Spezial zur Europawahl

„Ich vermisse die Leidenschaft in der Politik“

Der Schriftsteller und Moderator Wolfgang Herles findet, wir müssen uns in die Europapolitik stärker einmischen. Ein Gespräch über Selbstzerstörung, die Wichtigkeit von Streit und das stets skeptische Europa.

The European: Herr Herles, wie wichtig ist es, über Europa zu streiten?
Herles: Es ist vor allem deshalb wichtig, weil wir zwar mitten im Europawahlkampf sind, aber die Politiker nicht das leisten, was sie leisten müssten.

The European: An was denken Sie?
Herles: Jene Fragen kontrovers miteinander zu diskutieren, die die Zukunft von Europa betreffen. Wenn man mal von den Populisten absieht, dann sind alle einer ähnlichen Meinung und das ist falsch. Man muss Europa zu den Kontroversen zurückführen, die in den Köpfen der Bürger tatsächlich vorhanden sind. Das sind große, skeptische Fragen, die man nicht einfach mit dem Pragmatismus der Europäischen Kommission und der Räte wegbügeln kann.

The European: Die Spitze des Ganzen ist wohl der Kuschel-Wahlkampf von Juncker und Schulz, die sich gegenseitig in Interviews als gute Europäer bezeichnen. Wenn nicht mal die Politiker Unterschiede feststellen können, wo soll der Wähler welche finden?
Herles: Woher kommt der Kuschel-Wahlkampf, das ist die interessante Frage!

The European: Und, woher kommt er?
Herles: Wir stecken nicht mehr im Kalten Krieg mit seiner Konfrontation der Ideologien. Das ist zwar schön, aber ein bisschen mehr Ideologie würde ich mir in der Politik wünschen. Ein bisschen mehr Haltung. Mehr Grundsätze, mehr Zukunftsvisionen! Das ist ja ein Wort, das komplett aus der Politik verbannt wurde, ja zum Unwort erklärt worden ist. Wenn die Politiker wieder mehr Grundsätze im Kopf hätten, Zielvorstellungen, dann gäbe es auch weniger Kuschel-Wahlkampf. Die Kuschelei ist nur ein Symptom der Gedankenarmut.

„Wichtig sind die Impulse zum Streiten“

The European: Woran liegt das, am Personal, am Zeitgeist?
Herles: Daran, dass es keine ideologisch grundlegenden Unterschiede mehr zwischen den Parteien gibt. Wir haben nur noch die große Mitte. Frau Merkel hätte bei der SPD Karriere gemacht, bei der FDP, selbst bei den Grünen. Bei der Linken bin ich mir nicht ganz sicher. (lacht) Aber sie hätte beinahe überall Karriere gemacht. Das spricht für eine Angleichung der politischen Klasse, die ganz schädlich für die Demokratie selbst ist. Denn Demokratie heißt Streit.

The European: Worüber sollen wir denn streiten?
Herles: Wir stehen vor ganz großen Entscheidungen! Nationalstaat oder weitere Integration? Zusätzliche Erweiterungen oder lieber Vertiefung der Union? Das sind Grundsatzfragen, die nicht besprochen werden.

The European: Warum nicht?
Herles: Man fährt lieber auf Sicht. Aber das macht man alternativlos! (lacht)

The European: Woher könnte der Impuls kommen, nicht mehr nur auf Sicht zu fahren?
Herles: Nur von außen. Es müssen sich Leute, wie die Schriftsteller bei dieser Veranstaltung, in die öffentlichen Debatten einmischen. Die können auch mal Blödsinn reden, die können auch mal Dinge fordern, denen niemand ernsthaft zustimmen kann. Das ist völlig egal. Wichtig sind die Impulse zum Streiten – im positiven Sinne.

The European: Wie meinen Sie das?
Herles: Nicht streiten im taktischen Sinne für Machtspielchen. Streiten der Sache wegen. Das fehlt uns.

