Berlin; Dostojewski spielte Roulette in Baden-Baden; Brancusi, Edward Munch, Kandinsky, August Strindberg oder Chopin gingen nach Paris; Ortega y Gasset lebte in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden.

Die Fluktuation – und damit der geistig-kulturelle Austausch – hatte allerdings auch profanere Gründe. So floh Georg Büchner – verfolgt von der hessischen Geheimpolizei – nach Frankreich und in die Schweiz; Georg Forster, Heinrich Heine und Ludwig Börne emigrierten nach Paris. Und im „Dritten Reich“ dann emigrierten viele der deutschen Intellektuellen nach Schweden, England oder weiter in die USA, nach Mexiko und Südamerika. Drei Jahrzehnte später flohen griechische Künstler vor der Militärdiktatur nach Deutschland, Frankreich und Polen; aus Russland kamen Dissidenten nach Westeuropa.

Alle diese Künstler, Schriftsteller, Dichter, Architekten und Gelehrten inspirierten sich über die Jahrhunderte gegenseitig, und insofern können wir von einer europäischen Kunst und Literatur, von einer europäischen Kultur sprechen. Im weitesten Sinne gehören dazu auch die Achtung der Menschenrechte, das Bildungswesen, Wohnbedingungen oder Essgewohnheiten, ja sogar Verkehrswesen, Krankenversorgung oder die Behandlung von Strafgefangenen. Grundlagen dieser europäischen, früher abendländisch genannten Kultur sind zurückzuführen auf Einflüsse der griechischen Philosophie und Humanitas, der römischen Zivilisation, jüdischer und christlicher Religion sowie in jüngerer Zeit der Französischen Revolution mit ihrer Forderung nach Freiheit, Gleichheit und Mitmenschlichkeit.

Vielfalt verhindert Krieg

Seit einigen Jahrzehnten gewinnen jetzt neben der fortschreitenden Globalisierung die einzelnen Kulturräume und regionalen Kulturkreise wieder größere Bedeutung. Denn trotz hoher Mobilität und der sterilen Lebensweise in der modernen Medien- und Konsumgesellschaft werden die Menschen immer noch weitgehend geprägt von klimatischen Bedingungen, geografischer Lage, Landschaft, Geschichte, ethnischer und kultureller Zugehörigkeit, lokalen Eigentümlichkeiten, Sitten und Gebräuchen oder Folklore, wie auch von wirtschaftlichen und sozialen Lebensumständen, historischen Begebenheiten oder besonderen Ereignissen.

Die positiven Wechselwirkungen kreativer und oftmals antizipatorischer Ideen und Visionen haben dazu geführt, dass wir heute in einer Weltregion leben, in der die Menschheitsgeißeln nicht nur der Seuchen und des Hungers, sondern auch fortwährender kriegerischer Auseinandersetzungen weitgehend der Vergangenheit angehören. Der Sozialpsychologe Alexander Thomas spricht in diesem Zusammenhang von einer „Kulturalisierung der Konflikte“. Diese Vielfalt, in Verbindung mit intellektuellem Austausch und Diskussion, gilt es vermehrt zu fördern.

Gute Ansätze dazu finden wir im Jugendaustausch, in Schul- und Städtepartnerschaften, Programmen für Studierende (z.B. ERASMUS, EUCOR), internationalen Kulturzentren sowie Programmen des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), der Gewerkschaft und der Volkshochschulen. Schüler, Studierende, Künstler, Schriftsteller und Wissenschaftler haben zumeist keine Probleme miteinander. Sie überwinden mit Leichtigkeit sowohl reale als auch mentale Grenzen. Dabei sollte nicht übersehen werden, dass zur Überwindung von Fremdheit das Bewusstsein für die positiven Elemente eigenkultureller Identität hinzukommen muss.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Julia Kristeva.

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