The European: Meinen Sie, die Krise in der Ukraine könnte ein weiterer Impuls sein, der die Politik wachrüttelt? Bisher hat man nicht den Eindruck.
Herles: Habe ich auch nicht. Aber es kommt uns wieder ins Bewusstsein, was wir zu verlieren haben. Es geht nicht darum, ob wir die Ukraine jetzt demnächst in die EU aufnehmen oder durch Abkommen noch weiter von den Russen entfremden. Das ist eine Frage der Diplomatie, des Fingerspitzengefühls.

The European: Worum geht es dann?
Herles: Es geht um das Bewusstsein, dass wir Werte vertreten, die sehr attraktiv sind. Etwa für Leute in der Ukraine, die sich Demokratie wünschen. Und dass wir merken, dass wir diese Werte auch nach außen verteidigen müssen. Es ist nicht so, dass alle bei uns Mitglied werden wollen. Da gibt es Grenzen.

„Skeptizismus gehört zu Europa“

The European: Welche?
Herles: Die russische Mentalität ist eine andere. Aus dieser Mentalität heraus werden sie nie eine Demokratie nach europäischem Vorbild hinbekommen.

The European: Nie?
Herles: Man soll nie nie sagen. Aber jedenfalls nicht in den nächsten 30 Jahren.

The European: Ist es insofern gar nicht überraschend, dass es heute die nicht-europäischen Gäste bei der Veranstaltung waren, die am begeistersten von Europa sind?
Herles: Klar. Das wundert mich überhaupt nicht. Aber das muss auch so sein.

The European: Warum?
Herles: Der Skeptizismus gehört zu den europäischen Werten, zu den Werten der Aufklärung. Das ist Teil unseres Denkens. Wir müssen kritischer über Europa denken als die, die uns bewundernd anschauen. Aber es ist gut, das gelegentlich zu hören.

The European: Wo sind die Grenzen dieses Skeptizismus? Im Fall der Ukraine-Krise differenzieren die sogenannten „Putin-Versteher“ bei Putin mehr als bei der Bundeskanzlerin.
Herles: Die Grenzen des Skeptizismus sind dort, wo die Selbstzerstörung anfängt. Wenn wir Sachen nicht nur infrage stellen, sondern sie beenden, weil wir nicht mehr die Ausdauer, nicht mehr die Geduld und die Leidenschaft haben, für etwas zu kämpfen. In der Politik vermisse ich die Leidenschaft auf jeder Ebene.

„Putin zum Monster zu machen, kann keine Antwort sein“

The European: Leidenschaft wofür?
Herles: Für das, wovon ich überzeugt bin, auch zu kämpfen. Und nicht nur auf die letzten demoskopischen Ergebnisse zu schauen und danach mein Mäntelchen auszurichten. Wenn wir damit in Europa anfangen, ist es vorbei. Wenn wir die Bevölkerungen abstimmen lassen, wären die vielleicht sogar gegen den Euro. Es ginge auf jeden Fall nicht mehr weiter. Da sind die Grenzen. Ansonsten würde ich mich nicht wehren, selbst als Putin-Versteher bezeichnet zu werden. Wir gehen mit Illusionen an die Sache heran.

The European: Mit welchen?
Herles: Es ist eine Illusion, zu glauben, dass Putin und Russland das Trauma des Verfalls der Sowjetunion so einfach wegstecken würden. Und es ist ja so, dass sich die NATO zuerst nach Osten ausgedehnt hat und nicht Russland nach Westen. Dass noch etwas nachkommt, darf uns doch bitte nicht überraschen. Putin zum Monster zu machen und entsetzt die eigenen Hoffnungen zu begraben, kann keine Antwort sein.

The European: Was dann?
Herles: Man muss Putin ernst nehmen. Er ist ein Nationalist. Aber der Nationalismus ist auch bei uns in Europa und in der Europäischen Union noch nicht ausgestorben.

Das Gespräch führte Thore Barfuss.

Das Gespräch entstand im Rahmen des Kongresses Dispute over Europe, auf dem Wolfgang Herles eines der Panels moderierte.

Dispute over Europe Logo

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